Vortrag

Eine kleine Wertphilosophie des Unbewussten

Vortrag von Andreas Böschemeyer

Wir sprechen von innerer und äußerer Welt. Beide Welten sind eng miteinander verknüpft, denken wir nur an die Weltsicht des Verliebten im Gegensatz zur Weltsicht des Depressiven. Nur zusammen bilden beide Seiten zusammen die Einheit des Menschen.

Wir haben im Hamburger Institut für Logotherapie und Existenzanalyse ca. 30.000 Wertimaginationen studiert, und sind zu der Auffassung gekommen, dass es eine Reihe von Leitlinien gibt, die unsere Seele für wertvoll erachtet. Diese Leitlinien sind von unmittelbarer Bedeutung für die Heilkraft der Seele. Sie scheinen ganz offensichtlich unabhängig von der Individualität, dem Typus, der Lebensgeschichte, und der Kultur des Menschen zu sein.

Es sind Herausforderungen für ein gelingendes Leben, Leitlinien für Heilung, Maßstäbe für authentisches Leben. Ich möchte ihnen ein paar davon vorstellen.

1. „Jeder Mensch trägt in sich ein ursprüngliches Bild, was darauf wartet, gelebt zu werden.”

Im dem berühmten Satz, „werde, der du bist” wird der Mensch aufgefordert seine Anlagen zu entwickeln, das auszuleben, was wir in uns tragen. Menschen erfahren in der Wertimagination zu ihrem Original ein Bild ihrer Selbst, welches die Anlagen und Möglichkeiten zeigt. In Imaginationen zu unserem Original werden Menschen mit einem inneren Bild ihrer Selbst konfrontiert, welches zeigt, wie unsere Anlagen aussehen, – dies frei von unseren Ängsten, frei von den Einflüssen beispielsweise der Eltern oder unserer Partner.

2. „Wer die Ruhe sucht, gewinnt Sammlung, findet leichter sich selbst und seinen Weg durch das Leben.”

Der innere Indianer bittet beispielsweise einen Imaginanden sich ins Gras zu setzen und in die Weite zu schauen, um zur Ruhe zu kommen. Erst wenn der Imaginand in die Ruhe gekommen ist, wird die Reise fortgesetzt. Wer sich sammelt, Ruhe sucht, kommt zu sich, wer zu sich kommt, ist bei sich und kann daher das Wesentlich tun und finden. Kein Mensch der Welt kann in Hektik heilen.

3. „Sag mir, worauf und wie du in’s Leben siehst, und ich will dir sagen, wie erfüllt dein Leben ist.”

Oft genug werden die Imaginanden dazu aufgefordert durch die Augen ihrer Wertgestalten zu schauen, so dass in schwierigen Alltagssituationen durch die Brille des inneren Lebenskünstlers beispielsweise eine wirklich bedrohliche Situation zu einer Herausforderung wird.

Es geht darum alles mit mehr Humor zu sehen, damit das bleibt, was wirklich wichtig ist, und schädliche Affekte, z.B. Aggression nicht mehr zerstören, als sein muss. Unser innerer Lebenskünstler fordert uns nicht selten dazu heraus, in einer Situation, die zerstörerisch ist, einen neuen kunstvollen Umgang mit dieser Situation zu kreieren, einen Umgang, der alternativ zum Aggressiven Programm dazu herausfordert, die Aggression beim gegenüber zu belassen, bei uns zu bleiben, unsere Seelenruhe zu bewahren ganz im Sinne einer heiteren Gelassenheit.

4. „Wer mit allen Sinnen durchs Leben geht, dem öffnet sich der Sinn.”

Sinn und Sinnlichkeit gehören zusammen. Es macht einen Unterschied ob ich die Landschaft sehe, oder rieche, dass die Blumen duften, das Wasser nach Salz riecht etc.

5. „Wer die Mitte der Dinge sucht, erkennt deren Wesen und Sinn und wird dadurch in seinem eigenen Wert- und Sinngefühl berührt.”

Wer in die Mitte der Dinge sieht, sieht in das eigentliche Wesen der Dinge, fragt nach dem, was wichtig ist, was wesentlich ist. Hier zeigt sich der Unterschied von Oberflächlichkeit und Tiefsinn. Das ist der Ort an dem wahrscheinlich die besten Entscheidungen fallen.

6. „Wer mit Leib, Seele und Geist auf sein Ziel ausgerichtet bleibt, erlebt die Kraft es auch erreichen zu können.

Der Mensch, der seine Ziele im Blick behält, sich dabei vom jeweils Wichtigsten leiten lässt, macht oft die Erfahrung, dass auf so manche Dinge verzichten muss, schöpft aber auf der anderen Seite aus dem geleisteten Verzicht Kraft für seine Mitte.

7. „Wenn ich keinen Weg mehr vor mir sehe, ebnet nicht selten die innere Welt einen Weg für mich – Schritt für Schritt.”

Ein Imaginand steht vor einem Abgrund und bekommt Panik. Seine inneren Helfer ermutigen ihn zu vertrauen, und gehen mit ihm weiter. Mit jedem Schritt, den der Imaginand in die gähnende Tiefe hineingeht, bildet sich ihm ein neuer Weg. Der Abgrund war bald überwunden. Es sind hier keine realen Abgründe gemeint, sondern vielmehr die Abgründe der Seele, die überwunden werden wollen. Ein Abgrund der Seele ist beispielsweise ein überwertiger Zweifel. Ich pflege manchmal zu sagen, wer zu viel zweifelt, verzweifelt. Das bedeutet für unsere Realität, dass, wenn wir uns in einer scheinbar ausweglosen Situation befinden, wir von Zeit zu Zeit einfach dem Leben vertrauen müssen, auch dann, wenn wir den Weg noch nicht sehen.

8. „Der unbewusste Geist weiß Wege durch das Leben, die der Verstand nicht kennt.”

Die Gestalten des unbewussten Geistes, die Wertgestalten, wissen die Wege, die wir mit unserem Verstand nicht zu finden in der Lage sind. Das heißt: Weniger die Aktion, als vielmehr unsere Stille zu suchen. Mehr in Bildern, statt in Abstraktionen zu denken. Eine große Hilfe sind hier die symbolischen Ausformungen des unbewussten Geistes, die Wertgestalten.

9. Selbst entscheiden und Handeln.

Wir sehen in vielen Imaginationen Schiffe. Schiffe sind oft ein gegenwärtiger Ausdruck der Persönlichkeit. Was auffällt ist, dass sich oft nicht der Imaginand, sondern alle möglichen anderen Personen am Steuer des Schiffes befinden, oder aber niemand. Wir finden an diesen Steuerrädern Mütter, Väter, Lebenspartner.

Jeder Imaginand, der sein Lebensschiff selber steuert kommt zumeist auch durch „schwere See” hindurch in die Gewässer, wo die Sonne scheint. Also: „Gelebte – und nicht nur behauptete – Selbstverantwortung ist die primäre Bedingung dafür, dass ich mein Ziel erreiche.”

10. Das Licht ist stärker als die Dunkelheit.

In der inneren Welt ist nichts stärker als das Licht. Zeigt sich in einer Wertimagination das Licht, sind die größten Gefährdungen überwunden. Dem Imaginanden wird warm ums Herz. Er fängt an Lebenskraft zu spüren. Die meisten Imaginanden spüren dann, dass dieses Licht mehr ist als das Licht des Tages, – sie spüren, dass es göttliches Licht ist. Auch unreligiöse Menschen vermögen dies zu spüren.

Ein Mensch sieht in die Mitte des Lichtes hinein. Er erkennt eine Gestalt. Sie ist nicht irdischer Natur. Langsam geht er Schritte auf sie zu. Er kann oder mag nicht weitergehen. Das Licht und die gütige Ausstrahlung der Gestalt sind so überwältigend, dass ihm ein Näherkommen unmöglich erscheint.

„Das Dunkle im Leben drängt sich von selbst auf – das Helle muss man suchen. Die Wut beispielsweise kommt über mich – um Versöhnung muss ich mich bemühen. Unglück stellt sich von selbst ein – nach Gründen für Glück muss ich suchen. Die dunklen Kräfte kommen ungerufen – für die guten Mächte muss ich mich öffnen.”
Das Licht ist die Kraftquelle des Lebens. Es ist das Licht, das die Tiefe ausfüllt, nicht die Dunkelheit.

Zum Schluss

Max Scheler ein großer Philosoph der 20 – er Jahre sagt in seiner materialen Wertethik, dass allen Werten ein Wert zu Grunde liegt.

Der allen Werten zu Grunde liegende Wert ist das Lieben. Es gibt den Mut, die Freiheit, die Großherzigkeit nicht ohne die Liebe.

„Anschaulicher als Poeten und Sänger beschreiben die Wertimaginationen die Liebe.

Vor allem die inneren Verbündeten als Lebens-Bejaher, sind die Liebhaber des Lebens. Die Liebe der Verbündeten durchdringt Körper, Seele und Geist. Sie ist der Grund für die Fähigkeit selbst lieben zu können. Das besondere an ihr ist: Sie ist bedingungslos. Sie rechnet nicht auf oder ab. Sie trägt nicht nach. Sie ist großzügig, großherzig. Sie ist einfach.

„Es ist von entscheidender Bedeutung für das ganze Leben, ob sich ein Mensch auf diese Liebe besinnt und lebt oder sie verweigert. Denn sie ist für ihn die größte Gefährdung und die größte Möglichkeit. Lebt er sie nicht, öffnet er dem Elend Tür und Tor. Lebt er sie, gewinnt sein Leben Glanz.”

Nichts ist wichtiger, als das Wichtigste zu leben: Die Liebe!

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