Vortrag

Der große Raum

Vortrag von

Etwa um das Jahr 1920 waren die Astronomen der ganzen Welt davon überzeugt, dass nur ein Milchstraßensystem, also eine Galaxie, existiere, nämlich die unsrige. Das griechische Wort galaxias bedeutet Milchstraße oder Sternsystem. Astronomen, die vermutet hatten, dass es vielleicht noch andere Galaxien geben könnte, wurden in naturwissenschaftlichen Kreisen als Ketzer angesehen und in den damaligen Fachzeitschriften heftig attackiert oder verhöhnt. Selbst Astronomen, die mit ihren Teleskopen sahen, dass diffuse Lichtpünktchen, sogenannte Nebelflecken, nicht zu unserer Milchstraße gehörten, sondern weit entfernte Galaxien waren, wurden nach dem altbekannten Spruch ins Unrecht gesetzt: Was nicht sein darf, gibt es nicht!

Am 2. Juni des Jahres 1592 sprach Giordano Bruno während seines Verhörs durch die Inquisition in Venedig die folgenden Worte aus, die wie ein Glaubensbekenntnis klingen, wie eine Zusammenfassung seiner Ansichten in Bezug auf Weltall und Mensch. Er sagte: „Ich glaube an ein unendliches Universum als Schöpfung einer unendlichen göttlichen Allmacht, weil ich es für unmöglich halte, dass die göttliche Güte und Allmacht eine begrenzte Welt erschaffen haben soll, während sie außer dieser Welt unzählbar viele andere Welten hätte entstehen lassen können. Darum habe ich die These vertreten, dass es unnennbar viele Welten gibt, die unserer Welt gleichen. Und genau wie Pythagoras bin ich davon überzeugt, dass die anderen Planeten und Himmelskörper auf die eine oder andere Weise der Erde ähneln. Ich glaube, dass alle Himmelkörper Welten sind. Ihre Zahl ist unbegrenzt, und zusammen bilden sie eine unendliche Natur innerhalb eines unendlichen Raumes – und das ist das unendliche Universum: sowohl was die Anzahl der Himmelskörper als auch was die Ausdehnung des Universums betrifft.

Ich weiß, dass dies nicht mit der allgemeinen Glaubenslehre in Übereinstimmung ist. Ich glaube, dass jedes Wesen, wo es im Universum auch sein mag, lebt und besteht und sich vervollkommnet nach einem göttlichen Plan, der göttlichen Vorsehung. Diesen göttlichen Plan sehe ich auf zwei Arten:

* zum ersten ist er anwesend – als Seele – im ganzen Körper. Und darum nenne ich ihn Natur, Schatten oder Spur Gottes;
* zum zweiten ist dieser göttliche Plan auf eine unnennbare Weise anwesend als Allgegenwart Gottes, als eine Allmacht in allem und über allem. Nicht als Teil, nicht als Seele, aber auf eine unerklärbare Weise.”

Kurz zusammengefasst bedeuten diese Worte von Bruno: es gibt ein unendliches Universum, grenzenlose Ausdehnung. Darin sind unendlich viele Himmelskörper. Sie sind Ausdruck der unsagbaren göttlichen Allgegenwart und Allmacht, die zugleich ihre Natur und Spur in das Wesen des Menschen gelegt hat, damit der Mensch sich vollenden wird.

Verneinung ist manchmal der bequemste Weg; Annahme bedeutet meist auch Überwindung. Ein Teil der menschlichen Lebensgeschichte wird auf dem Spannungsbogen zwischen Verneinung und Zustimmung geschrieben. Das Los von Giordano Bruno vollzog sich auf diesem Bogen. Vor mehr als vier Jahrhunderten behauptete er, dass die Anzahl von Sternen oder Himmelskörpern unendlich ist. Die Herrscher seiner Zeit konnten und wollten diese Sichtweise nicht übernehmen.

Im Jahr 1925 veränderte sich die jahrhundertealte dogmatische Sicht der Wissenschaft. Der Astronom Edwin Hubble konnte mit seinem Teleskop auf dem Mount Wilson – damals das größte der Welt – beweisen, dass Nebelflecken in der Tat weit entfernte Sternsysteme sind. Bereits im Jahre 1755 sprach der deutsche Philosoph Immanuel Kant die Vermutung aus, dass mindestens einer dieser diffusen Lichtpunkte nicht zur Milchstraße gehört, sondern zu einem ganz weit entfernten Sternsystem: dieses System ist nun bekannt als der Andromedanebel. Wir können annehmen, dass Kant ein Fernglas oder ein Teleskop benutzte. Aber Giordano Bruno verfügte nicht über solche technische Hilfsmittel. Mit seinem bloßen Auge konnte er höchstens zwischen fünf- und sechstausend Sterne wahrnehmen. Das ist die Anzahl, die man in einer hellen Nacht ohne Teleskop sehen kann.

Soweit bekannt ist, wurde das erste Teleskop in Europa 1609 von Galileo Galilei benutzt. Wie kam Bruno dann zu der Überzeugung, dass in einem grenzenlosen Raum unendlich viele Himmelskörper seien? Vielleicht können wir die Antwort in der bereits zitierten Zusammenfassung seiner Ansichten über Universum und Mensch finden: Die göttliche Allgegenwart hat ihre Natur oder Spur in den Menschen gelegt – in und durch den Menschen sieht die Unendlichkeit sich selbst.

Lassen Sie uns annehmen, dass wir für einen gewöhnlichen, ruhigen Atemzug, das heißt Ein- und Ausatmung, ungefähr sechs Sekunden brauchen. Das sind dann zehn Atemzüge in der Minute. In der Zeit, die wir einmal ein- und ausatmen, hat die Erde ungefähr 200 Kilometer auf ihrer Bahn um die Sonne zurückgelegt. Unser Planet bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von mehr als 30 km/sek. fort. Dies ist kaum vorstellbar. Die Sonne, um welche sich unsere Erde dreht, steht auch nicht still. Sie nimmt uns und alle ihre Planeten mit auf eine Reise entlang der Milchstraße mit einer Geschwindigkeit von 230 km/sek. Die Fortbewegung der Erde ist jedoch komplizierter:

* Zum ersten dreht sie sich um die Sonne;
* zum zweiten reist sie mit der Sonne die Milchstraße entlang. Das ist bereits eine doppelte, spiralförmige Bewegung;
* unsere Milchstraße bewegt sich mit 90 km/sek. in die Richtung ihrer Nachbargalaxie, dem Andromedanebel. Der Abstand zwischen unserem Milchstraßensystem und Andromeda wird auf etwa 2,5 Millionen Lichtjahre geschätzt. Dieser Abstand verändert sich ständig, weil alles in Bewegung ist. Wenn wir davon ausgehen, dass Licht in einer Sekunde 300.000 km zurücklegt, dann ist der Abstand in Kilometern zu dem Milchstraßensystem, das uns am nächsten ist, die Zahl 22 mit 18 Nullen dahinter. In Worten würde das heißen: zweiundzwanzig Quadrillionen Kilometer. Mit einer Geschwindigkeit von 90 km/sek. fliegt oder rast oder schwebt unsere Galaxie in die Richtung ihrer Nachbarin oder ihres Nachbarn.

Bruno deutet die Fortbewegung der Himmelskörper oft an mit dem Wort „schwimmen”, weil für ihn der universelle Raum ein grenzenloses Äthermeer ist, die Weltseele, ein unendlicher Ozean von Energie und Intelligenz. Was die Bewegung und die Fortbewegungs-geschwindigkeiten der Erde, des Sonnensystems und unserer Milchstraße betrifft, hat uns unser Vorstellungsvermögen wahrscheinlich bereits völlig im Stich gelassen. Wir sind noch nicht so weit, und die Frage ist, ob wir jemals so weit sein werden. Unsere Milchstraße und der Andromedanebel gehören zu einer Zusammenballung von Galaxien, die man die Lokale Gruppe nennt. Das ist eine Versammlung von einigen Dutzend Milchstraßen- oder Sternsystemen. Und diese gesamte Gruppe von Galaxien, zu welcher also auch unsere Galaxie gehört, bewegt sich mit etwa 600 km/sek. in die Richtung des sogenannten Virgo-Clusters, einer anderen Gruppe von Galaxien, die sich selbst auch wieder in die Richtung einer viel größeren Ansammlung von Sternsystemen bewegt, die von den Astronomen den Namen Great Attractor (Die große Anziehungskraft) bekommen hat.

Unzählbar viele Himmelskörper, Sterne, Galaxien, Gruppen von Sternsystemen, unvorstellbare Bewegungen, nicht nachzuvollziehende Geschwindigkeiten in einem nicht zu erfassenden Raum. Aber das ist noch immer nicht die Unendlichkeit. Und wenn wir sagen „noch immer nicht”, dann erwecken wir den Eindruck, dass wir Unendlichkeit irgendwann einmal erfassen könnten, indem wir unseren Blick nach oben oder nach draußen richten. Mit dem modernen Hubble-Teleskop, im Augenblick wahrscheinlich das beste, das es gibt, schauen Astronomen in eine Ferne von 15 Milliarden Lichtjahren. Eine Lichtsekunde sind 300.000 km. 15 Milliarden Lichtjahre ist keine Kleinigkeit, aber gemessen an der Unendlichkeit ist es weniger als eine Kleinigkeit.

Giordano Bruno erklärt, dass die Unendlichkeit sich nicht teilen lässt: nicht in Gebiete, nicht in Abstände, nicht in Zeitperioden. Es gibt nicht so etwas wie die Hälfte der Unendlichkeit. Jede imaginäre Hälfte würde vollkommen unendlich sein. Man kann von der Unendlichkeit keinen Millimeter abziehen, und selbst dieser Millimeter würde dann unendlich sein; denn es gibt nur eine Unendlichkeit. Keine zweite, dritte oder vierte oder wieviele dann auch. Die Vielfältigkeit ist eine Erscheinung in der und durch die Begrenzung für unser in drei Dimensionen arbeitendes Bewusstsein. Aber Unendlichkeit selber ist keine Erscheinung. Sie ist der absolute Urgrund alles Bestehenden; sie ist das Absolute. Alles, was in der Unendlichkeit erscheint, bewegt sich. Unendlichkeit selbst ist unbeweglich; denn es besteht außerhalb von ihr kein Raum, auf welchen sie sich zubewegen könnte. Wenn außerhalb der Unendlichkeit noch Raum sein würde, dann wäre die Unendlichkeit nicht unendlich. Wenn wir nachts unseren Blick auf den Sternenhimmel richten, dann schauen wir eigentlich auf ein gigantisches Spiel von Bewegungen, Veränderungen, Positionsverschiebungen und Geschwindigkeiten in einem immensen Raum, von dem wir uns keine Vorstellung machen können. Wir sehen einen kosmischen, einen interkosmischen Tanz, ausgeführt auf einem grenzenlosen Tanzboden.

Das uns am nächsten liegende Milchstraßensystem ist also ungefähr 2,5 Millionen Lichtjahre von uns entfernt. Astronomen schätzen die Anzahl von Galaxien bis heute auf 400 Milliarden. Das lässt uns still werden, still durch die unaussprechliche Größe des Mysteriums, das sich dahinter verbirgt. Und das sich auch im Menschen verbirgt! Deshalb das Suchen, das Verlangen nach Kenntnis und Weisheit, nach Einsicht, Erfassen und Umfassen. Das Gleiche zieht das Gleiche an, sucht das Gleiche. In und durch den Menschen sieht die Unendlichkeit sich selbst. Das Eine drückt sich aus in dem Vielen, differenziert sich in eine unendliche Verschiedenheit. Und der Mensch, Teilhaber an der Verschiedenheit, kann nach vielen Irrfahrten, nach vielen Tanzschritten auf dem kosmischen Tanzboden, bewusst Anteil erhalten am Unendlichen, dem absoluten Sein. Dann wird der Tanz ein immenser Freudentanz. Bruno nennt dies die Vollendung.

Wer kann sich eine Vorstellung von der Geschwindigkeit machen, mit welcher die Erde um die Sonne kreist, womit die Sonnen und die 400 Milliarden Galaxien und mehr durch den Raum schweben? Wer kann das umfassen? Wer kann die Abstände und die Räume zwischen den Sternsystemen – die Unendlichkeit – umfassen, erfassen?

Aber… warum sprechen die Menschen dann darüber? Weil das Unvorstellbare wohl eine Tatsache ist. Und diese Tatsache verweist auf das unnennbare Mysterium, das sich dahinter verbirgt, das Mysterium des Weltalls, das Mysterium des Lebens, das Mysterium des Menschen. Diese drei Mysterien sind eins, und der Schlüssel zu diesem Mysterium liegt im Menschen verborgen, sagt Giordano Bruno. In seinem De triplici minimo schreibt er: „O Du, unendlich Eins, Du lässt Deine ewige Flamme in meiner sterblichen Brust auflodern, Du lässt mein Herz im Glanz Deines Lichtes dahinschweben und in der Glut Deines Feuers entbrennen, damit ich, dem Weg der Sterne folgend, durch Deine unendliche Welt ziehen kann, gelöst von allen Schatten, losgelöst von der bindenden Last der trägen Materie, befreit von der Macht der Sinneswerkzeuge. Licht, all-schauendes Licht, Du erschaffst Licht, damit alles geschaut werden möge.”

Und in einem Sonett aus der Schrift Über die Ursache, das Urprinzip und das Eine:

„Aus Dir, Ursache und Grund, aus Dir, ewig Eines,
strömt überall Leben, Sein, Bewegung.
Du gießt Dich aus in Höhe, Breite und in Tiefe,
damit Himmel, Erde, Unterwelt zum Vorschein kommen mögen!
Mit Herz, Verstand und auch mit meinem Geist
kann ich durchstreifen Dein‘ Unendlichkeit,
die keine Zahl kann messen,
wo überall der Mittelpunkt und nirgends Umkreis ist.
In Deinem Wesen lebt und ruht mein Wesen.
Obwohl Verblendung, Wahn und Meuterei
der Not der Zeiten sich verbinden,
obwohl gemeine Tat in Niedertracht ein Band mir schmiedet,
obwohl Ruchlosigkeit in düstrer Eifersucht Kielwasser fährt –
gelingt es ihnen nicht, die Luft zu decken mir mit Dunkel,
da dem Versuch zum Trotz mein ungetrübtes Aug‘ noch funkelt,
die Schönheit meiner Sonne ihre Strahlen schenkt.”

* * *

In der Vorderasien-Abteilung des Pergamon-Museums, dem städtischen Museum von Berlin, befindet sich unter Katalognummer VA1243 die wahrscheinlich älteste Sternenkarte der Menschheit. Diese Karte ist beinahe 5.000 Jahre alt und stammt demnach aus dem dritten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung. Es ist eine Tontafel, die den Akkadern zugeordnet wird, die einst im heutigen Irak, dem Zweistromland, das sich zwischen Euphrat und Tigris befindet, lebten. Auf dieser Karte ist unser Sonnensystem korrekt wiedergegeben: in der Mitte die Sonne. Darum herum – in der richtigen Reihenfolge – der kleine Merkur, Venus und Erde (beinahe gleich groß), der Mond, dann Mars, die zwei großen Planeten Jupiter und Saturn und außerdem Uranus, Neptun und der Zwergplanet Pluto. Es ist sogar noch ein Planet wiedergegeben, der jetzt noch unbekannt ist, obwohl einige Astronomen seine Existenz vermuten.

Nikolaus Kopernikus hat im Jahre 1543 – fünf Jahre vor der Geburt von Giordano Bruno – sein Über die Kreisbewegungen der Himmelskörper publiziert, worin er die gefährliche Behauptung niederschrieb, dass sich die Planeten um die Sonne drehen. Aber 4.000 Jahre vor Kopernikus war das bereits bekannt! Diese Kenntnis ging jedoch im Labyrinth der Zeit verloren, wie so Vieles, das einstmals bekannt war, innerhalb bestimmter Gruppen oder Kreise verschiedener Kulturen verschwindet oder verborgen bleibt, um zu seiner Zeit wieder aufzutauchen und in größerem Umfang Eingang in das Bewusstsein der Menschen zu finden.

Brunos Schriften können wir unter anderem entnehmen, dass Pythagoras viel mehr über das Leben vom und innerhalb des Kosmos wusste als die Generationen, die nach ihm kamen. Es ist bekannt, dass Pythagoras vieles von seiner Kenntnis von den ägyptischen Priestern empfangen haben dürfte. Etwa drei Jahrhunderte nach Pythagoras – im dritten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung – kam durch Aristoteles das Weltbild, das bis in die Zeit von Giordano Bruno und noch lange danach das Denken und das Vorstellungsvermögen regieren würde. Das aristotelische Gedankengut wurde später bestätigt durch den griechischen Sternenkundigen, Geographen und Mathematiker Ptolemäus (zweites Jahrhundert nach Christus), der in Alexandria lebte und wirkte.

Bevor wir in Kürze ihr Weltbild beschreiben, machen wir einen Abstecher zu unserer eigenen optischen Wahrnehmungswelt. Wie schon gesagt: wenn Sie nachts Ihren Blick auf den Sternenhimmel richten, dann schauen Sie auf ein gigantisches Spiel von Bewegungen, Veränderungen und Geschwindigkeiten. Sie sind Zeuge eines kosmischen Tanzes in einem unermesslichen Raum. Aber sehen Sie das auch wirklich auf diese Art? Können Sie denn etwas von der Geschwindigkeit wahrnehmen, mit welcher sich die Erde um die Sonne dreht? Oder fühlen Sie, wie sich die Erde um ihre Achse dreht? Ist nicht eher unser rein optischer Eindruck, dass sich die Sonne um die Erde dreht? Wir sagen doch noch immer: Die Sonne geht auf, die Sonne geht unter.

Auf rein sinnesmäßigem Niveau erfährt der Mensch die Erde als unbeweglich. Die Sonne, die Planeten, das ganze Firmament dreht sich um uns. Der Eindruck von Unbeweglichkeit spielt dem Menschen einen Streich. Nicht nur der Blick auf das kosmische Geschehen, sondern auch der auf das Privatleben und das Zusammenleben wird oft bestimmt durch die Tatsache, dass wir uns selbst als Zentrum der Geschehnisse erfahren. Und von einem Zentrum geht stets etwas Dominierendes aus. Unser Sprachgebrauch unterstreicht das recht hübsch; wie oft sagen wir doch: Alles dreht sich um ihn oder sie. Oder wir gehen davon aus, dass sich alles um uns selber drehen muss…

Dafür gibt es ein treffendes Wort: ego-zentrisch. Die Erde als unbeweglichen Mittelpunkt des Alls zu sehen, ist – wie bekannt – das geo-zentrische Weltbild. Das griechische Wort für Erde ist ge. Und hier kommen wir wieder zurück zu Aristoteles und Ptolemäus. Sie sahen die Erde als Mittelpunkt des Kosmos. Die Erde steht still, und alles dreht sich um sie. (Übrigens ist es interessant, dass die Worte geo und ego aus den gleichen Buchstaben bestehen.) Die Erde ist der Mittelpunkt, und das Firmament dreht sich um sie. Das Wort Firmament sagt es bereits: das lateinische firmare bedeutet befestigen. Man sah den Himmel als eine Art transparentes, kristallenes Gewölbe, woran die Sterne und Planeten als unbewegliche Lichter befestigt sind (Bruno hat sich darüber wiederholt lustig gemacht), und dieses Gewölbe dreht sich in verschiedenen Lagen oder Sphären um die Erde. An diesem Weltbild durfte nicht gerüttelt werden, hatte doch die Erde als Zentrum des Universums eine ganz besondere Funktion. Für die Kirche gab es dann auch nur einen auserkorenen Himmelskörper, auf welchem der Sohn Gottes geboren werden konnte: das war die Erde, der Mittelpunkt des Alls.

Dass Nikolaus Kopernikus eines natürlichen Todes gestorben ist, ist fast ein Wunder, hatte doch die Inquisition seine Schriften 1616 auf den Index gesetzt. Kopernikus war der Begründer des sogenannten heliozentrischen Weltbildes. Für ihn war es deutlich, dass die Erde und die anderen Planeten sich um die Sonne drehen, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Alls ist, und dass die scheinbare Bewegung der Himmelskörper um die Erde entsteht, weil sich die Erde um ihre eigene Achse dreht. Wie Sie wissen, ist helios das griechische Wort für Sonne. Helio-zentrisch bedeutet: die Sonne ist Mittelpunkt des Alls und alles dreht sich um sie. Das bedeutet zwar einen Bruch mit der alten Sicht; aber die Sonne ist noch immer ein feststehendes Zentrum des Universums.

Bruno stützte sich auf die Thesen von Kopernikus, aber er ging weiter, viel weiter. Und der Bruch, den er verursachte, war unakzeptabel. Ihm zufolge ist der universelle Raum vollkommen unendlich, und Unendlichkeit kann keinen Mittelpunkt haben, kann nicht durch Koordinaten bestimmt werden. Jedes Fleckchen in der Unendlichkeit ist Mittelpunkt, jeder der unzählbaren Himmelskörper ist Mittelpunkt. Und nicht allein das, auch jedes Atom, jeder Punkt, jeder Energiepunkt oder jedes Energiequantum ist Mittelpunkt, und die Unendlichkeit ist ein unermesslicher Ozean von Energie. Etwas wie leerer Raum im Sinne eines totalen Vakuums gibt es für Bruno nicht. Den unendlichen Raum nennt er Weltseele, ein grenzenloses Feld von Energie und Intelligenz, wurzelnd in der Unendlichkeit selbst.

Die Unendlichkeit selbst ist Gott. Die Weltseele ist die allgegenwärtige Anwesenheit Gottes im Raum, als Raum. Raum ist Kraft, Energie, Intelligenz, Substanz und formgebendes Prinzip, ist eins, vollkommen eins, ist die Weltseele. Daraus ist alles geworden, und darum ist alles, wie verschieden es auch sein mag, im tiefsten Wesen eins. Durch das Mysterium der Begrenzung gibt es Verschiedenheit. Durch das Mysterium der unendlichen Differenzierung gibt es eine unendliche Vielheit. Wer das Schattendasein in der Begrenzung überwindet, erfährt die absolute Einheit. Das ist, nach Bruno, Vollendung.

In vielen Dingen war Bruno seiner Zeit Jahrhunderte voraus. Vieles von dem, was er sagte und schrieb, klingt für die Menschen unserer Zeit dank der modernen Naturwissenschaft nicht fremd. Atom- und Quantenphysik lassen uns wissen, dass feste Materie nichts anderes ist als Energie in einem bestimmten Zustand. Aus sich selbst besteht feste Materie nicht. Aus der Raumforschung geht hervor, dass es Hunderte von Milliarden Galaxien in einer Ausdehnung gibt, an die keine einzige Vorstellung heranreicht. Und doch gab es für Bruno mehr, viel mehr. In einigen seiner Visionen wird er jetzt durch Forschungsergebnisse bestätigt.

Aber sein Schauen ging tiefer. Für ihn ist der universelle Raum die Einheit, und die Weltseele kennt keine Leere in sich selbst. Sie ist allgegenwärtige Fülle, Intelligenz, Bewusstsein. Und deshalb ist alles beseelt, zwar auf verschiedene Weise, auf verschiedenem Niveau, aber doch beseelt. Ohne Beseelung könnte nichts bestehen.

Nun gibt es Wissenschaftler, die davon ausgehen, das es in der Tat keinen leeren Raum gibt. All das Schwarze, das nachts zwischen den Sternen zu sehen ist, ist ihnen zufolge Energie. Ein Kubikzentimeter des sogenannten leeren Raumes des Universums enthält so viel Energie, dass damit alles Wasser auf der Erde, also alle Ozeane, Seen und Flüsse, zum Kochen gebracht werden könnten. Man spricht von Tachyonen- und Nullpunkt-Energie. Das sind alles Hypothesen, Theorien. Es bleiben Fragezeichen. Der Naturwissenschaftler Stephen Hawking ist jedoch optimistisch. Im Vorwort seines Buches Das Universum, 1988 geschrieben, sagt er: „Innerhalb weniger Jahre werden wir wissen oder dürfen wir glauben, dass wir in einem Universum leben, das sich selbst vollkommen umfasst, ohne Anfang oder Ende.”

Für Bruno ist das Sein der Weltseele, das Sein des unendlichen Energie- und Bewusstseinsfeldes keine Frage. Ihm zufolge befindet sich eine besondere Konzentration der Weltseele im Zentrum jedes Himmelskörpers und wird somit jeder Planet, jede Sonne aus ihrem Kern bewegt. In der Mitte jedes Himmelskörpers treibt und wirkt die lebendig-bewegende, steuernde Kraft. Jeder Himmelskörper ist Mittelpunkt in der Unendlichkeit. Natürlich stehen die Kräfte auch in Interaktion, aber jeder Himmelskörper, jedes Wesen lebt und bewegt sich aus seinem Kern heraus. Der Quell von diesem allem ist die Weltseele, die in der Unendlichkeit, dem Einen, wurzelt.

Im Dialog Über die Ursache, das Urprinzip und das Eine schreibt Bruno: „Somit ist das All eins, unendlich, unbeweglich. Eins, sage ich, ist die absolute Möglichkeit, eins die Wirklichkeit, eins die Form oder Seele, eins die Materie oder der Körper. Eins ist die Ursache, eins das Wesen. Eins ist das Größte und das Beste, das nicht besser verstanden werden kann und deshalb unbestimmbar und unbegrenzbar ist, das dadurch auch unbeschränkt und unbestimmt ist und daher unbeweglich.”

Aus derselben Schrift kommt das folgende Zitat: „Denn wenn derjenige, der das Eine nicht begreift, nichts begreift, so begreift derjenige alles, der in Wahrheit das Eine begreift; und wer immer mehr zur Kenntnis des Einen durchdringt, nähert sich auch der Kenntnis von allem.”

Der deutsche Philosoph Ernst Bloch nannte Bruno „Minnesänger der Unendlichkeit”. Und vor zwei Jahrhunderten nannte Friedrich Hegel Bruno einen Kometen, der von der Planetenbahn abgewichen sei, worin die Gelehrtheit und die Schulphilosophie sich bewegten – einen Kometen, der in dreihundert Jahren zurückkehren würde. Laut Hegel werden also die Ansichten Brunos in naher Zukunft in das Denken und das Bewusstsein des Menschen Eingang finden. Vielleicht ist das so.

Hier noch einige Spuren, die der italienische Dichter-Denker mit seinem visionären Intellekt und seinem flammenden Herzen der Menschheit hinterlassen hat. In der Hauptsache sind diese seinen folgenden Schriften entlehnt und in eigenen Worten wiedergegeben: De Immenso (lateinische Werke), Die Vertreibung der triumphierenden Bestie und Über die heroischen Verzückungen (italienische Werke). Die Welten, so stellt Bruno fest, die Weltsysteme und alle sichtbaren Wesen, sind ständig in Bewegung, sind veränderlich und vergänglich. Ewig ist allein die schöpferische Energie, aus welcher alles hervorging. Ewig ist die Urkraft, die in jedem Atom wirksam ist. Jedoch die Konstellationen, die Zusammensetzungen, Formen und äußeren Erscheinungen sind veränderlich.

In der und durch die Unendlichkeit strahlt die Weltseele, die allgegenwärtige göttliche Intelligenz. Sie ist gleichzeitig All-Energie, All-Substanz. Diese Urpotenz differenziert sich ewig in unendlich viele Einheiten. Auf stofflichem Niveau sind das Atome oder, noch kleiner, sub-atomare Energie-Einheiten. Auf der Seelen- und Geistebene nennt Bruno diese Einheiten „Monaden”. Der Unterschied zwischen Monaden und Atomen ist nur ein gradueller in Bezug auf ihre innerlichen Zustände. Man könnte auch sagen: ein Unterschied in der Konzentration der Urpotenz oder All-Intelligenz.

Der Kern des menschlichen Wesens ist eine geistige Monade, eine Einheit, keine Konstellation oder Zusammensetzung anderer Einheiten, und somit nicht vergänglich. Die geistige Monade ist eine Konzentration göttlicher Intelligenz, Vertreter der Unendlichkeit im Menschen, ein geistiges Prinzip mit der Freiheit der Wahl.

Die stoffliche Welt besteht aus veränderlichen Konstellationen von Atomen, von mehr oder weniger schlafenden Monaden. Manchmal nennt Bruno sie die Welt der Schatten. Ebenso wie die Himmelskörper ihre Bahnen ziehen, so zieht der Wesenskern des Menschen seine Bahn durch die stoffliche Welt. Das Ziel dieser Entwicklungsreise ist bewusste Einswerdung des geistigen Prinzips im Menschen mit seinem Urgrund, mit der göttlichen Intelligenz oder göttlichen Wahrheit.

Für Bruno ist der Mensch, der wirklich auf der Suche nach der Wahrheit ist, ein Heros. Das griechische Wort heros bedeutet Göttersohn, Halbgott, Held. Der Mensch ein Halbgott! Nach seinem geistigen Kern göttlich, ewig, nach seiner Form eine vergängliche Erscheinung, halb göttlich, halb sterblich. Der Mensch, der sich unerschrocken einen Weg zur letztendlichen Wahrheit bahnt, ist ein Held; denn er überwindet sich selbst, er überwindet, was an ihm sterblich ist, was ihn von der göttlichen Wahrheit scheidet.

In seiner Schrift Über die heroischen Verzückungen erzählt Bruno die folgende Geschichte aus der griechischen Mythologie: Aktäon, Enkel des Königs von Theben, befindet sich mit seinen Hunden auf der Jagd in einem fast undurchdringlichen Wald, ohne es zu wissen. Er wird von seinem Verlangen nach der Jagdtrophäe vorangetrieben und nähert sich so einer Lichtung mitten im Wald. Dort befindet sich ein See, worin Artemis, die Göttin der Jagd, gerade badet. Aktäon, der Jäger, lugt durch die Sträucher, die den See einrahmen, und sieht Artemis in Begleitung einiger Jungfrauen, die sich ebenfalls alle ihrer Kleider und Hüllen entledigt haben. Er ist tief betroffen von ihrer Schönheit und gerät in Verzückung. Die Jungfrauen entdecken ihn und machen Artemis mit aufgeregtem Rufen auf seine Anwesenheit aufmerksam. Hierauf besprüht die Göttin Aktäon mit Wasser. In dem Augenblick, in dem das Wasser ihn berührt, verwandelt sich der Jäger in einen Hirsch, der in den Wald hinein flüchtet. Der Jäger wird zum Gejagten. Die Hunde stürmen hinter ihm her, schlagen ihre Zähne in seinen Hals und töten ihn.

Außergewöhnlich ist die Auslegung dieser Mythe durch Giordano Bruno. Es gibt viele Arten von Jägern: Jäger nach Glück, Ansehen, Macht und Genuss, Jäger nach irdischen Gütern, Jäger nach mehr Kenntnis. Es gibt auch den Jäger nach der göttlichen Wahrheit, den Heros. Auf seiner Suche kommt er in einen fast undurchdringlichen Wald – in sich selbst, in seinem irdischen, chaotischen, sterblichen Wesen. Die Hunde symbolisieren sein Denken und seinen Willen, die er – jedenfalls anfangs – braucht, um seinem Ziel hinterher jagen zu können. Und dann kommt der wunderbare Augenblick, dass der Held das Mysterium, die göttliche Artemis oder Diana anschauen darf. Das ist der Moment der totalen Veränderung. Der Jäger wird das Gejagte, der Sucher wird oder ist das Gesuchte, oder, wie auch oft gesagt wird: der Wahrnehmer ist das Wahrgenommene.

Bei der Jagd nach dem Göttlichen, dem Allumfangenden, wird man letztendlich selbst durch das Göttliche gefangen. Man wird vollkommen davon in Besitz genommen. Man geht darin auf. Der geistige Kern des Menschen hat seinen Urgrund wiedergefunden. Er wird bewusst eins damit. Und hierdurch verändert sich der Mensch. Aktäon wird Hirsch. Er steigt über sein irdisches Menschsein hinaus und verlässt in Wahrheit die gewöhnliche Welt. Er tritt in den Wald, die Einsamkeit, ein. Schließlich steigt er auch über diesen Zustand hinaus. Er wird losgelöst von allen Banden, Verwirrungen und Illusionen der Sinneswerkzeuge. Er wird befreit aus dem Kerker des körperlichen Seins, was durch den Tod symbolisiert wird. Das ist kein buchstäblicher Tod, sondern der mythische Tod der totalen innerlichen und äußerlichen Veränderung. Der Schauende und das Geschaute sind nun eins. Es gibt keinen Wald mehr, keine Sträucher, die einen Abstand zwischen dem Sucher und dem Gesuchten herstellen. Die Jagd ist zu Ende, der Jäger ist verschwunden. Das geistige Wesen des Menschen ist eins geworden mit der großen Urmonade – mit dem unendlichen Sein, dem unendlichen Selbst.

In seiner Schrift Die Vertreibung der triumphierenden Bestie kleidet Bruno die Reise des Menschen aus seinem irdischen Bestehen zu seiner wahren Bestimmung in ein anderes prächtiges Bild. Er vergleicht den Menschen mit einem Schwan, der tief in seinem Wesen Schmerz und Reue wegen seiner Gefangenschaft im irdischen Bestehen fühlt. „Dieser Schmerz ist der Stachel der Reue, und die Reue können wir eine Tugend nennen. Die Reue gleicht einem Schwan. Er kann sich nicht erheben, weil das Bewusstsein der Erniedrigung ihn auf dem Boden festhält. Darum kehrt er sich von der Erde ab und sucht das Wasser. Das Wasser ist die Träne, vergossen wegen der Gewissensbisse. Und in diesem Wasser trachtet der Schwan sich zu reinigen, um der unberührten weißen Unschuld gleich zu werden.

Der Schwan oder die Seele hält Einkehr bei sich selbst. Sie erinnert sich ihres erhabenen Erbes und beginnt, zuerst zögernd, von all dem Schlechten Abstand zu nehmen. Aufs neue wächst ihr Gefieder, sie erhebt sich, wird erwärmt durch die Sonne und entflammt in Liebe zum Göttlichen. So wird sie ätherisch und verändert sich in ihr eigenes ursprüngliches Wesen. Waren auch Irrtum und Sünde die Ursache der Reue, nun nenne ich die Seele die purpurne Rose, wachsend zwischen scharfen Dornen. Ich nenne sie einen leuchtenden Funken, der, geschlagen aus hartem Kiesel, sich erhebt zur Sonne, mit welcher er innig verwandt ist.”

Vortrag: Erich Kaniok
Übersetzung: Ursula Klee
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