Film und Podiumsgespräch

MORGENRÖTE IM AUFGANG – Hommage à Jacob Böhme

mit den Filmemachern Max Hopp, Jan Korthäuer, Ronald Steckel und Klaus Weingarten

Der Görlitzer Schuhmachermeister und Visionär Jacob Böhme (1575-1624) ist die unbekannteste und zugleich einflussreichste Gestalt der deutschen Geistesgeschichte.

Der Film MORGENRÖTE IM AUFGANG bringt diesen Mann einem heutigen Publikum nahe und beleuchtet damit wesentliche geistige Fragen unsere Zeit.

Rudolf Steiner schrieb über Jacob Böhme:

Jakob Böhme ist wohl eine der merkwürdigsten Persönlichkei-
ten der letzten Jahrhunderte. In der Morgenröte einer ganz
neuen Zeit, an der Wende des 16. zum 17. Jahrhundert steht er
da mit einem Wissen und einer Weisheit, mit einer Weltan-
schauung, die wie ein Abschluss vieler Jahrhunderte erscheint.
Er steht da als eine Persönlichkeit, die in der Folgezeit bis heute
eigentlich recht wenig verstanden worden ist, wenn er auch als
Philosophus teutonicus bezeichnet worden ist und es Gesell-
schaften gegeben hat in Holland, in England, in Deutschland,
die Jakob Böhmes Anschauungen populär zu machen suchten.
Es hat immer Menschen gegeben, die mit Jakob Böhme sich be-
schäftigten.

In dem Jahre, in dem Giordano Bruno den Märtyrertod starb,
1600, gingen ungefähr auch Jakob Böhme seine großen, gewal-
tigen Ideen zum erstenmal durch die Seele. Wer beginnt, sich
mit Jakob Böhme zu beschäftigen und dabei von den Anschau-
ungen der jetzigen Zeit ausgeht, der wird sich in ihm wenig zu-
rechtfinden. Daher kann man in den modernen Büchern über
Jakob Böhme lesen, dass er seine Anschauung in Bildern ge-
bracht habe, die unverständlich und dunkel seien. Wenn man
das Zeug liest, was über Jakob Böhme in neueren Handbüchern
gesagt worden ist, dann darf man sagen, es ist vollständig be-
greiflich, dass man Jakob Böhme unverständlich findet. Was in
den Handbüchern der Philosophiegeschichte über ihn steht, ist
allerdings das unverständlichste Zeug der Welt. Dies ist die ei-
gentümliche Erscheinung, die man bei Jakob Böhme erlebt.

Wenn man das Geistesleben des 19. Jahrhunderts genau kennt,
namentlich dasjenige deutsche Geistesleben, das beeinflusst ist
von speziell philosophischen Kreisen, dann kann man begreifen,
dass Jakob Böhme so wenig verstanden worden ist. Es gibt kaum
größere Gegensätze als Jakob Böhme und Immanuel Kant. Was
sonst die Bildung des 19. Jahrhunderts hervorgebracht hat, das
liegt ziemlich fern dem Geiste dieses merkwürdigen Mannes.
Alle, die vom Standpunkte der theosophischen Weltanschauung
aus versuchen, an Jakob Böhme heranzukommen, werden ver-
wundert sein, dass man bei dem Volke, welches Jakob Böhme
gehabt hat, noch eine theosophische Vertiefung brauchte. Man
braucht, um Theosophie zu kennen, nur Paracelsus und Jakob
Böhme zu kennen. Alles, was sie geschrieben haben, ist gegeben
aus einer tiefen Quelle, mit einer ungeheuern Tiefgründigkeit
und einer magischen Gewalt. Jakob Böhme war einer der größ-
ten Magier aller Zeiten, mit einer Größe, die heute noch nicht
wieder erreicht worden ist.

1575 wurde Jakob Böhme geboren als Kind armer Leute. Er war
zuerst Viehhirt und konnte kaum lesen und schreiben. Wäh-
rend er das Vieh hütete, gingen ihm schon manche merkwürdi-
ge Geistesblitze auf. Ihm kam es manchmal vor, wie wenn jedes
Blatt an den Bäumen, wie wenn die Tiere des Waldes ihm etwas
zu sagen hätten, wie wenn alle Wesen der Natur zu ihm sprä-
chen. Dann trat er bei einem Schuhmacher als Lehrling ein.
Während seiner Lehrzeit ist ein merkwürdiges Erlebnis zu ver-
zeichnen, welches seiner eigentlichen Grundlage nach zu erör-
tern in der Öffentlichkeit nicht möglich ist. Jakob Böhme war
einmal vom Meister und der Meisterin beauftragt, den Laden zu
hüten, während diese ausgegangen waren. Verkaufen sollte er
aber nichts. Da trat zu ihm hinein eine Persönlichkeit, deren
Augen einen ganz besonderen Eindruck auf ihn machten.
Scheinbar wollte diese Persönlichkeit etwas kaufen. Jakob sagte
ihm, er dürfe nichts verkaufen. Der Blick des Fremden war für
ihn etwas ganz Außerordentliches. Der Fremde ging dann hin-
aus. Nach ein paar Minuten hörte Jakob seinen Namen rufen.
Der Fremde sagte zu ihm: Jakob, du bist nun noch klein, aber zu
etwas Großem bist du berufen! – Irgend etwas, das wusste Jakob
Böhme, ging bleibend auf ihn über aus diesen Worten.

Dann erzählt Jakob Böhme ein anderes Erlebnis, von einem
Berge. Da sah er einmal hinein in eine Höhle, wo ihm etwas
entgegenblitzte wie Gold. Wieder kam es ihm vor wie eine Of-
fenbarung, wie etwas, was über die verborgenen Kräfte der Na-
tur ihm etwas zu sagen haben würde. Wenn man dies alles an-
fassen würde, würde es jenen Zauber verlieren, den man nur
mit okkulten Mitteln zu verstehen imstande ist.

Wie alle jungen Handwerker der damaligen Zeit trat Jakob
Böhme nach der Lehrlingszeit eine Reise an und ließ sich dann
als Schuhmachermeister in seiner Vaterstadt Görlitz nieder.
Bald fing er an niederzuschreiben, was in seiner Seele lebte. Es
ist dabei wichtig, ein wenig in die Empfindungen hineinzu-
leuchten, die in dieser Persönlichkeit waren. Er fühlte sich,
wenn er zur Feder griff, um das niederzuschreiben, was ihm ge-
offenbart wurde, über sich selbst hinausgehoben. Es war da et-
was in ihm wie eine höhere Natur. So stark war das in ihm, dass,
wenn er wieder im Alltagsleben zurück war, und wenn er das
Niedergeschriebene lesen wollte, er das nicht verstehen konnte.
Er konnte dann nicht jenem Geiste folgen. Das, was er schrieb,
waren von Anfang an Worte, die nur aus dem Mittelpunkt der
Weisheit geschöpft waren. «Aurora oder die Morgenröte im
Aufgang», war sein erstes Buch, das er schrieb. Aurora oder die
Morgenröte war immer bei den Mystikern ein Sinnbild davon,
wenn sich das höhere Selbst gebiert, wenn sich die Seele über
das niedere Dasein erhebt. Die Vergeistigung des Menschen
wurde immer versinnbildlicht als die Morgenröte. Jakob Böhme
schrieb damals Worte, die bei ihm, weil sie den Stempel, das
Siegel der Wahrheit tragen, wie selbstverständlich klingen. So
sagte er einmal, dass er wisse, dass «der Sophist ihn tadeln» wer-
de, wenn er vom Anfang der Welt und ihrer Schöpfung spricht,
«dieweil ich nicht sei dabeigewesen und es selber gesehen. Dem
sei gesagt, dass in meiner Seelen- und Leibesessenz, da ich noch
nicht der Ich war, sondern da ich Adams Essenz war, bin ja da-
bei gewesen und meine Herrlichkeit in Adam selber verscherzet
habe».
Dieser einfache Mann, der wahrscheinlich das, was man Lesen
nennt, keinem andern Schriftsteller als Paracelsus gegenüber
geübt hatte, der hatte das Bewusstsein, dass die ewige Seele, die
im Menschen lebt, nicht an Raum und Zeit gebunden ist, dass es
eine Erweiterung des Bewusstseins dieser Seele gibt, durch die
der Mensch imstande ist, sich über Raum und Zeit zu erheben.
So war ihm klar die Einheit, die in allem lebt, die in jeder Men-
schenseele mitlebt, so dass man nur die engen Grenzen abzu-
streifen braucht, um ein Bild zu erhalten, ein Gesicht, das uns
alles zeigt, was bis zum Anfang der Menschenschöpfung zu-
rückgeht. Das alles steht gegründet bei Jakob Böhme auf einer
tiefen Frömmigkeit. Er sagt von seinem Seelenzustand folgen-
des: «Als ich in Gottes Beistand rang und kämpfte, da ging mei-
ner Seele ein wunderliches Licht auf, das der wilden Natur ganz
fremd war, darin ich erst erkannte, was Gott und Mensch wäre,
und was Gott mit den Menschen zu tun hätte.»

Es war für Jakob Böhme ein unmittelbares Erlebnis, das Aufer-
stehen der Gottesseele in der gewöhnlichen Menschenseele.
Dies Erlebnis, das war es, das seinen Enthusiasmus begründete,
das sich bei ihm in ganz elementarer Weise aus der Seele loslös-
te. So sehen wir ihn des Menschen Natur, das geschichtliche
Werden (der ganzen Menschheit in einer Weise erfassen, die,
wenn man nicht bis in die Quellen selbst eindringen kann, es
einem recht schwer macht, diesen Geist zu begreifen.

Was wir bei Paracelsus finden, das tritt uns in einer vergeistig-
ten und verklärten Weise bei Jakob Böhme entgegen. Es tritt
uns schon in seinem ersten Werk, in der «Aurora», entgegen.
Dies Werk war zuerst nicht gedruckt worden, sondern ging nur
als Manuskript bei seinen Freunden herum. Da kam es in die
Hände eines zelotischen Predigers. Der predigte dagegen und
erreichte es, dass der Magistrat der Stadt Görlitz dem Jakob
Böhme verbot, zukünftig irgend etwas zu schreiben. So gefähr-
lich hat man ihn dazumal schon gefunden. Jakob Böhme hat al-
lerdings dann jahrelang nichts geschrieben. Alle seine andern
Schriften rühren aus den letzten fünf bis sechs Jahren seines Le-
bens her, jenes Lebens, das man ihm fortgesetzt recht schwer
gemacht hatte, weil man nichts verstand von dem, was in die-
sem Manne lebte, und weil die fanatische Priesterschaft erfüllt
war von einem zelotischen Hasse gegen alles das, was sie nicht
selbst geschrieben hatte. Seine Werke wurden, ehe sie in
Deutschland gedruckt wurden, ins Englische, ins Holländische
und so weiter übersetzt. Das Schicksal Jakob Böhmes und seiner
Werke sind ein Beispiel dafür, wie die Wege wahren Geistesle-
bens von der offiziellen Bildung wenig abhängen und wie
schwierig es ist, die Hindernisse zu überwinden, welche von
allen möglichen Mächten dem Geistesleben entgegengebracht
werden.

Schon in der «Aurora» tritt uns entgegen, was in Jakob Böhme
lebte. Davon war zunächst bei Jakob Böhme die Rede, dass im
Menschen etwas lebt, das über sich selbst hinauswachsen kann,
ein göttlicher Lebensfunke. Das blieb für ihn nichts Abstraktes,
sondern gestaltete sich zu einem großen Welten- und Men-
schengebäude in seinen Gedanken, in seiner Empfindungswelt
aus. Wer Jakob Böhme verstehen will, der muss erkennen, dass
nur eine tiefgründige geisteswissenschaftliche Bildung in das
eindringen kann, was in Jakob Böhme lebte. Vom Menschen
selbst wusste er, dass der physische Mensch eine andere, mehr
geistige, feinere Wesenheit zur Grundlage hat. Zwischen dem
physischen Menschen und dem seelischen ist etwas, das nannte
Jakob Böhme die «tinctura». Das ist ein oft missverstandenes
Wort. Es gab damals auch große Geister wie zum Beispiel New-
ton, die sich jahrelang bemühten, klarzuwerden darüber, was
Jakob Böhme meint, wenn er von der Tinctura spricht.

Wenn wir einen Blick zurückwerfen in frühere Zeiten ferner
Vergangenheit, so werden wir finden, dass da die Welt noch
ganz anders war als jetzt. Jakob Böhme war ganz durchdrungen
von einer gewaltigen Entwickelungslehre. So umfassend, so
großartig, so anwendbar auf alles Geistige und Sinnliche zu-
gleich, wie Jakob Böhme die Weltentwickelungslehre auffasst,
so hat keine naturwissenschaftliche Anschauung die Weltent-
wickelungslehre dargestellt. Er blickt zurück in weit hinter uns
liegende Zeiträume, wo die Erde noch ganz anders ausgesehen
hat als jetzt. Was einige Naturforscher stümperhaft von dem Ur-
zustand der Erde gesagt haben, das hat Jakob Böhme in merk-
würdiger Weise verstanden. Wenn wir zurückgehen in der Zei-
tenwende, so verfolgt der heutige Naturforscher die Lebewesen
zurück zu immer unvollkommeneren Gestalten. Dann sagt er
allenfalls noch: Alles, was auf der Erde ist, hat sich herausgebil-
det aus einem Weltennebel. Da drangen die Gestalten heraus
durch die dem Weltennebel eingeborenen Gesetze. – Bei Jakob
Böhme sehen wir diese Entwickelung in viel größerem Stil ge-
dacht. Da geht sein Blick hin zu allen seelischen Wesen, zu allen
tierischen Wesen, zu allen pflanzlichen, allen mineralischen
Wesen. Da ist er imstande, die früheren Zustände herauszu-
schauen, die Gestalten, welche die Menschen in früheren Zeiten
hatten, wo es noch nicht gegeben hat diese Wesen, wie sie heu-
te sind, sondern wie sie dazumal enthalten waren in einer Art
von ursprünglicher Materie, aus der erst die spätere Welt her-
vorgegangen ist. Die Erscheinungswelt und die Wesenheiten
sieht er in einer Weise, wie sie damals vorhanden waren, in der
Anlage vorhanden waren. Eine Erde sieht er, die nicht fest ist,
nicht Luft, nicht Wasser, nicht Feuer, auf der nicht Tier und
nicht Pflanze war, aber die alles enthält, was dann zum Vor-
schein gekommen ist. Nicht von einem phantastischen Urnebel
redet Jakob Böhme, sondern er redet von der Tinctura, die
einstmals wirklich war, als solche unseren Erdball bildete und
die heute im Verborgenen auf dem Grunde der Wesenheiten
ruht. Diese Tinctura ist im Menschen als ein geistig-seelischer
Organismus hinter der physischen Wesenheit vorhanden. Die
ist auch in allen andern Dingen. Aus der Tinctura leitet Jakob
Böhme die Gestaltung aller Lebewesen ab, bei denen er sieben
Grundeigenschaften unterscheidet. Damit kommt man bei ihm
auf eine sehr tiefe Grundlage der Weltanschauung. Damit aus-
gerüstet, kann man einen Faden durch die Welt finden, der un-
zählige Weltenrätsel zu lösen vermag. Jakob Böhme hat dabei
eine wunderbare Sprache, gegen die unsere heutige Sprache mit
ihren Begriffen grau und ohne Leben erscheint.

Wir haben uns vorzustellen, dass die Tinctura in der Welt wie
die Urmaterie lebt, dass darin alles wie in einem Mutterschoße
ruht, dass dann die Gestalten sich herauslösen. Eine Art der Ge-
stalten nennt er die Herbigkeit. Der menschliche Vorfahr war
ein Wesen mit einem Knorpelgerüste, so wie es heute auch die
Knorpelfische haben. Dann kristallisierte sich aus der ursprüng-
lichen Tinctura heraus das Knochengerüst; mit Herbigkeit kris-
tallisierte sich aus der ursprünglichen Tinctura heraus das Kno-
chengerüst der Erde. Das nennt Jakob Böhme alles Salzige in der
Welt. Man muss sich nicht vorstellen, dass das ursprüngliche
Herbe auch die Form eines Knochengerüstes haben musste.
Aber alles, was mit der Anlage, fest und erdig zu werden, sich
aus der ursprünglichen Geistmaterie herauskristallisierte, das
war für Jakob Böhme dieses Herbe, das Salzige.

Die zweite Gestalt der Natur ist das, was die innere Beweglich-
keit bewahrt, so dass die Teile untereinander in fortwährende
Wechselwirkung treten können. Das nennt Jakob Böhme das
Merkurialische.

Das dritte ist das Schwefelige, dasjenige, was wie eine verborge-
ne Kraft in sich die Gewalt des Feuers enthält.

Jakob Böhme vereinigt im deutschen Volkstum tief urgründli-
che Vorstellungen mit einer wunderbar weisheitsvollen Spra-
che. Gerade hier können wir den Zusammenhang Jakob Böhmes
mit der ursprünglichen deutschen Volksseele erkennen. Es gibt
Mitte Juni das Johannesfeuerfest. Etwas Bedeutungsvolles in der
Natur wird da vorausgesetzt. Gelehrte Spintisiererei spricht da
von der Sommersonnenwende und astronomischen Zusammen-
hängen. Aber damit haben wir es dabei nicht zu tun. In der ur-
sprünglichen Volksanschauung der Deutschen bedeutete das
Feuer, das aus der Natur auferweckt werden kann, etwas ganz
Besonderes. Das Johannisfeuer musste entzündet werden durch
Reiben von Hölzern aneinander. Man hatte die Vorstellung,
dass, wenn ein solches Johannisfeuer entzündet worden war
und eine Seuche im Anzüge war, dieses Johannisfeuer eine hei-
lende Kraft hatte. Allen tiefen Volksanschauungen liegt zugrun-
de die Idee der Verwandtschaft des Feuers mit dem, was man
beim Menschen die Triebe und Instinkte nennt. Man dachte
sich das nicht als Sinnbild, denn das Volk hat niemals solche
Symbole ausgeklügelt. Etwas anderes liegt dem zugrunde. Das
kommt bei den Sagen vom Johannisfeuer und auch bei Jakob
Böhme zum Vorschein. Was man heute aus der Materie als das
Feuer quellen sieht, ist das eine, und die menschlichen und tie-
rischen Leidenschaften sind das andere. Jetzt sind sie wie Nord-
und Südpol voneinander entfernt. Nun blickte die Volksintuiti-
on, wie auch Jakob Böhme, zurück auf eine Zeit frühester Ent-
wickelung. Da war etwas da, was nicht materielles Feuer war
und auch nicht Leidenschaft, woraus sich aber differenzierte auf
der einen Seite das Feuer, auf der andern Seite die Leidenschaft.
Damals hatten diese eine gemeinsame Grundlage. Jakob Böhme
findet im materiellen Feuer dieselbe geistige Grundlage wie in
der menschlichen Leidenschaft. Es gibt eine Verwandtschaft für
ihn zwischen dem, was in der Materie schlummert, was man
herauslocken kann aus der Materie, und der menschlichen Lei-
denschaft. Darin ist etwas, was mit der geistigen Seite des Feuers
verwandt ist.

Der Schwefel enthält in sich das Feuer verborgen, wie der Kör-
per die tierische Leidenschaft enthält. So unterscheidet Jakob
Böhme zunächst diese vier: Tinctura, Salz, Schwefel, Feuer.

Geradeso wie die alte deutsche Volksintuition auf eine Zeit zu-
rückblickte, wo es weder Feuer noch Leidenschaft gab, so blickt
Jakob Böhme auf einen solchen Zustand zurück, auf so etwas,
das, wenn es sich vergeistigt, zu der fünften Urgestalt der Natur
wird, die er das Wasser nennt. Es ist Wasser in dem Sinne, wie
wir in der Bibel das Wasser finden, als äußeres Zeichen der See-
le. Der Geist Gottes brütete über dem Wasser, über den in der
Materie schlummernden Seelenkräften, damit sie auferweckt
werden können.

Die sechste Gestalt der Natur entsteht dann, wenn das Innere
nach außen dringt, wenn das innere Leben so lebendig wird,
dass es wahrgenommen werden kann. Das nennt Jakob Böhme
Hall oder Schall. Das ist eine jegliche seelische Äußerung, die
das Innere des Wesens so in sich trägt wie die Glocke den Glo-
ckenton. Der Hall oder Schall kann auch so hervordringen, dass
er die einheitliche Gottesnatur zum Ausdrucke bringt. Dann
entsteht die siebente Kraft, die Weisheit, die in der Welt enthal-
tene göttliche Kraft. Unter diesen sieben Gestalten sieht Jakob
Böhme die ganze Natur beschlossen.

Das niederste Glied der Menschennatur hat etwas zu tun mit
der salzartigen Herbigkeit; dann steigt es immer höher hinauf
bis zur Weisheit. Weiter haben die Naturgewalten und der
Mensch Beziehung zum Sonnensystem. Überall drückt sich die
Verwandtschaft aller Wesen aus. Alles, was wie das geistige Le-
bensblut durch alle Wesen zieht, das nennt Jakob Böhme auch
die Tinctura. Sie liegt zwischen dem Weltgedanken und einer
jeglichen Materie. Jakob Böhme stellt sich den großen Baumeis-
ter der Welt wie einen Künstler vor, der die Welt sinnlich-
physisch ausgestaltet hat. Das Bindeglied zwischen dem Sinn-
lich-Physischen und dem Schöpfer der Welt nennt er wiederum
die Tinctura. Sie sucht er auf in allen einzelnen Wesenheiten.
Das macht das Schwierige in seinen Schriften aus, dass wir uns
in seine Vorstellungen hineinarbeiten müssen. Der Mensch ist
gewöhnlich froh, wenn er sich ein paar Begriffe hingepfahlt hat.
Jakob Böhme macht sich nicht einzelne abstrakte Begriffe, die
soldatenmäßig nebeneinanderstehen. Er kriecht gleichsam in
alle Wesenheiten hinein. Er sieht alle Wesenheiten als ver-
wandt, als miteinander verbunden an. Um Jakob Böhme zu ver-
stehen, muss man den Geist selbst beweglich machen, wie die
Natur selbst beweglich ist, so dass sich die Begriffe ebenso ver-
wandeln können, wie die Dinge in der Natur sich verwandeln.
Auch von Theosophen werden oft enge Begriffe hingestellt. Es
handelt sich aber nicht darum, einen Begriff zu haben, sondern
darum, dass man den Begriff gleich wieder auflösen kann. Hat
man einen Begriff, so muss man ihn verwandeln können, wie
sich die Dinge verwandeln. Nichts ist hinderlicher als abstrakte,
fest abgezirkelte Begriffe. Deshalb können diejenigen Jakob
Böhme nicht begreifen, die ihn lesen, weil sie sich zuerst feste
Begriffe bilden; er aber geht dem lebendigen Leben der Dinge
nach. Es müssen die Begriffe auch sich ändern, so wie die Dinge
selbst sich ändern. Da fühlen aber die Menschen sich gleichsam
in der Luft schweben. Man hat tatsächlich den Boden unter den
Füßen verloren, wenn man die Welt begreifen will. Nur muss
man das Zentrum in sich selbst behalten.

Das Seelengemälde Jakob Böhmes ist eine Nachbildung der Na-
tur selbst. Im menschlichen Geiste findet Jakob Böhme das, was
der Tinctura verwandt ist, die Imagination. Imagination ist eine
Kraft der Seele, die mitten drinnen steht zwischen der Kraft des
Gedankens und der Kraft des Willens. Wer seine Begriffe zuerst
bildlich zu machen versteht und sie dann sich veranschaulicht
im Geiste, so dass nicht vor ihm steht ein abstraktes Bild der
Pflanze, sondern eine Pflanze wie mit sinnlicher Schaubarkeit,
dem wird ein solcher anschaubarer Begriff wie durchtränkt mit
wirklichem Leben von innen heraus. Wer das kann, der hat
Imagination. Die kann so gesteigert werden, dass der Mensch
schöpferisch wirkt und Einfluss gewinnt auf das, was in den
Dingen als Tinctura lebt.

Hier beginnt für Jakob Böhme die Alchimie, die auf die Materie,
die Tinctura, zurückzuwirken vermag und von da auch auf die
sinnlichen Dinge. So vermag der imaginative Mensch ein Ma-
gier zu werden. Weil Jakob Böhme dies verstanden hat, dürfen
wir ihn den größten Magier der neuen Zeit nennen. Die Imagi-
nation nennt Jakob Böhme die große Jungfrau der Natur, die
Jungfrau Weisheit. Nun geht er zurück bis zur Schöpfung des
Adam und weiter hinauf zu der ursprünglichen göttlichen Ima-
gination. Er sagt, die göttliche Imagination hat nach ihrem Spie-
gelbilde den ursprünglichen geistigen Menschen in die Materie
eingeformt. Diesen Geistesmenschen nennt er den ursprüngli-
chen Adam. Indem dieser geistige Mensch von Anfang an da ist,
zeigt er, wie der geistige Mensch in der ursprünglichen Tinctura
schon vorhanden war, wie dann aber eigentlich eine geistige
vollständige Umwandlung in der Weltenschöpfung vor sich ge-
gangen ist. Diese Umwandlung verlegt er auf den vierten Schöp-
fungstag. Dieser ursprüngliche Mensch, den er den
Tincturamenschen nennt, der hat nicht mit eigentlichen Augen
gesehen, aber im Innern war er hellseherisch, so dass er hellse-
herisch alles wahrnehmen konnte, was in ihm vorging. Dann
trat für diesen Menschen die Selbstheit ein, die Selbständigkeit,
die kam am vierten Tag und der hellseherische Mensch wurde
sich selbst gewahr, fing an, seine eigene Wesenheit zu schauen.
Ursprünglich war geistig-göttliche Schöpfung ringsherum. Das
sah der Urmensch hellseherisch. Jetzt sah er sich. Das war sein
Abfall von Gott. Nun wäre dieser Mensch ganz zur Verhärtung
gekommen, aufgegangen in der Herbigkeit, wenn nicht etwas
anderes möglich wäre. Nicht mehr sah der Mensch die Welt
hellseherisch. Es trat der Zeitpunkt ein, wo der hellseherische
Mensch äußerlich wahrnehmen konnte, was göttlich ist. Sonne,
Mond und Sterne sind zunächst Bilder des Göttlichen, was er
früher in sich gesehen hatte. So war der Mensch abgefallen von
der Göttlichkeit, aber durch die Sinne war für ihn die Welt
wahrnehmbar geworden. Die Vorstellung der sinnlichen Wahr-
nehmung ist es, welche den Menschen aus dem alten
Tincturamenschen zum materiellen Menschen machte. Er wird
ein materieller Mensch durch seine eigene, der materiellen
Welt entnommene Vorstellung, so dass der Mensch von Innen
heraus durch seine eigene Imagination des Sinnlichen selbst ein
sinnlicher Mensch geworden ist.

Jakob Böhme sah bei allen Wesen eine tiefe Verwandtschaft, bei
Tieren, Pflanzen und Mineralien. Er sagte, alles was in der Welt
lebt an Haut und Knochen, an Fleisch und Blut und so weiter,
das ist verwandt mit irgend etwas auf der Erde. Die ganze sozia-
le, künstlerische, gesellschaftliche Struktur bringt Jakob Böhme
auch in Beziehung zu den Konstellationen der Planeten. Er zeigt
den Zusammenhang der Planeten mit dem menschlichen Leben.
Alles das ist bei ihm so klar für den, der ihn verstehen will, aber
so groß, dass allerdings eine kleine Zeit ihn nicht verstehen
kann.

Eine andere Frage noch trat in seinen Gesichtskreis, die Frage
nach dem Ursprung des Übels, des Bösen in der Welt, die Frage:
Wie kommt das Übel in die Welt? Ist das Übel in dem Urgrund
der Welt enthalten? Dann ist der Urgrund nicht ein guter. – Er
findet Antwort darauf, indem er vergleicht das ursprüngliche
Gute mit dem Licht, dem reinen, lauteren Licht. Darin ist keine
Finsternis enthalten. Indem das Licht aber erscheint, wahr-
nehmbar wird, erscheint es durch die Gegenstände mit dem
Schatten. Können wir uns sagen, dass Finsternis im Licht ent-
halten ist? Gewiss nicht. Vom Quell des Lichts geht nur reines,
lauteres Licht aus. Aber von den Gegenständen geht das Gegen-
teil des Lichtes aus. Es tritt uns in der Welt das Licht entgegen
als der Urgrund … nicht von dem Urgrund herzuleiten. So wahr
der Schatten bei dem Lichte dabei sein muss, so wahr muss auch
das Böse in dem Guten darinnen sein. Wir können die göttliche
Harmonie vergleichen mit der menschlichen Seele. Sie durch-
strahlt den Organismus. Die Glieder des menschlichen Orga-
nismus werden in Bewegung gebracht durch die Seele. Die
Weltharmonie der Gottheit lebt sich so in der Seele aus, dass die
Glieder Selbständigkeit haben. Trotzdem aber die Harmonie der
Seele zugrunde liegt, können sich die Glieder gegeneinander
kehren. Soll Freiheit in der Welt sein, dann müssen die Glieder
sich gegeneinander wenden können. Freiheit und die Möglich-
keit des Bösen gehören zusammen, Harmonie und die Möglich-
keit der Disharmonie. Gerade dieser Gedanke Jakob Böhmes hat
Schelling begeistert, und man findet bei ihm eine wunderbare
Darstellung von dem, was in der Freiheit des Menschen lebt.
Diese Schrift Schellings über die Freiheit des Menschen ist wie
eine Opfergabe für Jakob Böhme. Schelling hat etwas begriffen
von Jakob Böhme. Er hat auch fortgelebt bei Goethe und ande-
ren großen Geistern des 19. Jahrhunderts. Erst als der Materia-
lismus aufkam, wurde das Geistesleben dem Jakob Böhme ent-
fremdet. Dann verstand man ihn immer weniger. Es wird wie-
der eine Zeit kommen, in der man ihn nicht nur verstehen
wird, sondern in der man von ihm wird lernen wollen. Dann
wird für das, was man heute Theosophie nennt, eine neue Ära
heranrücken. Es wird dann eine Zeit kommen, wo man solche
tiefe Geistestaten wie die Schriften Jakob Böhmes, wie die ger-
manische Mythologie wieder verstehen wird, wo diese einer
neuen Verklärung entgegengehen werden. Dann wird eine Ver-
geistigung aller Weisheit, aller menschlichen Energie herbeige-
führt werden können. Wenn das Zeitalter zu Ende geht, das in
der äußeren Beherrschung aller Naturkräfte seine Aufgabe hat,
dann wird auch Jakob Böhme wieder verstanden werden. Dem-
selben Zeitalter, dem Jakob Böhme angehört, gehörten auch
Kopernikus, Galilei und Giordano Bruno an. Sie haben die Welt
hinübergeführt zur Betrachtung der sinnlichen Welt, der äuße-
ren Welt. Jakob Böhme erscheint gerade in jenem Zeitalter, und
seine Werke sind wie eine große Zusammenfassung aller seeli-
schen Errungenschaften der Menschheit. Das alles stellt er hin
für die Welt in der Morgenröte eines Zeitalters, das die materia-
listische Epoche einleitet. Hat man das materialistische Zeitalter
überschritten, so wird auch Jakob Böhme wiedergefunden wer-
den und alles, was in seinen Werken liegt. Alles liegt in seinen
Werken, was die Welt an Geistesschätzen zusammengebracht
hat.

Was die Theosophie bisher geleistet hat, dürfen wir nicht als
etwas Besonderes betrachten. Die theosophische Weltbewegung
muss etwas sein, was lebendig ist, was Leben und Wachstum
bedeutet. Wird sie das, wird die Theosophische Gesellschaft das
vertreten, so wird sie verstehen im Sinne der großen Geister
früherer Zeiten, im Sinne Jakob Böhmes zu wirken, dann erst
wird sie in wahrem Sinne des Wortes theosophisch wirken.

Berlin, 3. Mai 1906

RUDOLF STEINER ONLINE ARCHIV

http://anthroposophie.byu.edu

4. Auflage 2010

Datum

Sa, 27.10.2018
Beginn: 17:00 Uhr

Veranstaltungsort

Bambi + Löwenherz
Filmkunst- und Programmkinos
Bogenstr. 3
3330 Gütersloh
Deutschland

Tickets

9,-€, ermässigt 7,-€

Tickets sind an der Tageskasse oder über die Online-Reservierung erhältlich.

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