Aufrüttelnde Texte

Friedrich Rückert: Wir glauben an den Teufel nicht mehr

Frag nicht deinen Verstand, nicht kann er dir sagen, wo Gott
Ist. Frage dein Herz, dir sagts: überall ist er und hier.

Der Mensch bei seinen vielerlei Geschäften,
Bei seinen vielerlei Gefühlen braucht
Verschiedne Götter von verschiednen Kräften,
Davon bald der bald jener Trost ihm haucht.

Drum, als die Götter von des Himmels Zinnen
Gefallen, und nur einer droben blieb,
Schuf sich in Heiligen und Heiliginnen
Den neuen Hausbedarf der alte Trieb.

Auf welcher Gottgestalt der Blick mag haften,
Ins neblige zerfließt sie ihm;
Die Götter sind nur Gottes Eigenschaften,
Und alle Namen Synonym.

Schleuß dein schauendes Auge, so geht dir unter die Schöpfung:
Und schleuß wieder auf, wiederum geht sie dir auf:
So geht unter in Gott und so geht wieder in Gott auf
Die im ewigen Kreis endende werdende Welt.

Sagt dir einer: ich habe des Himmels Räume gemessen,
Nirgends aber darin ist mir begegnet ein Gott;
Sagt ein andrer: ich habe geforscht die belebte Natur durch,
Nirgends aber darin fand ich den ewigen Geist;
Sag‘ entgegen: ich hab‘ in mir doch beide gefunden;
Wo und wie ihr sie sucht, finden sie freilich sich nicht.
Nicht mit Maßen und Zahlen, und nicht mit Messer und Lupe
Lässt sich greifen der Geist, lässt sich enthüllen der Gott.

Abb.: Friedrich Rückert (* 16. Mai 1788 in Schweinfurt; † 31. Januar 1866 in Neuses 
(heute Teil von Coburg) Quelle Wikipedia
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