Freiheit

Hesiod: Die fünf Weltalter

Golden war das Geschlecht der sprechenden Menschen, das
Anfangs.

Sie, die Todfreien, schufen, die himmlische Häuser bewoh-
nen.

Das war des Kronos Zeit, und er regierte im Himmel.
Wie die Götter, so lebten sie leicht, das Herz ohne Sorgen,
Frei und fern von Plagen und Qual, nicht drückte das schlimme

Alter auf sie, sondern immer behend an Armen und Beinen
Weilten sie freudig beim Schmause, von jeglichem Übel
geschieden;

Starben, als käme ein Schlaf über sie. Und hatten die Götter

Alle für sich; Frucht brachte der nahrungspendende Boden
Willig von selbst, nicht kärglich, gehäuft. Und heiteren
Herzens trieben sie friedlich ihr Werk, begleitet von Gütern in Fülle.
Doch als dieses Geschlecht dann das Schicksal mit Dunkel
umfangen, heißen sie heilige Geister, auf Erden wirkende, reine,
Gute, Beschützer vor Bösem, die Wächter des sterblichen
Menschen; die geben acht auf das Sprechen des Rechts und Taten des
Frevels, wandeln in Nebel gekleidet umher allerorten auf Erden,
Segenspender; und das ist ihr Amt, das Amt eines Königs.

Darauf als zweites Geschlecht, ein weit geringeres, schufen
Dann das silberne sie, die himmlische Häuser bewohnen,
Dem aus Gold an Gestalt nicht gleich und nicht an Gedan-
ken.

Sondern es wuchs das Kind einhundert Jahre und spielte
Töricht herum bei der Mutter, der teuren, drinnen im
Hause;

War es dann aber gereift und zur Jugendfülle gekommen,
Währte nur kurz noch die Zeit ihres Lebens, eigene Torheit
Brachte das Weh; denn sie hatten nicht Kraft, maßlose
Gewalttat untereinander zu bannen, und ewige Götter verehren
Mochten sie nicht und am hehren Altar den Seligen opfern,
Wie sich’s für Menschen geziemt, nach den Bräuchen. Diese
hat schließlich Zeus der Kronide verborgen im Grimm, weil gebührende
Ehren nie sie gegeben den Göttern, den seligen, oben im Himmel.
Aber nachdem nun auch dieses Geschlecht die Erde umfan-
gen, nennt man diese mit Namen die sterblichen Seligen drun-
ten, minderen Rangs, aber dennoch erweist man Ehre auch
ihnen.

Zeus der Vater erschuf der sprechenden Menschen ein drit-
tes, anderes Geschlecht, aus Erz, dem silbernen nirgendwo
gleichend, eschenentstammt, so furchtbar wie wild; die trieben des
Ares keuchend Geschäft und die Tat der Gewalt, und Korn-
frucht vom Felde aßen sie nicht, steinhart war ihr Herz mit dem trotzigen
Drängen, rüde Gesellen, gewaltig die Kraft, unbesiegbare Arme
Warn an die Schultern gefügt am riesigen Bau ihres Leibes.
Ehern waren bei ihnen die Waffen, ehern die Häuser,
Ehern ihr Ackergerät; noch gab’s nicht schwärzliches Eisen.
Und dann gingen auch die, von den eigenen Armen bezwungen,
fort in das dumpfige Haus, zum frostigen Hades hinunter,
Ohne Gedenken und Namen; der Tod, so entsetzlich sie
waren, nahm sie, der schwarze, hinweg aus dem strahlenden Licht
der Sonne.

Aber nachdem nun auch dieses Geschlecht die Erde umfan-
Gen hat noch ein anderes dann auf der nährenden Erde, ein
viertes, Zeus der Kronide geschaffen, gerechter und besser geartet,
das der Heroen, ein göttlich Geschlecht, man nennt mit
Namen Halbgötter sie, das Geschlecht vor uns auf der endlosen
Erde. Auch sie hat nun der böse, der Krieg, und der grausige
Schlachtruf, teils im kadmeischen Land, vorm siebentorigen Theben,
weggerafft, wie sie kämpften im Streit um des Ödipus Herden.
Andere, die er zu Schiff über mächtige Tiefen des Meeres
Hin nach Troia geführt, um der lockigen Helena willen.
Dort hat diese denn also umhüllt das Ende des Todes.
Doch verlieh von den Menschen getrennt ihnen Leben und
Wohnstatt Zeus der Kronide, der Vater, und tat sie ans Ende der Erde.
Und so wohnen sie denn, das Herz ohne Kummer und Sorgen,
dort auf der Seligen Inseln, an strudelnden Tiefen des Welt-
stroms, glücklich Heroengeschlecht, dem süß wie Honig die
Früchte dreimal im Jahr gereift darbringt kornspendender Acker.
Müsste ich selber doch nicht danach mit den fünften der
Menschen Leben auf Erden, nein, wäre schon tot oder lebte erst später!
Denn aus Eisen ist jetzt ihre Art; und niemals am Tage
Ruhen sie aus von Mühsal und Weh und nie auch zur Nachtzeit,
Böse geplagt, und die Götter verhängen zehrende Sorgen.
Dennoch wird auch für sie zu den Übeln Gutes gemengt sein.
Doch Zeus tilget auch dieses Geschlecht der sprechenden
Menschen, dann, wenn bei der Geburt ihr Haar an den Schläfen ergraut
ist. Dann fühlt fremd sich der Vater den Kindern, Kinder dem
Vater, nicht ist lieb mehr der Gast seinem Wirt und der Freund
seinem Freunde, nicht ist der eigene Bruder mehr Heb, wie es früher gewe-
sen.

Eilends entziehn sie die Ehren den altersgebeugten Erzeu-
gern, mäkeln an ihnen und fahren sie an mit hässlichen Worten,
Rüde, und kennen vor Göttern nicht Scheu; so geben sie

auch nicht ihren gebeugten Erzeugern zurück den Entgelt für die Auf-
zucht.

Eidestreue wird nirgends gedankt und nie das Gerechte,
Redliches nie; wer Schlimmes vollbracht und Gewalttat
verübte, das ist der Mann, den man ehrt. Das Recht sind die Fäuste.

Die Ehrfurcht gibt es nicht mehr. Und der Schlechte gewinnt und schädigt
den Bessern, rückt es mit krummem Gerede zurecht und beschwört’s
mit dem Meineid.

Scheelsucht gibt dann den Menschen Geleit, den elenden
allen, krächzenden Tons, über Schaden erfreut, mit grausigem
Blicke. Dann wird’s sein, daß fort zum Olymp von den Straßen der
Erde, tief ins weiße Gewand ihr herrliches Aussehn verhüllend,
gehn zu der Sippe der Götter hinweg von den Menschen die
beiden:

Ehrfurcht und rechte Vergeltung. Doch bittere Schmerzen
sie bleiben übrig den sterblichen Menschen – und nirgends Rettung im
Unheil.

Gemälde: Gustave Moreau Hesiod mit Muse
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