Poesie Lyrik

Walther von der Vogelweide: Ich saz ûf eime steine

Ich saß auf einem Stein
Und schlug ein Bein über das andere.
Darauf stützte ich den Ellenbogen.
Ich hatte in meine Hand geschmiegt

Das Kinn und meine eine Wange.
So erwog ich in aller Eindringlichkeit,
wie man auf der Welt zu leben habe.
Keinen Rat wusste ich zu geben,
wie man drei Dinge erwerben könne,
ohne dass eines von ihnen verloren ginge.
Zwei von ihnen sind Ehre und Besitz,
die einander oft Abbruch tun; das dritte ist die Gnade Gottes,
weit höher geltend als die beiden andern.
Die wünschte ich in e i n Gefäß zu tun.
Aber zu unserm Leid kann das nicht sein,
dass Besitz und Ehre in der Welt
und dazu Gottes Gnade
zusammen in ein Herz kommen.

Weg und Steg ist ihnen verbaut,
Verrat lauert im Hinterhalt,
Gewalttat zieht auf der Straße,
Friede und Recht sind todwund:
Bevor diese beiden nicht gesunden,
haben die drei keine Sicherheit.

Foto: Hermann Achenbach
Abbildung: Walther von der Vogelweide (* um 1170 (Geburtsort unbekannt); † um 1230, möglicherweise in Würzburg) gilt als der bedeutendste deutschsprachige Lyriker des Mittelalters. Von ihm sind 500 Strophen in über 110 Tönen bzw. – inhaltlich gruppiert – 90 Lieder (Minnelieder) und 150 Sangsprüche überliefert. (Quelle Wikipedia)
Kommentare

Ihr Kommentar