Evangelien

Was ist Wahrheit? 90. Kapitel des Evangeliums der Wahrheit

1. Und wiederum waren die Zwölf versammelt im Schat-
ten der Palmen, und einer von ihnen, Thomas, sprach zu
den anderen: »Was ist Wahrheit? Denn dieselben Dinge
erscheinen den verschiedenen Gemütern und sogar dem
gleichen Gemüte zu verschiedenen Zeiten verschieden.
Was ist also Wahrheit?«

2. Und wie sie so sprachen, erschien Jesus mitten unter
ihnen und sprach: »Die eine und die ewige Wahrheit ist
in Gott allein; denn niemand weiß, was Gott allein weiß,
der das All ist im All. Den Menschen kann die Wahrheit
enthüllt werden nach ihrer Fähigkeit, zu verstehen und
zu erfassen.

3. Die eine Wahrheit hat viele Seiten, und einer sieht nur
eine Seite, der andere eine andere, und etliche sehen
mehr denn andere, so wie es ihnen gegeben ist.

4. Sehet diesen Kristall: So wie das eine Licht offenbar
ist in zwölf Flächen, ja in viermal zwölf, und jede Fläche
einen Strahl von dem Lichte zurückwirft und man eine
Fläche und ein anderer eine andere anschaut, so ist es
doch der eine Kristall und das eine Licht, das in allen
scheinet.

5. Und siehe, wenn einer auf einen Berg steigt und er
einen Gipfel erreicht hat, spricht er: Dieses ist die Spitze
des Berges, lasst sie uns ersteigen, und wenn sie diese Hö-
he erreicht haben, siehe, sie sehen eine andere darüber
hinaus, bis sie zu der Höhe kommen, von der keine an-
dere mehr zu sehen ist, wenn sie diese erreichen können.

6. Also ist es auch mit der Wahrheit. Ich bin die Wahr-
heit, der Weg und das Leben, und ich habe euch die
Wahrheit gegeben, die ich von oben empfangen habe.
Und was gesehen und empfangen wird von dem einen,
wird nicht gesehen und empfangen werden von dem än-
dern. Was wahr erscheint etlichen, erscheinet nicht wahr
den anderen. Die im Tale unten sind, sehen nicht das,
was die sehen, so auf dem Berge stehen.

7. Doch allen ist es die Wahrheit, wie sie der einzelne
Verstand sieht, und solange, bis eine höhere Wahrheit of-
fenbar wird; und der Seele, die höher Licht empfängt,
wird mehr Licht gegeben werden. Darum verdammet
nicht die anderen, auf dass ihr nicht verdammet werdet.

8. So ihr das heilige Gesetz der Liebe halten werdet, das
ich euch gegeben habe, so soll die Wahrheit mehr und
mehr euch enthüllt werden, und der Geist der Wahrheit,
der von oben kommt, wird euch führen, und sei es auch
auf vielen Irrfahrten, in die ganze Wahrheit, so wie die
feurige Wolke die Kinder Israels durch die Wüste geleitete.

9. Seid treu dem Lichte, das ihr habt, bis euch ein höhe-
res Licht gegeben wird. Suchet mehr Licht, und ihr wer-
det im Überfluss haben. Rastet nicht, bis ihr gefunden
haben werdet.

10. Gott gibt euch alle Wahrheit, gleich einer Leiter mit
vielen Sprossen, zur Befreiung und Vervollkommnung
der Seele, und die Wahrheit von heute werdet ihr verlas-
sen für die höhere Wahrheit von morgen. Mühet euch
um die Vollkommenheit.

11. Die das Heilige Gesetz halten, das ich gegeben habe,
werden ihre Seelen retten, wie verschieden sie auch die
Wahrheiten sehen mögen, die ich ihnen gegeben habe.

12. Viele werden zu mir sprechen: Herr, Herr, wir waren
eifrig in deiner Wahrheit. Ich aber werde zu ihnen spre-
chen: Nein, nur damit andere sie sehen, wie ihr sie sehet,
und keine andere Wahrheit sonst. Der Glaube ohne
Barmherzigkeit ist tot. Liebe ist die Erfüllung des Ge-
setzes.

13. Wie soll der Glaube, den sie empfangen haben, Nut-
zen bringen denen, die ihn in Ungerechtigkeit ausüben?
Die, welche Liebe haben, haben alle Dinge, und ohne
Liebe gibt es nichts, das Wert hätte. Lasset alle halten,
was sie als die Wahrheit erkennen in der Liebe, wissend,
dass dort, wo keine Liebe ist, die Wahrheit ein toter
Buchstabe ist ohne Wert.

14. Es bleiben Güte, Wahrheit und Schönheit; doch die
Größte von diesen ist die Güte. Wenn etliche ihre Brüder
gehasst und ihre Herzen verhärtet haben gegen die Ge-
schöpfe von Gottes Hand, wie können diese, deren Au-
gen blind und deren Herzen verhärtet sind für Gottes
Schöpfung, die Wahrheit sehen zu ihrem Heile?

l$. So wie ich die Wahrheit empfangen habe, so habe ich
sie euch gegeben. Lasset sie von jedem empfangen wer-
den nach seinem Licht und seiner Fähigkeit, sie zu ver-
stehen, und verfolget nicht, die sie nach einer anderen
Auslegung empfangen.

16. Denn die Wahrheit ist die Macht Gottes, und sie wird
am Ende herrschen über alle Irrtümer. Doch das heilige
Gesetz, das ich gegeben habe, ist gleich für alle und ge-
recht und gut. Lasset es alle befolgen zur Erlösung ihrer
Seelen!«

Fotos: Christel Achenbach
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