Aufrüttelnde Texte

Plotin: Ich liebe die Vision

Das Höchste ist immer nahe, strahlend, über allem Erkennbaren. Hier können wir getrost alle Gelehrtheit beiseite setzen. Auf dieser Stufe wird der Suchende plötzlich empor gerissen und auf den Kamm der woge des Geistes gehoben, und schaut, er weiß selbst nicht wie. Di Vision überflutet seine Augen mit Licht: aber er sieht nichts anderes – das Licht selbst ist die Vision… Schauen und geschaut werden ist eins. Der Geschaute und der Schauende sind eins. Jede Erinnerung ist ausgelöscht. Vorher war alles bewusst gewesen. Doch nun ist alles im Strom der Liebe, in der höchsten Seligkeit des Entrücktseins untergegangen. In dieser Hingerissenheit liegt höchstes Glück.

Lasst uns einmal annehmen, alles Lebendige – nicht nur vernunftbegabte Wesen, sondern sogar die unvernünftigen Tiere und alles, was aus dem Schoß der Erde hervor wächst – strebe nach der Kontemplation als seinem einzigen Ziele…Erscheint euch das zu seltsam? Doch wir alle, groß und klein, bewegen uns im Spiel oder im Ernst auf die Vision zu, jede unserer Handlungen ist ein Versuch zur Kontemplation… Wenn man die Natur früge, warum sie ihre Werke hervorbringt, so würde sie vielleicht Folgendes antworten: „Was immer ins Dasein kommt, entsteht aus der schweigenden Vision, die mir eigen ist. Ich selbst bin aus einer Vision hervorgegangen, ich liebe die Vision und schaffe aus der in mir vorhandenen Visionsfähigkeit. Ich schaffe die Gegenstände der Kontemplation so wie Mathematiker sich ihre Figuren vorstellen und sie aufzeichnen. Ich schaue in mich hinein, und die Figuren meiner materiellen Welt bekommen Leben, als ob sie aus meinem Brüten entstünden…”

Das Eine ist in Wahrheit jenseits aller Beschreibungsmöglichkeit: was Du auch sagtest würde es begrenzen. Das Alles-Durchdringende hat keinen Namen… Aber wenn wir es nicht mit dem Verstand begreifen können, so bedeutet das nicht, dass wir es überhaupt nicht fassen können. Diejenigen, die inspiriert und von Gott besessen sind, verstehen wenigstens das Eine, dass sie etwas Größeres in sich tragen… Wenn die Seele plötzlich Licht erhält, dürfen wir überzeugt sein, dass wir das Göttliche erlebt haben. Denn diese Erleuchtung kommt von Gott und ist Gott. Wir dürfen annehmen, dass Er gegenwärtig ist.

Die Schwierigkeit besteht darin, dass wir uns der Gegenwart des Einen nicht durch den Verstand bewusst werden, sondern auf eine Weise, die über unsere irdischen Begriffe hinausgeht. Wenn wir etwas mit dem Verstand auffassen, so nehmen wir ein Ding nach dem anderen wahr. Der Verstand verliert sich in der Vielheit. Doch die andere Art liegt jenseits alles Begreifenkönnens. Wir legen Dir dringend nahe, Dich in keine Erörterungen darüber einzulassen, sondern nur dem Ruf der Vision zu folgen…Da schaut die Seele den Strom des Lebens und des Geistes, den Fluss des Seins, die Quelle des Guten, die Wurzel der Seele. Diese Wasser fließen ewig in unverminderter Fülle…Und nun ist der Mensch im Höchsten untergetaucht, mit Ihm verschmolzen, eins mit Ihm. Er ist selbst die Einheit geworden, und nichts unterscheidet oder trennt ihn von ihr. Wenn dieser Aufstieg einmal gelungen ist, so gibt es keinen anderen Gedanken, keine Leidenschaft und keine auf etwas Äußeres gerichteten Wünsche mehr. Verstand, Wille, das Leben der Sinne – alles tritt gänzlich zurück. Über alles Irdische emporgehoben, von Gott besessen, so ruht der Eingeweihte bewegungslos in vollkommener Stille: Er ist der Friede selbst.

Abbildung: Plotinos.wikipedia
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