Aufrüttelnde Texte

Emil Cioran: aus: Auf den Gipfeln der Verzweiflung

Ich möchte unter einer einzigen Bedingung dem Wahnsinn verfallen:

Wenn ich nämlich wüsste, dass ich ein heiterer, lebhafter und beständig hochgemuter Irrer würde, der sich in keinerlei Grübeleien verspönne und den keine Obsession befiele, der allerdings vom Morgengrauen bis zum Einbruch der Nacht sinnlos lachte. Obwohl ich unbändig nach lichten Extasen lechze, bin ich selbst diesen abhold, folgen ihnen doch unweigerlich Depressionen. Ich begehre hingegen ein Bad glühenden Lichtes, das aus mir hervorbrechen und die gesamte Welt verklären sollte, ein Bad, das frei von Spannungen der Extase die Stille lichter Ewigkeit wahrte. Weitab von der Konzentration der Verzückung, gleiche es der Schwerelosigkeit der Anmut und der Wärme des Lächelns. Die gesamte Welt schwebe in diesem Traum von Licht, in dieser lichtdurchfluteten und körperlosen Verzauberung. Hindernisse und Materie, Form und Grenzen zerrinnen – unter solchen Umständen stürbe ich den Lichttod.

Gemäldeausschnitt: Arcimboldo, Frühling 16. Jh.
Textausschnitt aus dem Buch "Auf den Gipfeln der Verzweiflung" von Emil Cioran
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