Evangelien

Finnische Kalevala: Die Geburt von Väinämöinen

Wenig Zeit war nur verstrichen,
eine kleine Frist verflossen,
Da kam eine Taucherente,
schwang sich her in schnellem Fluge,
Sich fürs Nest die Stelle suchend,
einen Ort zur Wohnstatt wählend.

Flog nach Osten,
flog nach Westen,
flog nach Nordwest,
auch nach Süden,
Konnte keine Stelle finden,
nicht die allerschlimmste Stätte,
Um ihr Nest dort einzurichten,
ihren Aufenthalt zu nehmen,
Langsam schwebt sie,
weithin schweifend,
überdenkt und überlegt es:

Bau ich in den Wind die Wohnung,
auf die Wogen meine Wohnstatt,
Wird der Wind das Haus zerstören,
wird die Welle es entführen

Da erhob die Wassermutter,
Wassermutter, Maid der Lüfte,
Schon ihr Knie aus Meereswogen,
ihre Schulter aus der Welle

Als ein Nistort für die Ente,
als ein sehr erwünschter Wohnplatz.
Dieser schöne Entenvogel
schwebt nun langsam, weithin schweifend,
merkt das Knie der Wassermutter
auf dem blauen, offnen Wasser,
Hälts für einen Gräserhügel,
eine frische Rasenblüte.

Er fliegt langsam,
gleitet leise,
auf das Knie lässt er sich sinken,
Darauf baut er seinen Brutplatz,
legt dort seine goldnen Eier,
Legt sechs Eier ganz von Golde,
doch das siebte ist aus Eisen.

Fängt die Eier an zu brüten,
Knies Wölbung zu erwärmen:
Brütet einen Tag,
den andern,
brütet auch am dritten Tage

Schon verspürt die Wassermutter,
Wassermutter Maid der Lüfte,
Eine große Glut entstehen,
spürt die Haut sich stark erhitzen,
Fühlt ihr Knie schon fast verbrennen,
alle ihre Adern schmelzen.
Jäh lässt sie ihr Knie erzittern,
schüttelte sogleich die Glieder;

In die Flut entflohn die Eier,
rollten in des Meeres Wogen,
Es zerbrachen alle Eier,
splitterten in viele Stücke.
Nicht verschlingt der Schlick die Eier,
nicht verschluckt die See die Stücke;

Sie verwandeln sich zum Guten,
schön gestaltet alle Stücke:
Aus des Eies untrer Hälfte
wird die Mutter Erde unten,
Aus des Eies obrer Hälfte
wird der hohe Himmel oben;
Aus dem obren Teil des Gelbeis
wird die Sonne weithin strahlend,
Aus dem obren Teil des Weißeis
wird der Mond mit mildem Glanze;
Was gesprenkelt in dem Ei ist,
wird zu Sternen hoch am Himmel,
Das, was dunkel in dem Ei ist,
wird zu Wolken in den Lüften.

Abb.: Kalevala-Ayno-Triptychon
Text: Das Kalevala, das finnische Nationalepos enthält 
noch Stoffe der ursprünglichen Tradition der finno-ugrischen 
Völker. Der Mythos erzählt die Schöpfung aus den Wassern des 
Chaos, das formt, aber selbst nicht geformt ist.
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