Aufrüttelnde Texte

Tod Khalil Gibrans

In dieser Morgendämmerung des 10. April 1931 richten sich die er-
sten Strahlen meines Morgenrots auf, und die Widerhaken meiner
Schmerzen beugen sich vor meinem letzten Tag. Die Lippen meiner
Augen zittern lächelnd und weinend beim Ton der letzten Schläge
meines Herzens. Ich versuche, all meine Sehnsüchte nachzuempfinden,
um mich schließlich nach dem Tod zu sehnen, diesem Tribut an die äußerste
Schönheit.

Das Klopfen kommt langsam zum Stillstand in meinem Herzen,
diesem Universum, dessen Äußeres Fleisch ist, und dessen Stern-
schnuppen Blut sind. Noch eine kleine Weile, und seine Kadenzen wer-
den sich ins Überirdische ergießen.

Achtundvierzig Male habe ich mich um die Sonne gedreht, und ich
weiß nicht, wie oft der Mond um mich gekreist ist. Aber ich weiß, dass
ich vier gleiche Jahreszeiten von zwölf Jahren lebte, und die Krönung
jeder Jahreszeit war der Frühling. An diesem Frühlingstag des 10. April 1931
fordert der Zustand meines Körpers die Natur heraus, indem er seine
trockenen Blätter tanzen lässt. Die Winde des Alters verwüsten seine Gärten.

Durch dieses Fenster erblicke ich das Erwachen New Yorks und
vernehme seinen einsetzenden Lärm. Auf der anderen Seite meiner
Augen erwartet mich ein Traum vom Frieden. Ich frage mich: «Ist dies
die Stunde, in der meine Seele aufhört, ihre Bahn auf dieser Erde ein-
zuschreiben und eine Spur in dieser Erde zurücklässt: meinen Körper?»

Siehe, meine Seele ist damit beschäftigt, ihre Aussteuer einzusam-
meln, und sie drückt einen Kuss auf meine Lippen, die vor Glückselig-
keit versiegelt sind. Ich sehe, wie meine Seele sich in die Luft meiner
Wohnung erhebt, ich sehe sie meine Bücher und Bilder streicheln, dann
schwebt sie zu meinem Büro. Plötzlich gleitet sie in meine Schreibfe-
der, und von seiner Spitze aus nimmt sie heulend ihren Anlauf, wie eine
Sirene, welche die Abfahrt eines Schiffes ankündigt.

«Den Anker lichten!» ruft der Kapitän Geist.

Meine Vision schraubt sich in gigantischer Spirale empor. An jeder
Biegung befindet sich eine Tafel mit einem Titel meiner Bücher in einem
meiner Bilder. Die Route ist abgesteckt mit Schriftstücken und Bildern,
den Stelen meines vergangenen Lebens.

Und siehe da, ich werde in den Äther geschleudert. Die Hand des
Universums ergreift mich, um mich ins Auge des Zyklonen zu werfen,
genährt von den Winden des Geistes und darauf wartend, dass eine ir-
dische Hand mich aus dem Schoß einer neuen Mutter hervorholt und
dass meine Augen sich vor einem neuen Leben öffnen.

Abb.: Totenmaske Khalil Gibrans

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