Evangelien

HERMES TRISMEGISTOS: SCHLüSSEL AN TATIUM

1 Die gestrige Rede, Asclepius, habe ich dir zugeeignet, nun ist
es billig, dass ich die heutige Tatio zueigne, weil solche auch von
den allgemeinen Reden, die zu ihm gesprochen sind, ein kur-
zer Begriff ist.

2 Lieber Tat! GOTT der Vater und das Gute hat einerlei
Natur oder vielmehr einerlei Wirkung.

3 Denn dies ist der Name der Natur, ihres Abgangs und An-
wachsung, welche sind bei den Veränderlichen und Unver-
änderlichen, Beweglichen und Unbeweglichen, das ist gött-
lichen und menschlichen Dingen, von welchen einem jeden
insonderheit er will, dass sie sind.

4 Die Wirkung aber in den göttlichen und menschlichen Din-
gen (wie wir auch gelehrt haben) ist von anderswoher, welche
Dinge wir hierbei müssen verstehen.

5 Denn seine Wirkung ist sein Wille, und sein Wesen ist
begehren, dass alles sei.

6 Denn was ist GOTT und der Vater und das Gute anders, als
dass die Dinge, die da noch nicht sind, ins Wesen gestellt
werden, ja er ist das Wesen selbst der wesenden Dinge, dieses
ist GOTT, dieses ist der Vater, dieses ist das Gute, bei wel-
chem nichts anders von andern Dingen gefunden wird.

7 Denn die Welt und die Sonne ist wohl zwar Teilhaftigkeit
auch ein Vater, aber nicht eine Ursache von gleicher Würde,
dass die Tiere das Gute und das Leben haben.

8 Aus diesem will folgen, dass dieselbe ganz und gar von dem
Willen des Guten oder Gottes beschlossen werde, weil ohne
denselben nichts sehen noch geboren werden kann; aber dieser
Vater als die Ursache der Söhne empfängt die Begierde des
Guten, des Samens und der Speise oder der Nahrung durch
die Sonne.

9 Denn das Gute ist dasjenige, das da wirkt, welches unmöglich
ist, dass es sonst bei einem andern vermag zu sein als einzig
bei dem allein, welcher nichts an sich nimmt und doch will,
dass alles sei.

10 Lieber Tat, ich sage nicht, dass er alles macht, denn der es
macht, dem mangelt öfters, indem er dieses macht und das
andere nicht macht, an Eigenschaft und Größe, denn die
Dinge, welche Größe und Eigenschaft haben, haben auch bis-
weilen widerwärtige Art.

11 Aber GOTT und der Vater und das Gute, von dem alle Dinge
sind (wer nur dieselben auf diese Art ansehen kann; denn so
will er’s haben, dass es sein soll, und so ist es auch sowohl
um sein als um der Sache wegen, denn alle anderen Dinge
sind darum gemacht, weil die Eigenschaft des Guten ist, er-
kannt zu werden), o Tat, das ist das Gute.

12 0 Vater, du hast uns mit einer guten und allerherrlichsten
Betrachtung angefüllt, und das Auge meines Gemütes ist nun
von einer solchen Betrachtung beinahe geheiligt worden; denn
gleich wie die feurigen Strahlen der Sonne mit ihrem Ein-
scheinen die Augen verfinstern; also machts nicht das Gesicht
eines so guten Wesens, sondern es erleuchtet und vermehrt im
Gegenteil das Licht der Augen soviel, als jemand den Einfluss
des verständlichen Lichtes kann fassen: Denn dasselbe ist
subtil und scharf zu durchdringen und voll von aller Reinheit
und Unsterblichkeit.

13 Derjenige, der etwas überflüssig von solchen Gesichten ver-
mag zu fassen, der entschläft oftmals außer dem Leibe in das
allerherrlichste Anschauen, welches unsere Voreltern Coelius
und Saturnus bekommen haben.

14 Wollte GOTT, lieber Vater, dass wir solches auch verlangten!

15 Oh, dass GOTT wollte, mein Sohn! Aber Jetzt sind wir nicht
wohl bequem zu Gesichtern und können die Augen des Ge-
mütes noch nicht auftun und die unverderbliche und unbe-
greifliche Herrlichkeit von einem so guten Wesen anschauen.

16 Aber wenn wir nichts mehr von demselben werden haben zu
sprechen, alsdann wirst du solches sehen, denn desselben Er-
kenntnis ist eine göttliche Stille und eine Ruhe aller Sinne.

17 Denn welcher auf dieselbe acht hat, der kann nicht auf etwas
anderes acht haben, noch der sie anschaut, etwas anders an-
schauen, noch auf etwas anders hören, auch seinen Leib ganz
nicht bewegen.

18 Denn er ruht entbunden von allen leiblichen Sinnen und
Bewegungen, aber das Licht, welches um und um das ganze
Gemüt leuchtet, erleuchtet auch die ganze Seele und nimmt
sie auf aus dem Leibe und verwandelt dieselbe ganz und gar
in das Wesen Gottes.

19 Denn dies ist möglich, lieber Sohn, dass die Seele in des
Menschen Leib kann vergöttert werden, wenn sie nämlich die
Herrlichkeit des Guten ansieht.

20 Was ist das Vergöttern, wie meinst du das, Vater?

21 Eine Jede Seele hat ihre Scheidung, lieber Sohn.

22 Aber wie verteilst du weiter ihre Verwandlung?

23 Hast du aus der Hauptrede nicht gehört, dass allein von einer
(von der Seele des ganzen Wesens) alle Seelen kommen,
welche also in der ganzen Welt umschweben, gleichsam
verteilt.

24 Diese Seelen haben viele Verwandlungen, etliche in einen
seligen, aber etliche in einen widerwärtigen Stand.

25 Denn welche kriechend sind, die werden in Wässerigkeit ver-
wandelt, die wässerigen in irdische, die irdischen in fliegende,
die luftigen in Menschen, aber die menschliche Seele, welche
der Unsterblichkeit teilhaftig worden, in Dämonen: Dieselben
gehen alsdann hernach in die Schar der unwandelbaren Götter.

26 Denn es sind zwei Scharen der Götter, die eine der umwan-
delnden, die andere der unwandelbaren, und dieses ist die
allervollkommenste Herrlichkeit der Seelen.

27 Wenn aber die Seele, die in des Menschen Leib Ist eingegan-
gen, böse bleibt, so schmeckt dieselbe die Unsterblichkeit nicht,
kann auch des guten Wesens nicht teilhaftig werden, sondern
sie geht den Rückweg und kehret wiederum in das Kriechende,
und das ist die Verdammnis der bösen Seelen.

28 Das Böse der Seelen aber ist die Unerkenntnis.. denn welche
Seele nichts erkennt von den wesenden Dingen, noch die
Natur derselben, noch das Gute, dieselbe ist blind und fällt
in des Leibes Leidenschaft, wird ein böser Dämon, erkennt
sich selbst nicht, dient fremden und schweren Leibern und
trägt den Leib als eine Last, über welche sie nicht herrscht.
sondern von demselben beherrscht wird, und das ist das Übel
der Seelen.

29 Dahingegen ist die Tugend der Seelen die Erkenntnis: Denn
welche erkennt, dieselbe ist gut, selig und ganz göttlich.

30 Wer ist ein solcher?

31 Ein solcher ist der, welcher nicht viel spricht noch viel hört,
denn welcher mit zwei Reden beschäftigt ist, lieber Sohn, der
ficht wider den Schatten: Denn GOTT und der Vater und
das Gute wird weder ausgesprochen weder gehört.

32 Nachdem dieses sich also verhält, so ist in allen wesenden
Dingen der Sinn, weil sie ohne denselben nicht können sein.

33 Aber die Erkenntnis ist weit unterschieden von dem Sinn,
denn der Sinn ist das Ende der Macht und die Erkenntnis
das Ende der Wissenschaft, die Wissenschaft ist eine Gabe
Gottes.

34 Denn alle Wissenschaft ist unleiblich, und sie gebraucht das
Gemüt zu einem Werkzeug und das Gemüt den Leib, also
gehen sie beide in verständliche und materialische Leiber.

35 Denn aus der Gegenstellung und Widerwärtigkeit müssen
alle Dinge bestehen, und es ist unmöglich, dass es anders sein
kann.

36 Wer ist denn derselbe materialische GOTT?

37 Die herrliche Welt, welche dennoch nicht gut ist, denn sie ist
materialisch und der Leidenschaft unterworfen: Ja, das erste
der leidenden Dinge und das zweite der wesenden und an
sich selbst gebrechlich: auch ist sie einmal geboren, ist aber
allezeit.

38 Weil denn dieselbe allezeit gebärend ist und allezeit geboren
wird, so ist sie die Geburt der Dinge, welche der Eigenschaft
und Größe teilhaftig sind: Denn sie ist beweglich, jede mate-
rialische Bewegung aber ist eine Geburt.

39 Die verständliche Standfestigkeit aber bewegt die materia-
lische Bewegung auf eine solche Weise: Die Welt ist eine
Kugel, nämlich das Haupt. Über dem Haupte ist nichts
Materialisches, gleichwie unter den Füßen nichts Intellek-
tualisches oder Ständliches ist, sondern es ist alles materialisch.

40 Das Gemüt ist das Haupt, das wird auf kugelige Art bewegt,
wie das Haupt bewegt wird.

41 Welche Dinge nun nahe bei dem Häutigen von diesem Haupte
sind, in welchem die Seele ist, dieselben sind unsterblich, als
welche eine Seele haben, die voll Leibes ist, weil der Leib
ihnen zur Seele ist gemacht.

42 Aber die Dinge, welche ferne von dem Häutigen entlegen
sind, von welchen diejenigen sind, die mehr Teil haben an der
Seele, solche sind ein Leib.

43 Denn ein jedes Tier, gleichwie dies alles, besteht aus einem
materialischen und verständlichen Ding.

44 Und die Weit ist das erste Tier oder Geschöpf, der Mensch
aber das Zweite, dennoch unter den sterblichen Tieren das
erste, und welches da hat das lebendige Wesen unter allen
andern: Derselbe aber ist nicht alleine nicht gut, sondern noch
böse dazu, weil er sterblich ist.

45 Die Welt ist auch wohl nicht gut, weil sie beweglich ist, doch
gleichwohl nicht böse, weil sie unsterblich ist, aber der Mensch
ist böse, weil er beides, beweglich und unsterblich, ist.

46 Die Seele aber der Menschen wird also bewegt, nämlich das
Gemüt in der Rede, die Rede in der Seele, die Seele in dem
Geist, der Geist in dem Leib.

47 Derselbe Geist, welcher durch die Adern und Lungenpfeifen
und durch das Blut durchdringt, bewegt das Tier und trägt
einigermaßen dasselbe.

48 Daher kommt es, dass etliche haben gemeint, dass das Blut
selbst die Seele sei, welche denn in der Natur geirrt haben
und nicht gewusst, dass vorerst der Geist wiederum in die
Seele muss kehren und dass alsdann das Blut zusammen rinnen
und die Luftröhren ledig müssen werden und alsdann das
Tier vergeben muss, welches denn ist der Tod des Leibes.

49 Alle Dinge hängen alleine an einem einzigen Anfang und der
Anfang an dem einen und allein Wesenden. Der Anfang wird
bewegt, dass er also wiederum ein Anfang werde, aber das
eine bleibt standfest und wird nicht bewegt.

50 Also sind ihrer drei, GOTT, der Vater, das Gute; und die
Welt und der Mensch: GOTT hat die Welt und die Welt den
Menschen: Die Welt wird Gottes Sohn, aber der Mensch
gleich als die Geburt der Welt.

51 Der Mensch ist GOTT nicht unbekannt, sondern er kennt
denselben gar wohl und will auch selbst erkannt sein.

52 Und dies ist einzig und allein des Menschen Heil, wenn er
GOTT erkennt, es Ist die Auffahrt zum Himmel: Hierdurch
alleine wird die Seele gut und nicht die eine Zeit gut und die
andere Zeit böse, sondern notwendig.

53 Was ist da zu sagen, Tris-Megiste?

54 Sohn! Betrachte die Seele eines Kindes, welche von der Auf-
lösung des Leibes noch frei ist, weil der Leib noch klein und
noch ganz vollwachsen ist, wie herrlich sie allenthalben anzu-
sehen und mit den Gebrechen des Leibes ganz nicht befleckt,
beinahe noch an der Seele der Welt hängend.

55 Aber wenn der Leib schwer und die Seele überlästigt wird,
zieht er die Seele ab in die Vergessenheit der Geburt und
hat kein Teil mehr an dem herrlichen guten Wesen, die Ver-
gessenheit demnach ist das Böse.

56 Dasselbe begegnet auch denen, die in den Leib gehen: Denn
wenn die Seele wiederum in sich selbst geht, so wird der Geist
ins Blut zusammengezogen und die Seele in den Geist.

57 Aber das Gemüt, weiches von den Überkleidungen ist gerei-
nigt worden und von Natur göttlich ist, bekommt einen
feurigen Leib und durchgeht alle Plätze und überlässt die
Seele dem Gericht, welches nach ihrem Verdienst ist.

58 Wie sagst du das, Vater? Wird das Gemüt von der Seele
und die Seele von dem Geist abgesondert? Hast du nicht
gesagt, dass die Seele des Gemütes und der Geist der Seelen
Bekleidung und Überzug sei?

59 Lieber Sohn! Der da hört, derselbe muss mit dem, der da
spricht, einerlei Verstand haben und mit ihm gleichstimmig
sein, ja noch ein schärfer Gehör haben als die Stimme des
Sprechenden ist.

60 Die Bereitung dieser Bekleidung, geliebter Sohn, geschieht im
irdischen Leibe. Denn es ist unmöglich, dass das Gemüt sich
selbst nackend durch sich selbst in den irdischen Leib stelle.

61 Denn es ist nicht möglich, dass ein irdischer Leib eine so große
Unsterblichkeit tragen noch dass ein gebrechlicher Leib eine
solche Kraft dulden kann.

62 Darum denn hat das Gemüt die Seele angenommen, gleich
als eine Umzäunung: Die Seele aber (welche selbst auch
göttlich ist) gebraucht den Geist als Ihren Diener, und der
Geist regiert das Tier.

63 Deshalb, wenn das Gemüt aus dem irdischen Leibe ist ent-
wichen, so zieht es alsbald seinen eigenen feurigen Rock an,
welchen es nicht könnte dem irdischen Leib anziehen.

64 Denn die Erde erträgt das Feuer nicht, zumal auch die ganze
Erde von einem kleinen Funken verbrennt: Daher ist es auch,
dass das Wasser die Erde umringt, gleich als eine Festung und
Mauer, welche gegen die Flamme des Feuers gesetzt ist.

65 Also hat nun das Gemüt, welches das allergeschwindeste ist
und geschwinder als alle Elemente, das Feuer zu seinem Leibe.

66 Denn wenn das Gemüt der Werkmeister ist aller Dinge, so
gebraucht es zu seiner Wirkung das Feuer gleich als ein
Werkzeug: Das Gemüt alles Wesens gebraucht dasselbe zur
Auswirkung aller Dinge; das Gemüt des Menschen aber
alleine zur Auswirkung der irdischen Dinge.

67 Denn wenn das irdische Gemüt von dem Feuer entblößt ist,
so vermag es keine göttliche Wirkung zu wirken, weil es
menschlich ist in seiner Wirkung.

68 Die menschliche Seele (aber nicht alle, sondern die gottselige)
ist dennoch dämonisch und göttlich.

69 Eine solche Seele, die den Kampf der Gottseligkeit hat ge-
kämpft, dieselbe wird demzufolge, wenn sie aus dem Leibe
geschieden, entweder ein Gemüt oder GOTT.

70 Der Kampf der Gottseligkeit aber ist GOTT erkennen und

keinem Menschen Unrecht tun, und die Seele, welche also ist,
die wird zu einem Gemüt.

71 Aber die gottlose Seele bleibt in ihrem eignen Wesen und
peinigt sich selbst; und sucht für sich einen irdischen Leib,
darin sie gehen mag, nämlich den Menschen.

72 Denn einen ändern Leib kann eine menschliche Seele nicht
fassen, die Gerechtigkeit lässt es auch nicht zu, dass eine
menschliche Seele sollte in ein unvernünftiges Tier kommen:
Denn Gottes Gesetze befreien die menschliche Seele von
einer so großen Schande.

73 Vater, wie wird denn die menschliche Seele gepeinigt, und
welches ist die größte Peinigung der menschlichen Seele?

74 Die Gottlosigkeit, lieber Sohn! Denn welches Feuer hat so
große Flammen, als die Gottlosigkeit die Seele beschädigt?

75 Oder siehst du nicht, wie groß das Übel ist, welches die gott-
lose Seele leidet, welche da ruft und schreit, ich brenne, das
Feuer verschlingt mich: Ich weiß nicht, was ich sprechen, was
ich tun soll; Ich unseliger Dämon werde ganz verzehrt von
dem Jammer, der mich umzingelt, ich Elende kann weder
sehen noch hören: Dies sind die Klagen von einer gepeinigten
Seele.

76 Nicht so, gleichwie du, lieber Sohn, und der gemeine Mann
meint, dass nämlich die Seele, wenn sie aus dein Leibe scheidet,
in ein unvernünftig Tier eingeht, welches die größte Irrung
ist; sondern die Seele wird auf eine sogestalte Weise gepeinigt.

77 Wenn das Gemüt einen feurigen Leib bekommt, so wird es
geordiniert zu dem Dienste Gottes; wenn aber dasselbe in
eine gottlose Seele eingeht, so geißelt es dieselbe mit der
Geißel der Sünden.

78 Wenn die gottlose Seele hiermit gegeißelt wird, so wendet
sie sich zum Totschlag, zum Schelten, zum Gotteslästern und
zu vielerhand Gewalttätigkeiten und zu mehr andern Dingen,
wodurch die Menschen beschädigt werden.

79 Aber wenn das Gemüt in eine gottselige Seele ist eingegangen,
so führt es dieselbe zu dem Lichte der Erkenntnis. Und eine
solche Seele wird nimmer matt noch müde, alle Menschen zu
rühmen und zu segnen, sie tut ihnen überall Gutes, beides
mit Worten und Werken, damit also ihrem Vater nachfolgend.

80 Deshalb, lieber Sohn, müssen wir GOTT Dank sagen und
bitten, dass wir solches so gutes Gemüt mögen bekommen.

81 Die Seele geht wohl in ein Vortreffliches, aber es ist unmög-
lich, dass sie kann in ein Schlechteres gehen; sonst ist da wohl
eine Gemeinschaft unter den Seelen.

82 Die Seelen der Götter haben Gemeinschaft mit den Seelen
der Menschen, die Seelen der Menschen mit den Seelen der
unvernünftigen Tiere.

83 Die Vortrefflichsten sorgen für die Geringeren, nämlich die
Götter (Regenten oder Planeten) für die Menschen, die Men-
schen für die unvernünftigen Tiere, aber GOTT für alle
Dinge, denn dieser ist vortrefflicher denn alle Dinge und alle
Dinge geringer als Er.

84 Die Welt ist GOTT unterworfen, der Mensch der Welt. Die
unvernünftigen Tiere dem Menschen, aber GOTT ist über
alles und rund um alle Dinge.

85 Die Strahlen Gottes sind Wirkungen, die Strahlen, der
Welt sind Naturen, aber die Strahlen der Menschen sind
Künste und Wissenschaften.

86 Die Kräfte wirken durch die Welt und in den Menschen durch
die natürlichen Strahlen der Welt; die Naturen durch die
Elemente, aber der Mensch durch die Künste und Wissen-
schaften.

87 Und dies ist das Regiment des ganzen Wesen,, welches hängt
an der einen Natur und ist durchdringend bis an das einzige
Gemüt, über welches nichts Göttliches, nichts mehr Wirken-
des nichts mehr Vereinigendes ist.

88 Durch dasselbe ist die Gemeinschaft der Menschen mit den
Göttern und der Götter mit den Menschen, das ist der gute
Dämon, selig ist die Seele, die von demselben voll ist, aber
unselig ist die Seele, die dessen ledig ist.

89 Wie sprichst du wiederum also, lieber Vater?

90 Du musst wissen, lieber Sohn! dass alle Seelen ein gutes Gemüt
haben; denn hiervon ist unsere Rede: nicht von dem Knecht,
von welchem wir zuvor haben gesagt, welcher dem Gerichte
wird übergeben.

91 Denn die Seele ohne Gemüt kann nichts sprechen noch etwas
tun: Denn das Gemüt entfließt öfters aus der Seele; und zu
der Zeit ist die Seele weder sehend noch hörend, sondern
gleich als etwas Unvernünftiges.

92 Und so eine große Gewalt ist bei dem Gemüt: Doch hält es
sich nicht auf in einer nachlässigen Seele, sondern es verlässt
eine solche Seele, die an den Leib ist gebunden und von dem-
selben hinunter wird gezogen.

93 Eine solche Seele, lieber Sohn! hat gar nicht das Gemüt, darum
muss man auch einen solchen keinen Menschen nennen.

94 Denn ein Mensch ist ein göttliches Tier und wird mit den
unvernünftigen Tieren ganz nicht verglichen (nämlich mit
denen, die auf Erden sind), sondern mit denen, die droben
sind und Götter genannt werden.

95 Ja, wenn es erlaubt ist, die Wahrheit freier zu sprechen, so ist
derjenige, welcher in Wahrheit ein Mensch ist, auch höher
denn dieselben, oder sie sind doch ganz und gar an Gewalt
einander gleich.

96 Denn niemand wird von denjenigen, die in dem Himmel sind,
herunter auf die Erde fahren und die Grenze des Himmels
verlassen, aber der Mensch fährt gen Himmel und misst den-
selben und weiß, wie dessen oberste und unterste Dinge ge-
staltet sind, untersucht auch alle anderen Dinge ganz gründ-
lich.

97 Und es ist das allergrößte, dass er die Erde nicht verlässt und
gleichwohl in die Höhe erhoben wird, so groß ist die Größe
seiner Natur.

98 Darum mag man wohl sagen, dass der irdische Mensch ein
sterblicher GOTT und der himmlische GOTT die Welt, ein
unsterblicher Mensch sei.

99 Also werden durch diese zwei, nämlich durch die Welt und
durch die Menschen, alle Dinge regiert: doch von dem Einen
alles.

2. Abb.: Johfra
Text: 18. Jh.
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