Freiheit

Khalil Gibran: Die Sklaverei

Die Menschen sind Sklaven des Lebens; Sklaverei füllt ihre Tage
mit Schmach und Erniedrigung und taucht ihre Nächte in Blut und
Tränen.

7000 Jahre sind seit meiner Geburt vergangen, und seitdem sehe ich
nichts anderes als unterwürfige Sklaven und gefesselte Gefangene.

Ich habe den Osten und den Westen der Erde bereist; ich ließ mich
im Schatten des Lebens nieder und in seinem Licht. Ich sah Nationen
und Völker aus ärmlichen Hütten in prächtige Schlösser ziehen, aber
ihre Nacken waren unter schweren Lasten gebeugt, ihre Handgelenke
gefesselt, und sie knieten vor Götzenbildern.

Ich folgte dem Menschen von Babel bis Paris, von Ninive bis New
York, und ich sah die Spuren seiner Fußketten auf dem Sand neben
seinen Fußspuren. Und ich hörte aus Tälern und Wäldern das Echo der
Klagen von Generationen dringen.

Ich betrat der Menschen Schlösser, Museen und Tempel; ich stellte
mich in die Nähe von Thronen, Altären und Kanzeln: und ich sah den
Arbeiter als Sklaven des Kaufmanns, den Kaufmann als Sklaven des
Soldaten, den Soldaten als Sklaven des Richters, den Richter als Sklaven
des Herrschers, den Herrscher als Sklaven des Priesters und den Prie-
ster als Sklaven des Götzen; das Götzenbild aber ist aus Erde, welche
die Dämonen formten und auf einen Hügel aus Totenschädeln stellten.

Ich ging in die Häuser der Reichen und Mächtigen sowie in die Hüt-
ten der Armen und Schwachen. Ich hielt mich in Sälen auf, deren
Wände mit Elfenbein und Blattgold besetzt waren, und in Stuben, in
denen die Geister der Verzweiflung und des Todes hausten: ich sah die
Säuglinge mit der Muttermilch die Sklaverei aufnehmen, die kleinen
Jungen lernten zusammen mit dem Alphabet die Folgsamkeit, die klei-
nen Mädchen bekleidete man mit Gewändern der Demut, und die
Frauen schliefen auf dem Lager des Gehorsams.

Ich folgte den Generationen von den Ufern des Ganges bis an die
Ufer des Euphrat und zur Mündung des Nils; vom Berg Sinai zu den
Plätzen Athens, den Kirchen Roms, den Gassen Konstantinopels und
den Häusern von London, und überall sah ich die Sklaverei lauern: Sie
schritt in Prozessionen um Altäre, und man nannte sie Gott; dann gös-
sen sie Parfüm über ihre Füße und nannten sie König; sie verbrannten
Weihrauch vor ihrem Abbild und nannten sie Prophet; dann fielen sie
vor ihr nieder und nannten sie das Gesetz; sie führten Kriege, töteten
sich ihretwegen und nannten sie Patriotismus; sie unterwarfen sich
ihrem Willen und nannten sie ; ihret-
willen verbrannten sie Häuser, zerstörten ihre Monumente und nann-
ten sie Gleichheit und Brüderlichkeit; schließlich strengten sie sich an,
arbeiteten mühevoll und nannten sie Geld. Die Sklaverei hat viele
Namen, aber eine einzige Wirklichkeit; viele Erscheinungsformen, aber
ein einziges Wesen. Sie ist eine endlose Krankheit, die unter den ver-
schiedenartigen Symptomen und mit unterschiedlichen Verletzungen
auftritt. Die Rinder erben sie von ihren Vätern zusammen mit dem
Atem des Lebens, die Epochen streuen ihre Samen in die Erde, und die
Jahreszeiten ernten, was andere Jahreszeiten säten.

Die merkwürdigste Form der Sklaverei, die ich angetroffen habe, ist
die blinde Sklaverei; sie verbindet die Gegenwart der Menschen mit der
Vergangenheit ihrer Väter; sie zwingt sie, vor der Überlieferung ihrer
Vorväter niederzuknien; sie macht aus ihnen neue Körper für alte
Geister, getünchte Gräber für verwesende Knochen.

Die stumme Sklaverei hingegen heftet die Tage des Mannes an die
Schleppe seiner Frau, die er hasst, und sie kettet den Körper der Frau an
das Lager ihres Ehemannes, den sie verachtet – so wie man den Fuß
eines Pferdes mit einem Hufeisen beschlägt.

Und die taube Sklaverei ist diejenige, die das Individuum zwingt,
den Tendenzen seiner Umgebung zu folgen, sich mit ihren Farben zu
färben und nach ihrer Mode zu kleiden. So werden sie zu dem, was das
Echo für die Stimme ist und der Schatten für den Körper.

Die lahme Sklaverei unterstellt die Mächtigen der Kontrolle von
Betrügern und liefert die Starken den Launen derjenigen aus, die nach
Ruhm und Ehre streben; diese Menschen gleichen Apparaten, die von
Händen bedient werden, die sie erst ausschalten und dann zerschlagen.

Die graue Sklaverei holt die Seelen der Kinder aus den weiten
Räumen des Firmaments in die Wohnungen des Elends, wo die Not mit
der Dummheit zusammenwohnt und die Erniedrigung mit der Ver-
zweiflung; sie wachsen in Not und Elend auf, leben als Kriminelle und
sterben geschmäht und verachtet.

Die gefleckte Sklaverei verkauft Waren zu überhöhten Preisen,
nennt die Dinge nicht mit ihrem wahren Namen, sie bezeichnet die List
als Klugheit, Geschwätzigkeit als Wissen, Schwäche als Milde und
Feigheit als Stolz.

Die gebeugte Sklaverei bewirkt, dass sich die Lippen der Schwachen
aus Angst bewegen: sie werden reden, was sie nicht fühlen, und äußern,
was sie nicht empfinden. Sie sind im Griff der Angst und Armut, wie
ein Gewand, das man zusammenfaltet.

Die schwarze Sklaverei bedeckt die Söhne unschuldiger Verbrecher
mit Schmach.

Und die Sklaverei der Sklaverei ist die Unbeweglichkeit.

Und als ich erschöpft war, den Jahrhunderten zu folgen, und über-
drüssig, den Reigen der Nationen und Völker zu sehen, suchte ich die
Einsamkeit des Tales der Geister auf, wo sich die Schatten vergangener
Zeiten verbergen und wo die Seelen künftiger Generationen schlum-
mern. Da sah ich eine schmale Gestalt, die einsam der Sonne entgegen-
ging. Ich fragte sie:

„Wer bist du, und wie heißt du?”

Sie antwortete: „Mein Name ist „Freiheit.”
Ich fuhr fort zu fragen: „Wo sind deine Söhne?”

Sie erwiderte: „Einer starb am Kreuz, der andere wurde wahnsinnig,
und der dritte ist noch nicht geboren.”

Danach entfernte sie sich aus meinem Blick – hinter einem Schleier
aus Nebel.

Gemälde von Khalil Gibran: Herbst 1910

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