Literatur

Ernst Bloch: Sehnsucht als das gewisseste Sein

Alles Fragen strebt nach Antwort, selbst wo nichts als Zweifel das Resultat ausmacht, wird noch geantwortet. Besonders ausschließlich und Bescheid gebend sogar, nämlich, dass wir nichts wissen können. Nun hat das Fragen eine affekthafte Entsprechung, die hier einiges verdeutlicht. Die Sehnsucht allerdings, die hier gemeint ist, lässt ihr Ersehntes nicht aus dem Blick, so sehr sie darüber im Ungewissen bleibt, was es sei. Sie sagt sich aber auch nicht, dass sie wüsste, sie würde es nie erfahren. Sie lässt hier mindestens offen, so sehnt sie sich weiter. Bei aller Unsicherheit über ihre Inhalte ist sie selber ohnehin das Gewisseste, und derart ist sie die einzig ehrliche Beschaffenheit des Menschen. Von seiner Affektentsprechung in der Sehnsucht kann das Fragen einiges über sich selber erfahren, indem es weiterfragt und durch den Anschein gerade skeptischer Gewissheit sich nicht lähmen lässt.

Alles kann ungewiss sein, bevor es fest steht. Und die Sehnsucht nach etwas nicht Zuhandenem ist daher noch das gewisseste Sein. Ja, sie bleibt auch, wenn sie als erfüllt auf den Plan treten sollte, denn nicht alles Ersehnte tritt mit seinem noch so voll Erscheinenden ein. Es bleibt ein bedeutender Rest, der gerade durch sein Erscheinen wieder getrübt sein mag. Indem genau das Wichtigste im Traum davon besser war.

Abb. Ernst Bloch wikipedia
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