Alchemie

Schöpfungsmythos des Tao

Der Sinn, der sich aussprechen lässt,

ist nicht der ewige SINN.

Der Name, der sich nennen lässt,

ist nicht der ewige Name.

»Nichtsein« nenne ich den Anfang von Himmel und Erde.

»Sein« nenne ich die Mutter der Einzelwesen.

Darum führt die Richtung auf das Nichtsein

zum Schauen des wunderbaren Wesens,

die Richtung auf das Sein

zum Schauen der räumlichen Begrenztheiten.

Beides ist eins dem Ursprung nach

und nur verschieden durch den Namen.

In seiner Einheit heißt es das Geheimnis.

Des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis

ist das Tor, durch das alle Wunder hervortreten.

Der Sinn als Ewiger ist namenlose Einfalt.

Wenn die Gestaltung beginnt,

dann erst gibt es Namen.

Der SINN in seiner Verborgenheit ist ohne Namen.

Der SINN erzeugt die Eins.

Die Eins erzeugt die Zwei.

Die Zwei erzeugt die Drei.

Die Drei erzeugt alle Dinge.

Alle Dinge haben im Rücken das Dunkle (Yin)

und streben nach dem Licht (Yang),

und die strömende Kraft gibt ihnen Harmonie.

Die einst das Eine erlangten:

Der Himmel erlangte das Eine und wurde rein.

Die Erde erlangte das Eine und wurde fest.

Die Götter erlangten das Eine und wurden mächtig.

Das Tal erlangte das Eine und erfüllte sich.

Alle Dinge erlangten das Eine und entstanden.

Könige und Fürsten erlangten das Eine

und wurden das Vorbild der Welt.

Das alles ist durch das Eine bewirkt.

Wäre der Himmel nicht rein dadurch, so müsste er bersten.

Wäre die Erde nicht fest dadurch, so müsste sie wanken.

Wären die Götter nicht mächtig dadurch, so müssten sie

erstarren.

Wäre das Tal nicht erfüllt dadurch,

so müsste es sich erschöpfen.

Wären alle Dinge nicht erstanden dadurch,

so müssten sie erlöschen.

Wären die Könige und Fürsten nicht erhaben dadurch,

so müssten sie stürzen.

Darum: Das Edle hat das Geringe zur Wurzel.

Das Hohe hat das Niedrige zur Grundlage.

Rückkehr ist die Bewegung des SINNS.

Schwachheit ist die Wirkung des SINNS.

Alle Dinge unter dem Himmel entstehen im Sein.

Das Sein entsteht im Nichtsein.

Man schaut nach ihm und sieht es nicht:

Sein Name ist Keim.

Man horcht nach ihm und hört es nicht:

Sein Name ist Fein.

Man fasst nach ihm und fühlt es nicht:

Sein Name ist Klein.

Diese drei kann man nicht trennen,

darum bilden sie vermischt Eines.

Sein Oberes ist nicht licht,

sein Unteres ist nicht dunkel.

Ununterbrochen quellend,

kann man es nicht nennen.

Er kehrt wieder zurück zum Nichtwesen.

Das heißt die gestaltlose Gestalt,

das dinglose Bild.

Das heißt das dunkel Chaotische.

Ihm entgegengehend sieht man nicht sein Antlitz,

ihm folgend sieht man nicht seine Rückseite.

Wenn man festhält den SINN des Altertums,

um zu beherrschen das Sein von heute,

so kann man den alten Anfang wissen.

Das heißt des SINNS durchgehender Faden.

Des großen LEBENS Inhalt

folgt ganz dem SINN.

Der SINN bewirkt die Dinge

so chaotisch, so dunkel.

Chaotisch, dunkel

sind in ihm Bilder.

Dunkel, chaotisch

sind in ihm Dinge.

Unergründlich finster

ist in ihm Same.

Dieser Same ist ganz wahr.

In ihm ist Zuverlässigkeit.

Von alters bis heute

sind die Namen nicht zu entbehren,

um zu überschauen alle Dinge.

Woher weiß ich aller Dinge Art?

Eben durch sie.

Der SINN ist immer strömend.

Aber er läuft in seinem Wirken doch nie über.

Ein Abgrund ist er, wie der Ahn aller Dinge.

Er mildert ihre Schärfe.

Er löst ihre Wirrsale.

Er mäßigt ihren Glanz.

Er vereinigt sich mit ihrem Staub.

Tief ist er und doch wie wirklich.

Ich weiß nicht, wessen Sohn er ist.

Er schein; früher zu sein als Gott.

Der Geist des Tals stirbt nicht,

das heißt das dunkle Weib.

Das Tor des dunklen Weibs,

das heißt die Wurzel von Himmel und Erde.

Ununterbrochen wie beharrend

wirkt es ohne Mühe.

Der Himmel ist ewig und die Erde dauernd.

Sie sind dauernd und ewig,

weil sie nicht sich selber leben.

Deshalb können sie ewig leben.

Also auch der Berufene:

Er setzt sein Selbst hintan,

und sein Selbst kommt voran.

Er entäußert sich seines Selbst,

und sein Selbst bleibt erhalten.

Ist es nicht also:

Weil er nichts Eigenes will,

darum wird sein Eigenes vollendet?

Es gibt ein Ding, das ist unterschiedslos vollendet.

Bevor der Himmel und die Erde waren, ist es schon da,

so still, so einsam.

Allein steht es und ändert sich nicht.

Im Kreis läuft es und gefährdet sich nicht.

Man kann es nennen die Mutter der Welt.

Ich weiß nicht seinen Namen.

Ich bezeichne es als SINN.

Mühsam einen Namen ihm gebend,

nenne ich es: groß.

Groß, das heißt immer bewegt.

Immer bewegt, das heißt ferne.

Ferne, das heißt zurückkehrend.

So ist der SINN groß,

die Erde groß,

und auch der Mensch groß.

Vier Große gibt es im Raume,

und der Mensch ist auch darunter.

Der Mensch richtet sich nach der Erde.

Die Erde richtet sich nach dem Himmel.

Der Himmel richtet sich nach dem SINN.

Der SINN richtet nach sich selber.

Abb.. Lao Tse 600 v. Chr.
Text: Tao te king
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