Alchemie

Giovanni Pico della Mirandola: Oratio

Rede von Giovanni Pico della Mirandola, Graf von Concordia

Ehrwürdige Väter,

ich habe in den Schriften der Araber gelesen, dass
Abdallah, der Sarazener1, auf die Frage, was ihm auf
der Weltenbühne am bewundernswertesten erschei-
ne, geantwortet habe: Nichts erscheine ihm wunder-
barer als der Mensch. Damit stimmt er mit dem
berühmten Satz des Hermes überein: «Ein großes
Wunder, o Asklepius, ist der Mensch.»

Auf der Suche nach dem Sinne dieser Worte
genügten mir die zahlreichen Argumente nicht, die
von so vielen Seiten über die menschliche Natur
vorgebracht worden sind: Dass der Mensch der ver-
mittelnde Bote unter den Geschöpfen sei, der Ver-
traute höherer Wesen, der Beherrscher der niederen.
Durch die Schärfe seiner Sinne, die Erforschung
durch den Verstand und das Licht seiner Intelligenz
ist er der Deuter der Natur. Er ist die Atempause
zwischen dem Ewigen und dem Strom der Zeit, das
verbindende, ja das hochzeitliche Glied der Welt –
wie die Perser sagen – und laut dem Zeugnis Davids3
von beinah engelhafter Natur. Das sind zweifellos
große Dinge, aber nicht die wichtigsten, das heißt
nicht solche, die es ihm gestatten würden, das Vor-
recht höchster Bewunderung für sich in Anspruch zu
nehmen. Sind nicht die Engel oder die seligen Him-
melschöre der Bewunderung mehr wert als der
Mensch?

Endlich glaube ich verstanden zu haben, warum
der Mensch das glücklichste aller Lebewesen sei und
weshalb so bewunderungswürdig und welche Stel-
lung ihm in der Weltenordnung beschieden sei. Um
diese Stellung beneiden ihn nicht nur die Tiere,
sondern auch die Sterne und die überweltlichen Gei-
ster! Unglaublich und wunderbar! Wie könnte es
denn anders sein? Gerade deswegen wird der
Mensch mit Recht als ein großes Wunder, als ein
wunderbares Lebewesen angesprochen und ange-
sehen.

Bild: Resselli: von links nach rechts: Ficino, Pico, Polziano
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