Aufrüttelnde Texte

Helga Günther: Das Mädchen ohne Hände (von den Gebrüdern Grimm)

Ein Müller war nach und nach in Armut gefallen und hatte nichts mehr als seine Mühle und einen großen Apfelbaum dahinter. Einmal war er in den Wald gegangen, Holz zu holen, da trat ein alter Mann zu ihm, den er noch niemals gesehen hatte und sprach: „Was quälst du dich mit Holzhacken, ich will dich reich machen, wenn du mir versprichst, was hinter deiner Mühle steht.” – Was kann das anderes sein als mein Apfelbaum? dachte der Müller, sagte ja und verschrieb es dem fremden Manne. Der aber lachte höhnisch und sagte: „Nach drei Jahren will ich kommen und abholen, was mir gehört,” und ging fort. Als der Müller nach Hause kam, trat ihm seine Frau entgegen und sprach: „Sage mir, Müller, woher kommt der plötzliche Reichtum in unser Haus? Auf einmal sind alle Kisten und Kasten voll, kein Mensch hat’s hereingebracht, und ich weiß nicht, wie es zugegangen ist.” Er antwortete: „Das kommt von einem fremden Mann, der mir im Wald begegnet ist und mir große Schätze verheißen hat; ich habe ihm verschrieben, was hinter der Mühle steht – den großen Apfelbaum können wir wohl dafür geben.” „Ach Mann,” sagte die Frau erschrocken, „das ist der Teufel gewesen – den Apfelbaum hat er nicht gemeint, sondern unsere Tochter, die stand hinter der Mühle und kehrte den Hof.”

Die Müllerstochter war ein schönes und frommes Mädchen und lebte die drei Jahre in Gottesfurcht und ohne Sünde. Als nun die Zeit herum war und der Tag kam, wo sie der Böse holen wollte, da wusch sie sich rein und machte mit Kreide einen Kranz um sich. Der Teufel erschien ganz frühe, aber er konnte ihr nicht nahe kommen. Zornig sprach er zum Müller: „Tu ihr alles Wasser weg, damit sie sich nicht mehr waschen kann, denn sonst habe ich keine Gewalt über sie.” Der Müller fürchtete sich und tat es. Am anderen Morgen kam der Teufel wieder, aber sie hatte auf ihre Hände geweint, und sie waren ganz rein. Da konnte er ihr wiederum nicht nahen und sprach wütend zu dem Müller: „Hau ihr die Hände ab, sonst kann ich ihr nichts anhaben.” Der Müller entsetzte sich und antwortete: „Wie könnte ich meinem eigenen Kind die Hände abhauen!” Da drohte ihm der Böse und sprach: „Wo du es nicht tust, so bist du mein und ich hole dich selber.” Dem Vater ward angst, und er versprach, ihm zu gehorchen. Da ging er zu dem Mädchen und sagte: „Mein Kind, wenn ich dir nicht beide Hände abhaue, so führt mich der Teufel fort, und in der Angst habe ich es ihm versprochen. Hilf mir in meiner Not und verzeihe mir, was ich Böses an dir tue.” Sie antwortete: „Lieber Vater, macht mit mir, was ihr wollt, ich bin euer Kind.” Darauf legte sie beide Hände hin und ließ sie sich abhauen. Der Teufel kam zum dritten Mal, aber sie hatte so lange und so viel auf die Strümpfe geweint, dass sie doch ganz rein waren. Da musste er weichen und hatte alles Recht auf sie verloren.

Der Müller sprach zu ihr: „Ich habe so großes Gut durch dich gewonnen, ich will dich zeitlebens aufs Köstlichste halten.” Sie antwortete aber: „Hier kann ich nicht bleiben; ich will fortgehen – mitleidige Menschen werden mir schon soviel geben, als ich brauche.” Darauf ließ sie sich die verstümmelten Arme auf den Rücken binden, und mit Sonnenaufgang machte sie sich auf den Weg und ging den ganzen Tag, bis es Nacht ward. Da kam sie zu einem königlichen Garten, und beim Mondschimmer sah sie, dass Bäume voll schöner Früchte darin standen; aber sie konnte nicht hinein, denn es war ein Wasser darum. Und weil sie den ganzen Tag gegangen war und keinen Bissen genossen hatte und der Hunger sie quälte, so dachte sie: Ach wäre ich darin, damit ich etwas von den Früchten äße, sonst muss ich verschmachten. Da kniete sie nieder, rief Gott den Herrn an und betete. Auf einmal kam ein Engel daher, der machte eine Schleuse in dem Wasser zu, so dass der Graben trocken war und sie hindurchgehen konnte. Nun ging sie in den Garten und der Engel ging mit ihr. Sie sah einen Baum mit Obst, das waren schöne Früchte, aber sie waren alle gezählt. Da trat sie hinzu und aß eine mit dem Munde vom Baume ab, ihren Hunger zu stillen, aber nicht mehr. Der Gärtner sah es mit an, weil aber der Engel dabei stand, fürchtete er sich und meinte, das Mädchen wäre ein Geist, schwieg still und getraute nicht zu rufen oder den Geist anzureden. Als sie die Birne gegessen hatte, war sie gesättigt und ging und versteckte sich in das Gebüsch.

Der König, dem der Garten gehörte, kam am anderen Morgen herab; da zählte er und sah, dass eine der Birnen fehlte, und fragte den Gärtner, wo sie hingekommen wäre, sie läge nicht unter dem Baum und wäre doch weg. Da antwortete der Gärtner: „Vorige Nacht kam ein Geist herein, der hatte keine Hände und aß eine mit dem Munde ab.” Der König sprach: „Wie ist der Geist über das Wasser herübergekommen? Und wo ist er hingegangen, nachdem er die Birne gegessen hatte?” Der Gärtner antwortete: „Es kam jemand in schneeweißem Kleide vom Himmel, der hat die Schleuse zugemacht und das Wasser gehemmt, damit der Geist durch den Graben gehen konnte. Und weil es ein Engel muss gewesen sein, so habe ich mich gefürchtet, nicht gefragt und nicht gerufen. Als der Geist die Birne gegessen hatte, ist er wieder zurück gegangen.” Der König sprach: ” Verhält es sich so, wie du sagst, so will ich diese Nacht bei dir wachen.”

Als es dunkel ward, kam der König in den Garten und brachte einen Priester mit, der sollte den Geist anreden. Alle drei setzten sich unter den Baum und gaben acht. Um Mitternacht kam das Mädchen aus dem Gebüsch gekrochen, trat zu dem Baum und aß wieder mit dem Munde eine Birne ab; neben ihr aber stand der Engel im weißen Kleide. Da ging der Priester hervor und sprach: „Bist du von Gott gekommen oder von der Welt? Bist du ein Geist oder ein Mensch?” Sie antwortete: „Ich bin kein Geist, sondern ein armer Mensch, von allen verlassen, nur von Gott nicht.” Der König sprach: „Wenn du von aller Welt verlassen bist, so will ich dich nicht verlassen.” Er nahm sie mit in sein königliches Schloss, und weil sie so schön und fromm war, liebte er sie von Herzen, ließ ihr silberne Hände machen und nahm sie zu seiner Gemahlin.

Nach einem Jahr musste der König über Feld ziehen, da befahl er die junge Königin seiner Mutter und sprach: „Wenn sie ins Kindbett kommt, so haltet und verpflegt sie wohl und schreibt mir’s gleich in einem Briefe.” Nun gebar sie einen schönen Sohn. Da schrieb es die alte Mutter eilig und meldete ihm die frohe Nachricht. Der Bote aber ruhte unterwegs an einem Bache, und da er vom langen Weg ermüdet war, schlief er ein. Da kam der Teufel, welcher der frommen Königin immer zu schaden trachtete, und vertauschte den Brief mit einem anderen, darin stand, dass die Königin einen Wechselbalg zur Welt gebracht hätte. Als der König den Brief las, erschrak er und betrübte sich sehr, doch schrieb er zur Antwort, sie sollten die Königin wohlhalten und pflegen bis zu seiner Ankunft. Der Bote ging mit dem Brief zurück, ruhte an der nämlichen Stelle und schlief wieder ein. Da kam der Teufel abermals und legte ihm einen anderen Brief in die Tasche, darin stand, sie sollten die Königin mit ihrem Kinde töten. Die alte Mutter erschrak heftig, als sie den Brief erhielt, konnte es aber nicht glauben und schrieb dem König noch einmal, aber sie bekam keine Antwort, weil der Teufel dem Boten jedes Mal einen falschen Brief unterschob – und in dem letzten Briefe stand noch, sie sollten zum Wahrzeichen Zunge und Augen der Königin aufheben.

Aber die alte Mutter weinte, dass so unschuldiges Blut sollte vergossen werden, ließ in der Nacht eine Hirschkuh holen, schnitt ihr Zunge und Augen aus und hob sie auf. Dann sprach sie zur Königin: „Ich kann dich nicht töten lassen, wie der König befiehlt, aber länger darfst du hier nicht bleiben: Geh mit deinem Kind in die weite Welt hinaus und komm nie wieder zurück.” Sie band ihr das Kind auf den Rücken, und die arme Frau ging weinend fort. Sie kam in einen großen, wilden Wald, da kniete sie nieder und betete zu Gott, und der Engel des Herrn erschien ihr und führte sie zu einem kleinen Haus, daran war ein Schildchen mit den Worten: „Hier wohnt ein jeder frei.” Aus dem Häuschen kam eine schneeweiße Jungfrau, die sprach: „Willkommen, Frau Königin”, und führte sie hinein. Da band sie ihr den kleinen Knaben vom Rücken und hielt ihn an ihre Brust, damit er trank, und legte ihn dann in ein schönes, gemachtes Bettchen. Da sprach die arme Frau: „Woher weißt du, dass ich eine Königin war?” die weiße Jungfrau antwortete: „I ch bin ein Engel, von Gott gesandt, dich und dein Kind zu verpflegen.” Da blieb sie in dem Hause sieben Jahre und war wohl verpflegt, und durch Gottes Gnade wegen ihrer Frömmigkeit wuchsen ihr die abgehauenen Hände wieder.

Der König kam endlich aus dem Felde wieder nach Hause, und sein erstes war, dass er seine Frau mit dem Kinde sehen wollte. Da fing die alte Mutter an zu weinen uns sprach: „Du böser Mann, was hast du mir geschrieben, dass ich zwei unschuldige Seelen ums Leben bringen sollte!” und zeigte ihm die beiden Briefe, die der Böse verfälscht hatte, und sprach weiter: „Ich habe getan, wie du befohlen hast”, und wies ihm die Wahrzeichen, Zunge und Augen. Da fing der König an, noch viel bitterlicher zu weinen über seine Frau und sein Söhnlein, dass es die alte Mutter erbarmte und sie zu ihm sprach: „Gib dich zufrieden, sie lebt noch. Ich habe eine Hirschkuh heimlich schlachten lassen und von dieser die Wahrzeichen genommen, deiner Frau aber habe ich das Kind auf den Rücken gebunden und sie geheißen, in die weite Welt zu gehen, und sie hat versprechen müssen, nie wieder hierherzukommen, weil du so zornig über sie wärst.” Da sprach der König: „Ich will gehen, so weit der Himmel blau ist, und nicht essen und trinken, bis ich meine liebe Frau und mein Kind wiedergefunden habe, wenn sie nicht in der Zeit umgekommen oder des Hungers gestorben sind.” Darauf zog der König umher, an die sieben Jahre lang, und suchte sie in allen Steinklippen und Felsenhöhlen, aber er fand sie nicht und dachte, sie wären verschmachtet. Er aß nicht und trank nicht während dieser ganzen Zeit, aber Gott erhielt ihn.

Endlich kam er in einen großen Wald und fand darin das kleine Häuschen, daran das Schildchen mit den Worten. „Hier wohnt jeder frei.” Da kam die weiße Jungfrau heraus, nahm ihn bei der Hand, führte ihn hinein und sprach: „Seid willkommen, Herr König”, und fragte ihn, wo er herkäme. Er antwortete: „Ich bin bald sieben Jahre herumgezogen und suche meine Frau mit ihrem Kinde, ich kann sie aber nicht finden.” Der Engel bot ihm Essen und Trinken an, er nahm es aber nicht und wollte nur ein wenig ruhen. Da legte er sich schlafen und deckte ein Tuch über sein Gesicht. Darauf ging der Engel in die Kammer, wo die Königin mit ihrem Sohn saß, den sie gewöhnlich Schmerzenreich nannte, und sprach zu ihr: „Geh hinaus mitsamt deinem Kinde, dein Gemahl ist gekommen.” Da ging sie hin, wo er lag, und das Tuch fiel ihm vom Angesicht. Da sprach sie: „Schmerzenreich, heb deinem Vater das Tuch auf und decke ihm sein Gesicht wieder zu.” Das Kind hob es auf und deckte es wieder über sein Gesicht. Das hörte der König im Schlummer und ließ das Tuch noch einmal gerne fallen. Da ward das Knäblein ungeduldig und sagte: „Liebe Mutter, wie kann ich meinem Vater das Gesicht zudecken, ich habe ja keinen Vater auf der Welt? Ich habe das Beten gelernt, unser Vater, der du bist im Himmel; da hast du gesagt, mein Vater wäre im Himmel und wäre der liebe Gott – wie soll ich einen so wilden Mann kennen? Der ist mein Vater nicht.” Wie der König das hörte, richtete er sich auf und fragte, wer sie wäre. Da sagte sie: „Ich bin deine Frau und das ist dein Sohn Schmerzenreich.” Und er sah ihre lebendigen Hände und sprach: „Meine Frau hatte silberne Hände.” Sie antwortete: „Die natürlichen Hände hat mir der gnädige Gott wieder wachsen lassen”, und der Engel ging in die Kammer, holte die silbernen Hände und zeigte sie ihm. Da sah er erst gewiss, dass es seine liebe Frau und sein liebes Kind war, und küsste sie und war froh und sagte: „Ein schwerer Stein ist von meinem Herzen gefallen.” Da speiste sie der Engel Gottes noch einmal zusammen, und dann gingen sie nach Hause zu seiner alten Mutter. Da war große Freude überall, und der König und die Königin hielten noch einmal Hochzeit, und sie lebten vergnügt bis an ihr seliges Ende.
Betrachtungen über Märchen
Märchen sind phantasievolle Geschichten, von denen man nicht erwartet, das sie in irgendeinem Sinne wahr sind. Dennoch enthalten gerade sie einen großen Schatz an zeitlos gültiger Wahrheit.

Betrachtet man Märchen ganz allgemein mit nüchternem Verstand oder aus psychologischer Sicht, so bieten sie eine verwirrende Vielfalt von Bildern, Personen und Gestalten, die oft rein willkürlich zusammenphantasiert zu sein scheinen. Eine Fülle von Ungereimtheiten wird dem klaren Denkvermögen zugemutet; die handelnden Personen eröffnen einen Blick in erschreckende Abgründe menschlichen Verhaltens. Ereignisse und Handlungen widersprechen jeder Logik Man fragt sich, ob dies für Kinder überhaupt geeignet sein kann.

Aber Kinder lieben Märchen, und auch Erwachsene sind fasziniert von der seltsamen Magie, die von den Märchen ausgeht. Diese Magie beruht gewiss nicht alleine auf der Tatsache, dass Märchen immer glücklich enden. Es muss noch etwas anderes geben, das gleichsam verzaubert hinter der bunten Fülle der äußeren Bilder verborgen liegt; eine verschlüsselte Botschaft, die tiefer und weitreichender ist, als die Bilder – oberflächlich betrachtet – vermuten lassen.
In gleicher Weise, wie man den Menschen als eine Einheit von Körper, Seele und Geist betrachtet, so lassen sich auch Dinge, wie beispielsweise ein Märchen, diesen drei Aspekten zuordnen. Die Körperebene wäre dann die historische Handlung, die Schilderung des reinen Sachverhaltes. Der Text ist der Trägerkörper der Information.

Die Seelenebene entspräche dem psychologischen Inhalt der Geschichte, soweit dieser unsere Gefühle berührt und bewegt.

Aus dem Blickwinkel der geistigen Ebene betrachtet, werden Körper- und Seelenebene gleichsam vom Licht einer dahinter stehenden Wahrheit mit Sinnhaftigkeit durchstrahlt, so dass die verborgene Botschaft des Märchens deutlich wird. Erst die spirituelle Sichtweise eröffnet somit den Blick für seelisch-geistige Gesetze und Wahrheiten, die von jedem Einzelnen erlebt werden können.

Die geheime Botschaft der Märchen wendet sich weniger an den Verstand, sondern eher an das Herzbewusstsein. Was der logisch denkende Verstand nicht ohne weiteres erfassen kann, das begreift das Herz intuitiv: die Magie der Wahrheit. Dennoch können wir uns auch verstandesmäßig der Wahrheit nähern, indem wir den Symbolgehalt der Bilder des Märchens betrachten und verstehen lernen.

Eine psychologische Deutung des vorliegenden Märchens ist nicht beabsichtigt. Personen und Handlungen sind irreal und verlangen nicht nach Erforschung und Heilung persönlicher Zwänge oder Beziehungsprobleme. Stattdessen werden wir auf unserer Reise durch das Märchen seine geistige Botschaft zu ergründen suchen. Sie enthält ewig gültige, universelle Wahrheit. Vor dem Hintergrund einer geistigen Schau kann diese Wahrheit hervorleuchten und verständlich werden.
Dann breitet sich der Bedeutungsinhalt des Märchens in all seiner Weisheit und Sinnhaftigkeit vor uns aus, wir werden in dem Schicksals- und Leidensweg der jungen Müllerstochter den Weg erkennen, den jede menschliche Seele einmal gehen muss.

Doch ehe wir nun diese Reise beginnen, sind ein paar weitere, klärende Vorbemerkungen zum besseren Verständnis erforderlich.
Gedanklicher Hintergrund
Gewiss haben Sie sich schon einmal gefragt, wer und was Sie als Mensch eigentlich sind; woher Sie wohl kommen und was das Ziel Ihres Lebens sein mag.
Der Mensch sei ein Kind Gottes, sagt man; ein Wesen, das aus Körper, Seele und Geist bestehe. Er sei in dieser Welt, um Erfahrungen zu machen und nach dem Tode – früher oder später – wieder zu Gott zurückzukehren.

Aber kann eine solche Betrachtensweise befriedigen? Erwartet man nicht von einem Kind Gottes etwas mehr Vollkommenheit? Genau betrachtet ist der Mensch doch recht wenig göttlich. Er wird geboren, lebt eine kurze Weile und stirbt dann wieder. Warum bewahrt uns der liebende Vater Gott, wenn wir doch seine Kinder sind, nicht vor all dem Bösen, dem Leid, der ganzen unermesslichen Tragik unseres Daseins?

Ob der Mensch nun göttlicher Natur ist oder irdisch, können wir mit „sowohl als auch” beantworten. Von seinem Ursprung her ist er göttlich; von seinem Dasein in der Welt des Vergänglichen her gesehen, ist er irdisch und sterblich. Die Weisheitsschriften vieler Völker überliefern seit Jahrtausenden, dass der Mensch ursprünglich als ein vollkommenes Wesen erschaffen worden sei; als eine Welt im Kleinen, ein „Mikrokosmos,” in dessen Innerem der unsterbliche Mensch als „Kind Gottes” lebte. Sein feinstofflicher Körper war umgeben von einem leuchtenden Seelenkleid, das fähig war, die göttlichen Botschaften zu empfangen und zu vermitteln. So lebten Körper, Seele und Geist im Einklang miteinander.

Dieses vollkommene System zerbrach, als die Seele sich in Eigenwilligkeit vom Geist abwandte, um zusammen mit dem Körper eigene Wege zu gehen. Dadurch entfernte sich der Geist vom System; die Seele verlor ihr leuchtendes Lichtkleid und siechte dahin. Als Folge wurde der Körper immer materieller; die Erdenschwere nahm zu, bis der Körper sich den Gesetzen der Materie fügen musste und sterblich wurde. Übrig blieb ein unvollständiger, leerer Mikrokosmos; einerseits geistig und seelisch abgestorben, und dennoch eine unsterbliche, göttliche Wesenheit, getrieben von der Sehnsucht nach der verlorenen Heimat. Doch sein unvollkommener Zustand verwehrt ihm die Rückkehr.

Jedes mal, wenn ein Mensch stirbt, sucht sich der entleerte Mikrokosmos wieder ein neues, werdendes Menschenwesen, das dann darin ebenfalls bis zu seinem Tode lebt. So reihen sich, wie Perlen an einer Kette, viele Inkarnationen aneinander. Jede hinterlässt ihre Spuren, ihr „Karma” im Mikrokosmos. Diese Spuren eines Lebens in dialektischer Unwissenheit deckten im Laufe vieler Leben die arme Seele immer mehr zu, bis sie schließlich unter Bergen von Unrat (falsches Denken) ganz begraben und vergessen war.

Aber in jedem Mikrokosmos blieb dennoch ein winziger Rest der einst göttlichen Seele erhalten; ein Unterpfand ihrer einst himmlischen Herkunft, ein Atom nur, ein Geistfunke, der wie ein letzter Funke unter der Asche glüht, befähigt, die göttliche Strahlung zu empfangen und darauf zu antworten.

Dort wo unser Herz sitzt, ruht latent dieses „Samenkorn Gottes”, mit dessen Hilfe einmal die neue Seele – und damit der wahre, unsterbliche Mensch – wieder erstehen soll. Dafür muss dieses Samenkorn zur Entwicklung und Reife gebracht werden. Das ist das Ziel, was sich hinter dem Mythos von der Suche nach dem „Stein der Weisen” verbirgt. Um den „Stein der Weisen”, den „Heiligen Gral”, oder das „Goldene Vlies” zu finden, zogen seit Menschengedenken viele Helden aus. Ihr Weg führte durch das finstere Tal, den Abgrund des Lebens, um – wie Parzival (frz.: Perceval = per-ce-val = durch dieses Tal) – den Gral zu finden.

Mythologie, Sagen und Märchen, Bibel und andere Weisheitsschriften durchzieht wie ein roter Faden die Suche nach dem einen, sagenumwobenen Kleinod, dem leuchtenden Juwel, das vollkommenes Glück und ewiges Leben verspricht: das Königreich Gottes in uns.

Der heutige Mensch ist sich dieses Königreiches in sich normalerweise nicht bewusst. Statt der göttlichen Weisheit besitzt er Verstand und Denkvermögen; statt der ursprünglich leuchtenden Seelenkraft nur eine natürliche Seele, die den sterblichen Körper zwar belebt und beseelt, selbst aber ebenfalls zur Welt des Vergänglichen gehört. Diese Naturseele hat vollkommen den Platz der ursprünglichen Seele eingenommen. Sie bildet nun unser natürliches Bewusstsein, das zusammen mit dem Körper als „der Mensch” bezeichnet wird. Dieser Mensch lebt seit dem adamitischen Sündenfall in einer unheiligen, dialektischen Welt. Er ist vollkommen von dieser Welt und damit ebenso sterblich wie seine natürliche Seele. Diese Naturseele ist zwar bis zu einem gewissen Grad veredelungsfähig, kann aber dennoch niemals vom Irdischen erlöst werden.

Der individualisierte Mensch ist die Persönlichkeit, zu der wir gewöhnlich „Ich” sagen, wenn wir uns selbst in unserer einmaligen Erscheinungsform definieren. In jeder Persönlichkeit wirkt die Naturseele mit ihren unterschiedlichen Ich-Trieben auf dreifache Art: Im Haupt: als Verstandesseele, als das zentrale Selbstbewusstsein. Hier herrscht die Ratio, unser intellektuelles Verstandesvermögen, das vernünftige Denken mit seinem Willen. Im Herzen: als Gefühls- oder Gemütsseele, unser Herzbewusstsein. Hier findet sich unser Gefühlsleben, das „Denken mit dem Herzen”. Von hier aus handeln wir „unvernünftig” (im sinne des Verstandes) mit dem Willen des Herzens. Im Becken: als Trieb- oder Begierdenseele. Hier ist der Sitz unseres Charakters; unserer Leidenschaften und elementaren Selbsterhaltungstriebe, das tiefinnerste Wollen; das Handeln „aus dem Bauch”.

Im vorliegenden Märchen geht es immer wieder um diese drei Ich-Triebe der Naturseele, die wir kurz auch die drei „Egos” nennen wollen. Sie sind es, die den weltorientierten Menschen gewöhnlich motivieren. Darum wollen wir sie noch etwas eingehender betrachten: Der Ich-Trieb des Haupt-Bewusstseins ist der Selbstbehauptungstrieb. Mit ihm und seinem Verstandesdenken schafft sich der Mensch seine Welt und zerstört sie nach Belieben wieder. Der intellektuelle Weltbeherrscher behält in jeder Lage kühlen Kopf. Das Verstandes-Ich ist gesellschaftlich anerkannt und findet seine Würdigung trotz seiner negativen Seite: Wahn und Hybris.

Der Ich-Trieb des Herzens umfasst die ganze Palette menschlicher Gefühle; hier ist auch die Quelle für Mitleid und Opferbereitschaft bis zur Selbstaufgabe, sowie der Sinn für Glanz, Schönheit und Harmonie, woran das Herz sich erfreuen kann. Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden hat im Herzen ihren Ursprung. Deshalb ist er ebenfalls anerkannt und gilt als edel, obwohl er ebenfalls seine Kehrseite hat: irrationales Fühlen kann schreckliche Folgen haben.

Der dritte Ich-Trieb führt ein Schattendasein, denn er ist der gänzlich unkultivierbare, elementare Lebenswille mit seinem primitiven Besitztrieb und der Gier nach mehr, auch wenn dieses „Mehr” gar nicht wirklich gebraucht wird. Der Ich-Trieb des Bauches ist der ungeschminkte Selbsterhaltungstrieb; er kennt weder Scham noch Gewissen und geht über Leichen, nur um sich selbst zu retten. Der klare Verstand rationalisiert oder verleugnet diese instinktiven, archaischen Lebenstriebe; das empfindende Herz schämt sich ihrer und versucht, sie zu entschuldigen. Verstandes- und Herztrieb dünken sich dem Ich-Trieb des Bauches durch ihre höhere Kultur überlegen. Machen wir uns jedoch nichts vor: alle drei Ich-Triebe zusammen bilden das Ich-Bewusstsein eines jeden Menschen. Jedes hat seine Berechtigung an seinem Platz, und sie arbeiten alle miteinander zusammen, um die irdische Persönlichkeit zu beseelen. Sie sind sein hochgeschätztes Ich, sein Ego, das nach ewigem Bestehen verlangt und dennoch untergehen muss.

Niederes und höheres Selbst.

Die Naturseele, dieses dreifache Ego, ist also das Ich der Persönlichkeit in seiner Selbst-bezogenheit. Dieses Ich wird auch das „niedere Selbst” genannt. Demnach muss es logischerweise auch ein „höheres Selbst” geben, doch wo ist dieses zu finden?

Wie ein jeder Kosmos, so besitzt auch der Mikrokosmos „Mensch” ein Energiefeld, das den Körper unsichtbar wie eine Atmosphäre umschließt. In diesem Energiefeld wirkt ein weiteres Bewusstseinszentrum, das „höhere Selbst”. Es ist die „Datenbank” des Mikrokosmos und gleichzeitig die Steuerzentrale, die das „niedere Selbst” lenkt. Hier ist alles aufgezeichnet, was je die verschiedenen Persönlichkeitsoffenbarungen des Mikrokosmos an Erfahrungen hinterlassen haben. Die östliche Philosophie bezeichnet die Summe dieser Aufzeichnungen als „Karma”.

„Höheres Selbst” und „niederes Selbst” stimmen vollkommen überein, ähnlich wie eine Marionette mit den Fingerbewegungen des Spielers übereinstimmt. Aber das niedere Selbst, das Bewusstsein des Menschen, weiß davon nichts. Es funktioniert normalerweise so lange im Sinne des höheren Selbstes, bis es dessen Einflussnahme durchschaut und sich davon zu befreien sucht.

Seit die „himmlische Seele” sich vom Geist abtrennte und unwirksam wurde, gab es keine Mittlerin mehr, die dem Körper die göttlichen Botschaften hätte überbringen können. Die Naturseele ist für diese Aufgabe ungeeignet; sie ist egozentriert, aber nicht geistorientiert. So besitzt der irdische Mensch heute keinen Geist im Sinne des göttlichen Bewusstseins.

Es stellen sich nun Fragen: Kann der Mensch dieses göttliche Bewusstsein wieder erlangen? Kann in ihm wieder eine neue Seele entstehen, die geistige Botschaften überbringen kann? Ist es tatsächlich möglich, dass der Mensch sich aus der Umklammerung des Todes befreit und sein Mikrokosmos die ursprüngliche Herrlichkeit wieder zurückgewinnt? Was sind gegebenenfalls die Bedingungen für eine solche Rückkehr zur Unsterblichkeit, und was kann der Einzelne selbst dafür tun?

Diese Fragen sind das Grundthema vieler echter Märchen; jedes findet durch seine besondere Problemstellung darauf seine eigene Antwort. Aber schließlich führt immer alles zu einem guten Ende.

Doch bevor es soweit ist, muss erst ein langer Weg der Prüfungen zurückgelegt werden, auf dem schwierige Aufgaben zu lösen sind. Held oder Heldin des Märchens sind meist jung, schön und unschuldig, jedoch zugleich auf eine seltsame Art behindert, verstoßen oder verzaubert. Sie müssen oft durch eine wahre Hölle gehen, ehe endlich, meist mit Hilfe unterschiedlichster Wesenheiten, die Erlösung aus aller Not geschehen kann.

Held oder Heldin stellen gleichnishaft unsere wahre, himmlische Seele dar, die sich erst über viele Stufen leidvoller Erfahrungen neu entfalten muss. Alles Leid wird ihr durch die Egozentrik der Persönlichkeit zugefügt, deren drei Egos unrechtmäßig den Platz einnehmen, der eigentlich der wahren Seele gehört. Das niedere Selbst der Persönlichkeit steht der neu entstehenden Seele naturgemäß feindlich gegenüber. Zu Recht fürchtet die Naturseele um ihr Bestehen. Doch wenn sie Einsicht in die Notwendigkeit ihres Unterganges gewinnt, kann die neue, wahre Seele im selben Maße an Kraft gewinnen, wie die Naturseele weicht. Schließlich gelingt dann einmal die vollständige Überwindung der Widerstandskräfte im niederen Selbst, dem Ego.

Mögen diese längeren Ausführungen über sehr komplexe Zusammenhänge niemanden irritieren oder gar von der vorliegenden Lektüre abhalten; im weiteren Verlauf wird gewiss vieles noch klarer werden und zu einem besseren Verstehen führen.

Folgen wir nun der jungen Müllerstochter auf ihrem Wege zur glücklichen Königin.
Deutung: 1. Die verkaufte Seele
Ein Müller war nach und nach in Armut gefallen und hatte nichts mehr als seine Mühle und einen großen Apfelbaum dahinter. Einmal war er in den Wald gegangen, Holz zu holen, da trat ein alter Mann zu ihm, den er noch niemals gesehen hatte und sprach: „Was quälst du dich mit Holzhacken, ich will dich reich machen, wenn du mir versprichst, was hinter deiner Mühle steht.” – Was kann das anderes sein als mein Apfelbaum? dachte der Müller, sagte ja und verschrieb es dem fremden Manne. Der aber lachte höhnisch und sagte: „Nach drei Jahren will ich kommen und abholen, was mir gehört,” und ging fort. Als der Müller nach Hause kam, trat ihm seine Frau entgegen und sprach: „Sage mir, Müller, woher kommt der plötzliche Reichtum in unser Haus? Auf einmal sind alle Kisten und Kasten voll, kein Mensch hat’s hereingebracht, und ich weiß nicht, wie es zugegangen ist.” Er antwortete: „Das kommt von einem fremden Mann, der mir im Wald begegnet ist und mir große Schätze verheißen hat; ich habe ihm verschrieben, was hinter der Mühle steht – den großen Apfelbaum können wir wohl dafür geben.” „Ach Mann,” sagte die Frau erschrocken, „das ist der Teufel gewesen – den Apfelbaum hat er nicht gemeint, sondern unsere Tochter, die stand hinter der Mühle und kehrte den Hof.”

Ein mit der Zeit arm gewordener Müller geht in den Wald, um Holz zu sammeln.
In der Gestalt des Müllers erkennen wir einen Menschen, dem es in der Mühle des Lebens, dieses ewig sich drehenden Rades von Werden, Blühen und Vergehen, dämmert, dass er „arm” geworden ist. Er merkt, wie er langsam in der Mühle des Alltags zermahlen wird, bis er, ganz verarmt an Hoffnungen und wahren Lebensperspektiven, gewahr wird, dass aller Fleiß und alle Bemühungen in diesem Leben doch nicht viel einbringen. Ernüchtert sieht er, wie arm sein Leben an inneren, geistigen Werten und echten Lebenszielen tatsächlich ist. Alle äußeren Dinge erscheinen ihm plötzlich armselig. Er befindet sich in einer Lebenskrise.

Der Müller „geht in den Wald”, d.h. der Mensch geht in sich. Er denkt tief nach und zieht Bilanz. Im „Wald” seines Unterbewusstseins sucht er nach „Holz”, womit er Feuer machen will. Er sucht also in sich nach Antworten, die ihm Erhellung, Erleuchtung bringen könnten. Er möchte Klarheit über diese innere Beunruhigung gewinnen. Denn zur Zeit ist in ihm alles dunkel und unklar. Er fühlt nur dumpf, dass es noch etwas anderes geben muss, etwas Sinnvolleres als diesen nimmer endenden Einsatz für vergängliche Dinge.

Der Müller erkennt in dem Fremden, der ihm im Wald begegnet, nicht sogleich den Teufel. Das bedeutet: der Mensch erkennt in seinen Leidenschaften, Trieben und Begierden nicht das Teuflische, das darin verborgen sein kann. Das hat er bewusst noch nie wahrgenommen, es ist ihm fremd.

Warum begegnet der Müller dem Teufel gerade jetzt zum ersten Mal?

Der Müller verkörpert einen Menschen in der Krise. Er steht an einem Wendepunkt. Er bereitet sich auf etwas Neues vor. Er sucht nach Antworten auf seine bisher unbeachteten Lebensfragen.

Wenn ein Mensch nach dem tieferen Sinn seines Lebens zu fragen beginnt und ein Sucher wird, ist er nicht mehr weit davon entfernt, sich seiner Seele bewusst zu werden. Dann ahnt er auch etwas von seiner eigentlichen Aufgabe als Mensch in diesem Dasein. Er versucht sich zu orientieren, d.h., nach dem Licht Ausschau zu halten. Diese Änderung einer bisher rein weltbezogenen Orientierung wirkt auf den latenten Geistfunken, die schlafende Seele – wie ein belebender Impuls. Unter den Schutthalden des Vergessens regt sich das Leben: die verschüttete Seele erhält neue Kraft.

Aber die Gegenkräfte schlafen nicht; im höheren Selbst herrscht Alarmstimmung, und deshalb muss dem Müller jetzt der Teufel begegnen. Der Teufel als „Versucher” und „Verführer” erscheint immer gerade dann, wenn der Mensch im Begriff steht, sich auf einen geistigen Weg zu begeben, wodurch die Seelenkräfte erweckt werden.

Das Märchen verkörpert diese neue Seelenkraft in der Gestalt der jungen Müllerstochter. Sie ist die suchende Seele, die gegen alle Widerstände bereit ist, ihrem inneren Ruf zu folgen. Anfänglich sind diese neuen Seelenregungen dem Menschen noch recht unbewusst; dennoch beunruhigen sie ihn.

Darum kann auch der Müller diese Art neuer Regungen in sich noch nicht deuten, weshalb er ja auch seine Tochter so wenig beachtet, sondern ganz im Sinne der alten Naturseele handelt, die mühelos vom Teufel verführbar ist. Bis jetzt ist dem Müller nur die materielle Form von Reichtum bzw. Armut bewusst. Seinen wahren Schatz, seine kleine Tochter, die noch unentfaltete Seele, kennt er in seiner Unbewusstheit noch nicht. Auf diese neue, junge Seele hat es der Teufel abgesehen.

Das höhere Selbst des Menschen, dieser oberste Dirigent und Verwalter des Karmas, ist der Freund und Helfer des Menschen, solange dessen Interessen ausschließlich weltgerichtet bleiben. Aber es wird zum Satan, zum „Widersacher”, sobald die neue, wahre Seele sich entwickeln will und die Persönlichkeit sich anschickt, sich dieser neuen Seele bewusst zu werden. Dadurch droht dem höheren Selbst Machtverlust und sogar der Tod. Es muss deshalb der drohenden Gefahr vorbeugen und mit den Mitteln der Täuschung versuchen, sich der wahren Seele zu bemächtigen. Der Teufel will immer die Herrschaft über die Seele bekommen, weil sie seine Existenz bedroht.

Der Müller ist ein leichtes Opfer für die hinterhältigen Absichten des Fremden, da er sich seiner Seele noch kaum bewusst ist. Bei der Aussicht auf plötzlichen Reichtum tauscht der Müller bereitwillig seinen „Apfelbaum” gegen vermeintlich größere Werte ein. Er weiß ja noch nicht, mit wem er hier einen Pakt geschlossen hat, und dass er in Wahrheit unversehens seine Seele dem Teufel verschrieben hat.

Ein bekanntes Thema: ein Mensch verschreibt seine Seele dem Teufel für Geld und irdische Vergnügungen. Aber wann immer das geschieht, beginnt für die Seele ein Weg des Leidens. (Gretchen im Faust)

Ein Pakt mit dem Teufel muss nicht spektakulär mit „Blut” unterschrieben sein wie in Goethes „Faust”. Es genügt eine Handlungsweise, die mit ethischen oder moralischen Werten nicht im Einklang steht. Der Mensch spürt dann zwar – mehr oder weniger – das Verwerfliche seines Tuns, überhört aber gerne die warnende Stimme aus seinem Inneren, weil die Verlockung des Profits stärker ist. Auch dies ist eine Art von Seelenverkauf.

Indes hat der Müller weder vorsätzlich, noch in böser Absicht gehandelt, sondern unwissentlich. Hatte er doch geglaubt, „nur” den Apfelbaum zu opfern. Doch selbst dessen Wert konnte er auf Grund seiner Unbewusstheit nicht richtig einschätzen.
Der hinter der Mühle verborgen stehende Apfelbaum symbolisiert die Früchte, den Ertrag des Lebens; an ihm hängen des Menschen Erkenntnisse und Einsichten, seine Vermögen und Talente. Der Müller schätzt diesen Reichtum gering und charakterisiert damit einen Menschen, der zwar über wertvolle (innere) Schätze verfügt, diese aber nicht sinnvoll nutzt. Er setzt sie nicht ein zum Erwerb ewiger Werte, sondern verschwendet sie eigensüchtig für die Annehmlichkeiten des Lebens in ausschließlich äußerem Wohlstand.

Noch lebt der Müller ohne Kenntnis seiner wirklichen Aufgabe als Mensch unbewusst in den Tag hinein, ganz ausgerichtet auf die Befriedigung seiner privaten Bedürfnisse. Nicht ahnend, was er angerichtet hat, kommt der Müller nach Hause. Seine Frau erwartet ihn schon, denn sie wundert sich über den plötzlichen Reichtum im Haus. Als er ihr die Zusammenhänge erklärt, bemerkt sie sofort den verhängnisvollen Irrtum ihres Mannes.

Mit der Frau des Müllers ist hier das Herzbewusstsein gemeint, unsere intuitive weibliche Seite, die den Betrug schneller durchschaut, als der Verstand es kann. Aber der Handel ist perfekt; die teuflischen „Schätze” sind schon im Haus. Der Giftpfeil der Verführung sitzt im Fleisch; das Gift der Habsucht beginnt zu wirken.

Die Welt ist voller Giftpfeile, die den Menschen mit all seinen Sinnen oft sehr erfolgreich lähmen und an das Weltliche fesseln, so dass kaum ein Gedanke für das Überweltliche übrig bleibt. Er klammert sich an dialektische Werte wie Ehre und Besitz, vergisst darüber aber vollkommen, die Frage nach der Sinnhaftigkeit seines Tuns zu stellen.

Damit soll nicht gesagt werden, materielle Armut sei die Voraussetzung für einen geistigen Weg. Ebenso wenig sind irdische Besitztümer als Hindernis dafür zu verdammen. Aber sie können zum Hindernis werden, wenn Lebensgenuss primär als Lebensinhalt gesehen wird. Die innere Leere wird dann überdeckt und nicht mehr wahrgenommen. Konsum, Kultur, Spaß und Unterhaltung – die Welt lockt allgegenwärtig mit ihren teuflisch guten Verführungen. So kommt der Mensch vor lauter Angeboten kaum noch zur Besinnung. Weltliche, materielle Möglichkeiten werden aber dann für den Einzelnen teuflisch, wenn er sich durch sie an das irdisch Vergängliche fesseln lässt. Seine Seelenkräfte können sich dann nicht entfalten; die Seele bleibt unerweckt.

Schneller als der Mensch zu denken vermag, wirkt die Verführung der Welt über seine drei Egos auf ihn, während die junge Seele im Verborgenen (hinter der Mühle) still versucht, den Unrat zu beseitigen, den sein Unversand dort anhäuft; der Unrat ist der Müll, den menschliche Untugenden und unedle Gedanken produzieren. Ein eigensüchtiges, dominantes Ich zwingt die Seele zu einem Schattendasein als unbeachtete Dienstmagd auf dem Hofe.

„Nach drei Jahren will ich kommen und abholen, was mir gehört,” hatte der Fremde höhnisch lachend gesagt. Noch hat der Teufel keine Macht über die junge Seele. Erst muss das Gift der Verführung und Verführbarkeit in ihr wirken und sie für weltliche Verlockungen empfänglich machen.

2. Unfreiheit und Leid
Die Müllerstochter war ein schönes und frommes Mädchen und lebte die drei Jahre in Gottesfurcht und ohne Sünde. Als nun die Zeit herum war und der Tag kam, wo sie der Böse holen wollte, da wusch sie sich rein und machte mit Kreide einen Kranz um sich. Der Teufel erschien ganz frühe, aber er konnte ihr nicht nahe kommen. Zornig sprach er zum Müller: „Tu ihr alles Wasser weg, damit sie sich nicht mehr waschen kann, denn sonst habe ich keine Gewalt über sie.” Der Müller fürchtete sich und tat es. Am anderen Morgen kam der Teufel wieder, aber sie hatte sich auf ihre Hände geweint, und sie waren ganz rein. Da konnte er ihr wiederum nicht nahen und sprach wütend zu dem Müller: „Hau ihr die Hände ab, sonst kann ich ihr nichts anhaben.” Der Müller entsetzte sich und antwortete: „Wie könnt ich meinem eigenen Kind die Hände abhauen!” Da drohte ihm der Böse und sprach: „Wo du es nicht tust, so bist du mein und ich hole dich selber.” Dem Vater ward angst und er versprach, ihm zu gehorchen. Da ging er zu dem Mädchen und sagte: „Mein Kind, wenn ich dir nicht beide Hände abhaue, so führt mich der Teufel fort, und in der Angst habe ich es ihm versprochen. Hilf mir doch in meiner Not und verzeihe mir, was ich Böses an dir tue.” Sie antwortete: „Lieber Vater, macht mit mir, was Ihr wollt, ich bin Euer Kind.” Darauf legte sie beide Hände hin und ließ sie sich abhauen. Der Teufel kam zum dritten Mal, aber sie hatte so lange und so viel auf die Strümpfe geweint, dass sie doch ganz rein waren. Da musste er weichen und hatte alles Recht auf sie verloren.

Eine schöne und fromme Müllerstochter lebt gottesfürchtig und ohne Sünde.

Damit beschreibt das Märchen die nach geistiger Verbindung suchende Seele des Menschen. Sie ist sich der Gefahren bewusst, die ihr von der Macht des Bösen aus dem höheren und niederen Selbst drohen. In diesem Fall sind es die Besitzgier und der Selbsterhaltungstrieb der Ich-Persönlichkeit (der Müller), welche die erwachende Seele in Bedrängnis bringen und ihren weiteren Weg behindern. Aber die Seele weiß sich zu schützen: sie lebt „drei Jahre in Gottesfurcht und ohne Sünde.” Die Zahl drei ist als magische Zahl bekannt. „Aller guten Dinge sind drei”, sagt man. Das gleichschenklige Dreieck ist die erste mögliche zweidimensionale Figur. Aus der männlichen Eins und der weiblichen Zwei entsteht die Drei, – das Kind. So verbindet und überhöht die Drei gleichzeitig die Eins und die Zwei. Damit weist sie über die Polarität hinaus in eine neue Dimension. In dieser höheren Dimension bewegt sich die Seele durch ihr reines, gottgefälliges Leben als Ausdruck des Verlangens nach dem Geist.

Am Tage der Vollendung der drei Jahre wäscht sich die Müllerstochter und zieht einen weißen Kreis um sich. Dieser wirkt als Symbol der Ganzheit und Reinheit wie ein magischer Schutzschild. Er entspricht dem leuchtend hellen Energiefeld der menschlichen Aura, wenn der Mensch denn tatsächlich rein und ohne egoistisches Verlangen auf das Geistige ausgerichtet ist. Eine reine Aura liegt wie ein unsichtbarer Schutzmantel über der Seele und bewahrt sie vor dem Zugriff des Bösen. Die Magie wirkt; der Teufel bekommt keine Macht über die Müllerstochter. Er verlangt nun vom Müller Mithilfe: er soll ihr das Wasser wegnehmen. Der Müller gehorcht aus Angst.

Durch Gier und eigensüchtiges Handeln schadet der Mensch seiner Seele. Er lässt sich zu Handlungen verleiten, die er mit seinem Herzen und seinem Gewissen nicht vereinbaren kann, aber er tut sie trotzdem. Was dies betrifft, seufzt Paulus: „Das Gute, das ich will, das tue ich nicht, aber das Böse, das ich nicht will, das tue ich.” Es ist, als wohnten zwei Seelen in einem Menschen: die eine, die irdische Naturseele entsprechend dem dreifachen Ego, zieht ihn hinab in diese Welt; die andere, die himmlische, wahre Seele, versucht zu retten, was zu retten ist. Diesen Zwiespalt formuliert Goethe, als er seinen „Dr. Faust” zum Schüler sagen lässt:

„Du bist dir nur des einen Triebs bewusst,
oh lerne nie den andern kennen!
Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
die eine will sich von der andern trennen;
die eine hält, in derber Liebeslust,
sich an die Welt mit klammernden Organen;
die andere hebt gewaltsam sich vom Dust
zu den Gefilden hoher Ahnen.”

Wer diese zwei konträren Stimmen in der eigenen Brust fühlt, muss sich stets neu entscheiden, welchem Trieb er folgen will: dem beherrschenden, alles übertönenden Ego, oder jener feinen, bescheidenen Stimme, die so unerschütterlich dem Streben des Egos widersteht? Die nach dem Göttlichen verlangende Seelenkraft bringt Unruhe in unser beschauliches Dasein und vermittelt uns das Gefühl der Zerrissenheit.

Je unbewusster der Mensch dem Geistigen gegenüber noch ist, desto beharrlicher wird das Ich, also das dreifache Ego, die Oberhand behalten. Tatsächlich liegt dem Menschen die Rettung der eigenen Haut oft näher als die Rettung seiner wahren Seele! Der Müller benutzt seine Tochter, um durch sie errettet zu werden. Entsprechend verrät das sterbliche Ego des Menschen seine unsterbliche Seele für den Gewinn fragwürdiger Werte.

Das Ich mag sich noch so empören über die maßlosen Forderungen seines inneren Satans; solange es mit ihm zusammenarbeitet und auf dessen Bedingungen eingeht, bleibt es in seinem Bann gefangen. Immer ist es der Satan im eigenen Wesen, dieser Widerstand gegen die göttliche Kraft, die den Konflikt heraufbeschwört als Ursache für Leid und Schmerz. So nützt dem Müller auch sein halbherziger Protest gegen die Forderung des Teufels, der Tochter die Hände abzuschlagen, gar nichts, da schon die Androhung; selbst geholt zu werden, ihn eilfertig gehorchen lässt. An dieser Reaktion des Müllers erkennen wir die Dominanz des dritten Egos, des Selbsterhaltungstriebes, der elementarer ist als menschliche Liebe und Vernunft.

Die Angst des Menschen vor eigenen Unannehmlichkeiten ist meist größer als das Interesse an seiner unsterblichen, wahren Seele. Trotz schlechten Gewissens ihr gegenüber erweisen sich die Egokräfte als stärker. Das Ich behauptet sein kleines, abgesondertes Dasein auf Kosten der wahren Seele. Für die Sicherung der Annehmlichkeiten des Lebens in dieser dialektischen Welt wird lieber die wahre Seele geopfert. Immer aufs Neue wird sie vom Ego verraten, weil der Mensch nicht versteht, dass allein diese Seele es ist, die als Mittlerin zwischen Geist einerseits und Körper andererseits die erlösende Einheit des ganzen Menschen zustande bringen kann. Das missverstandene Verlangen nach Ewigkeit und Unsterblichkeit findet seinen Ausdruck im dialektischen Streben nach unsterblichem Ruhm, oder in der Erschaffung „ewiger Werte”, die in der Welt des Vergänglichen eine Absurdität sind.

Wäre sich heute jeder dieser Tatsache bewusst, so würde niemand länger den uralten Menschheitstraum vom ewigen Leben mit allerlei seltsamen Methoden zu verwirklichen suchen. Obwohl der Mensch immer wieder erleben muss, dass seine geheime Sehnsucht hoffnungslos von der Gesetzmäßigkeit und Realität der irdischen Welt zunichte gemacht wird, gibt er seine Suche nach der magischen Unsterblichkeit nicht auf. (Man denke nur an das Klonen) Der moderne Mensch scheut für sein Traumziel oft weder Zeit, Kosten noch Mühe. Er möchte am liebsten Alter, Krankheit und Tod vollkommen abschaffen. Aber diese Ursehnsucht treibt auch so manchen an, das Mysterium seines Daseins zwischen Geburt und Tod zu ergründen. Er stellt Fragen nach seiner Herkunft, sowie nach dem Sinn und Zweck seines Lebens. Er sucht nach Antworten auf seine fundamentalen Lebensfragen, aber wo kann er sie finden? Im traditionellen Glauben der Kirche? In einer Sekte? In fremden Religionen? Was kann dem Suchen Richtung geben? Wer kann den Weg zur Wahrheit weisen? Heilsversprecher gibt es zahlreich und für jeden Geschmack. Doch was der Mensch auch immer in der Welt der Täuschung suchen mag, kann nur zu einer Ent-täuschung führen. Das ist zwangsläufig so, denn nicht in der Welt ist die Antwort zu finden, sondern im eigenen Inneren. Das Samenkorn der Unsterblichkeit ruht in seinem eigenen Herzen, und der Leitstern zum ewigen Leben ist seine eigene, wahre Seele.

Diese Seele hat einen schweren Stand, wenn der Mensch sich ihr gegenüber so unbewusst verhält wie der Müller es tut. Nur mit den Tränen der Trauer über die Unwissenheit der Ich-Persönlichkeit kann die leidende Seele sich noch notdürftig reinigen. Die Tränen sind das reinigende Wasser der Seelenkräfte, womit immer wieder der Schmutz der Sünde der Unwissenheit abgewaschen wird. Es lässt sich kaum in Worte fassen, was der Mensch seiner Seele im Laufe seines Lebens antut. Für diese erschreckende Dimension seines Handelns findet das Märchen das drastische Bild des Abschlagens der Hände. So grausam diese Vorstellung auf den normal empfindenden Menschen auch wirken mag, so sinnvoll ist andererseits das „Ohne Hände Sein” für die Seele, die dadurch gar nicht erst in Versuchung kommt, weltlich handeln zu wollen. Eine Seele ohne Hände kann sich nur umso besser auf ihren Weg zu ihrer Errettung begeben. So gesehen hat der Teufel mit seiner bösen Absicht unfreiwillig der Seele gedient.

Trotz allem, was der Müller seiner Tochter an erniedrigender Schmach zumutet, bleibt sie ihm gegenüber sanftmütig und voll hingebender Opferbereitschaft.

Die misshandelte Seele leidet, aber niemals begehrt sie auf. Von ihr geht kein Widerstand aus, wie es nach gewöhnlichem, dialektischen Verständnis zu erwarten wäre. Eine nach dem Himmlischen strebende Seele wendet sich ab von dieser Welt. Dialektische Überlegungen und Gefühle werden ihr fremd. Sie kennt nur eine Aufgabe: die Hingabe an den Geist, um dem einen großen Ziel zu dienen: der Heilung und Heimkehr des Mikrokosmos in die ursprüngliche Heimat. Sie weiß genau, dass eine Rettung nur für das gesamte mikrokosmische System möglich ist – oder überhaupt nicht. Mit diesem Ziel vor Augen ist sie zu jedem Opfer bereit.

Auch beim dritten Versuch gelingt es dem Teufel nicht, die junge Müllerstochter zu holen; sie weiß sich vor seinem Zugriff zu schützen.

Obwohl der Mensch in seinem Unverstand immer wieder seine unsterbliche Seele gefährdet, sie behindert und verstümmelt, strahlt dennoch die unendliche Geduld und Liebe der geistigen Welt durch die wahre Seele hindurch in sein Herz; so lange, bis er diese Strahlung bewusst empfängt und ihr zu folgen bereit ist.

Am Beginn der Seelenentwicklung ist die wahre Seele noch klein und schwach; in dieser Phase ist – im Idealfall – der Mensch ihr Beschützer. Später, wenn sie zur Entfaltung gekommen ist, wird sie einmal selbst die Führung übernehmen; dann muss die einsichtige Persönlichkeit ihr folgen.
3. Aufbruch der Seele
Der Müller sprach zu ihr: „Ich habe so großes Gut durch dich gewonnen, ich will dich zeitlebens aufs Köstlichste halten.” Sie antwortete aber: „Hier kann ich nicht bleiben; ich will fortgehen – mitleidige Menschen werden mir schon soviel geben, als ich brauche.” Darauf ließ sie sich die verstümmelten Arme auf den Rücken binden, und mit Sonnenaufgang machte sie sich auf den Weg und ging den ganzen Tag bis es Nacht war. Da kam sie zu einem königlichen Garten, und beim Mondschimmer sah sie, dass Bäume voll schöner Früchte darin standen; aber sie konnte nicht hinein, denn es war ein Wasser darum. Und weil sie den ganzen Tag gegangen war und keinen Bissen genossen hatte und der Hunger sie quälte, so dachte sie: Ach wäre ich darin, damit ich etwas von den Früchten äße, sonst muss ich verschmachten. Da kniete sie nieder, rief Gott den Herrn an und betete. Auf einmal kam ein Engel daher, der machte eine Schleuse in dem Wasser zu, so dass der Graben trocken war und sie hindurchgehen konnte. Nun ging sie in den Garten und der Engel ging mit ihr. Sie sah einen Baum mit Obst, das waren schöne Früchte, aber sie waren alle gezählt. Da trat sie hinzu und aß eine mit dem Munde vom Baume ab, ihren Hunger zu stillen, aber nicht mehr. Der Gärtner sah es mit an, weil aber der Engel dabei stand, fürchtete er sich und meinte, das Mädchen wäre ein Geist, schwieg still und getraute nicht zu rufen oder den Geist anzureden. Als sie die Birne gegessen hatte, war sie gesättigt und ging und versteckte sich in das Gebüsch.

Wenn der Müller von einem „großen Gut” spricht, das er mit Hilfe seiner Tochter gewonnen zu haben glaubt, so versteht er darunter nur die materiellen Schätze. Zum Dank will er nun zeitlebens für seine Tochter sorgen.

Jeder unbewusste Mensch lebt auf Kosten seiner Seele und versucht, sein schlechtes Gewissen mit guten Taten moralisch-sozialer Art zu beruhigen. Damit zeigt er, wie wenig er die Bedeutung der Seele und ihre Aufgabe verstanden hat. Ein Denken dieser Art ist kein gutes Fundament für eine Seele. Darum will die „Tochter” den „Vater” verlassen. Keine Verlockung kann sie zurückhalten. Sie begibt sich auf ihren Weg, unabhängig davon, was das Ich will.

Solange die Seele vom Bewusstsein des Menschen getrennt ist, hat sie von der Persönlichkeit nichts anderes zu erwarten als bestenfalls ein sorgenfreies Leben in Sicherheit. Beides ist ihrem Lebensziel nicht dienlich. In der unfruchtbaren Wüste einer eigensüchtigen Persönlichkeit kann eine Seele nicht gedeihen. Sie muss verhungern und verdursten. Nur der unerschütterliche Glaube an ein Leben ganz anderer Art gibt einer Seele die Kraft, sich auf einen unbekannten Weg zum ersehnten Ziel zu begeben.

Der bewusste Beginn eines solchen Weges ist wie der Sonnenaufgang am Morgen eines neuen Lebens. Er gleicht dem Zueilen auf die Lichtkraft am Horizont und bringt eine vollkommen neue Orientierung. Aber der Weg, der nun folgt, ist kein Spaziergang über Blumenwiesen, sondern der beschwerliche Weg der befreienden Selbsterkenntnis. Der Mensch wird sich der Dürre und Unfruchtbarkeit seines bisherigen „seelenlosen” Lebens nicht nur bewusst, er beschließt auch, sein Leben zu ändern. Er glaubt nun an einen höheren Sinn seines Daseins als nur den, in der Welt zu sein, um zu leben und zu sterben. Noch sind der armen Müllerstochter die Hände abgeschlagen und die Arme auf dem Rücken gefesselt. Noch ist sie voller Trauer, leidet Hunger und Durst, aber sie ist auf dem Wege der Befreiung. Sie negiert alle Behinderung und alle Widerstände, die sich ihr in den Weg stellen.

Diese Situation der jungen Müllerstochter erfasst sehr bildhaft die Schwierigkeiten, mit denen zu Beginn eines Seelenweges gerechnet werden muss. Der Mensch, der sich dazu entschließt, ist sehr „gebunden” an sein bisheriges Leben, an sein Denken und an seine Gewohnheiten. Was soll er tun? An wen sich wenden? Er ist noch lange hand-lungsunfähig, wie „ohne Hände”. Ihn „hungert” und „dürstet” nach der Wahrheit, aber am hellen Tage, dem Alltag mit seinen vielen Verpflichtungen und Ablenkungen, findet er nicht einen ” Bissen” geistiger Nahrung. Vertrauensvoll hofft er auf die selbstlose Hilfe von „mitleidigen” Menschen, die mehr Erfahrung haben als er selbst; die reicher an Kenntnissen sind und ihm von ihrem Wissen über Weg und Ziel schon „soviel geben werden”, wie er braucht, um auf seinem Wege gestärkt zu werden.

Es mag verwundern, dass hier auf einmal statt von der Seele, nun vom „Menschen” gesprochen wird, der den Seelenweg geht. Das soll jedoch nur daran erinnern, dass ja Mensch und Seele untrennbar eins sind; ebenso, wie ja auch die verschiedenen Figuren des Märchens immer nur die verschiedenen Aspekte der menschlichen Persönlichkeit auf unterschiedlichen Bewusstseinsstufen des inneren Weges darstellen.

In der Nacht erreicht die Müllerstochter den königlichen Garten. Erst wenn die Betriebsamkeit des Tages ausklingt und die Nacht sich senkt, wenn das rastlose Denken der männlich aktiven, schöpferischen Verstandeskräfte zur Ruhe kommt, kann die passiv empfängliche, weibliche Seite des Menschen wirksam werden. Jetzt ist die Zeit des Mondes, des „Mond-Bewusstseins” gekommen. Gefühl und traumhafte Visionen werden lebendig. Das Unterbewusstsein öffnet sich einer anderen Dimension, einer neuen Wirklichkeit, die für das nüchtern-rationale Tagesbewusstsein nicht erfassbar ist.

Wenn das rationale Denken des Menschen zulassen kann, dass es außer der raum-zeitlichen Welt noch etwas anderes gibt, etwas, das sich der sezierenden Logik seines Verstandes entzieht, wird der Mensch empfänglich für nichtrationale Eindrücke aus einer überraumzeitlichen Wirklichkeit. Angetrieben vom Impuls des Gottesfunkens in seinem Herzen folgt der Mensch nun der Vision von einer anderen Wirklichkeit.

Wenn ein Mensch, dem inneren Drängen folgend, sich auf die Suche nach Antwort auf seine Lebensfragen begibt, so fehlt ihm anfänglich oft noch die klare Orientierung. Er liest dann dies und das an esoterischer Literatur, besucht viel versprechende Kurse und macht allerlei Übungen oder reist sogar zu heiligen Stätten und weisen Männern, immer von der Hoffnung beseelt, auf seinem Wege weiterzukommen.

Doch irgendwann, wenn er schon ganz ermattet von dem ewigen Suchen ist, wird er sich eingestehen, dass zwar alles höchst interessant ist, sich aber stets neue Hindernisse vor ihm auftun und er seinem Ziel nach wie vor fern ist. Sein Hunger und sein Durst nach Wahrheit bleiben ungestillt. Doch wenn er in seiner ehrlichen Suche nicht nachlässt, erreicht er zu gegebener Zeit einen „königlichen Garten”. Zunächst noch undeutlich, bei nächtlichem Mondschein, erkennt er dennoch bereits die herrlichen Früchte, an denen die Seele sich laben möchte.

Der Mensch steht nun vielleicht vor den Toren einer modernen Mysterienschule. Undeutlich noch, aber verheißungsvoll, leuchten ihm die begehrten Früchte entgegen. Sie sind für ihn „Brot und Wein” zugleich. Hier kann er essen vom Brot (dem Wort) und trinken vom Wein, dem Geist der Wahrheit.

Doch ganz so einfach geht es nicht. Die Müllerstochter kann nicht hinein in den „königlichen Garten”, denn „es war ein Wasser darum”. In ihrer Not betet sie und ruft Gott den Herrn an.

Um sich wirklich an den Früchten geistiger Wahrheit stärken zu können, muss der Mensch erst sein tiefes Verlangen und seine Aufrichtigkeit beweisen. Ohne dies ist das trennende Wasser nicht zu überwinden. Mit dem Wasser als Hindernis sind die Gefühlsbindungen an alles Zeitliche und Vergängliche gemeint, was im bisherigen Leben ausschließlich bestimmend war. Der Mensch muss sich prüfen, ob er bereit ist, zugunsten der „Früchte” Opfer zu bringen.

Kann und will er sein Leben ändern? Will er den Weg der schonungslosen Selbsterkenntnis wirklich gehen? Ist es ihm ernst mit seinem Verlangen nach Wahrheit? Oder ist es für ihn doch nur ein wenig ernst gemeinter Ausflug in eine, ach so interessante Welt, wo man mal so eben begehrlich ein paar „Früchte” pflückt und dann wieder verschwindet, um sich amüsanteren Dingen zuzuwenden? Und ist es nicht vielleicht doch grundsätzlich besser, in der Sicherheit überkommener Strukturen traditioneller Institutionen zu bleiben, als sich mühsam einen unbekannten Weg in eigener Verantwortung zu suchen, wobei noch mit dem Unverständnis und Spott wohlmeinender Leute gerechnet werden muss?

Wenn es einem Menschen jedoch ernst ist mit seiner Suche; dann werden geistige Kräfte (Engel) wirksam, die weiterhelfen. Sie schließen die „Schleusen”, so dass das Wasser, das „rote Meer” der ungebändigten Blutstriebe und Leidenschaften in seine Schranken verwiesen wird und an Macht verliert. So kann die Seele den königlichen Garten betreten. Endlich darf sie sich laben.

Mit dem königlichen Garten ist ein geistiges Gebiet besonderer Aufnahmefähigkeit gemeint, das der Mensch anfänglich nur im Traumzustand betreten kann.
Unter dem Schutz geistiger Führung kann sich nun die kleine, noch kindlich unentwickelte Seele des Menschen wie ein Baby an der Mutterbrust „ohne Hände” an einer Frucht nähren. Noch ist Nacht, der Mond scheint, was bedeutet: der Mensch erlebt mehr traumhaft als wirklich, mehr ahnungsvoll als bewusst den Beginn des Erkenntnisweges. Ohne bewusst zu planen oder in irgendeiner Hinsicht zu „handeln”, isst er von den Früchten der Wahrheit und Erkenntnis, die bisher lediglich Gegenstand intellektuellen Interesses waren (bewacht und gezählt). Indem die Früchte nun gegessen, also „einverleibt” werden, gewinnt der Mensch unmittelbar an Einsicht und Selbsterkenntnis.

Noch „versteckt” sich das Mädchen, d.h. der Mensch steht noch nicht offen vor der Welt zu seinen neuen Erfahrungen; er scheut noch die Konfrontation mit Menschen, von denen er annehmen muss, nicht verstanden zu werden. Sein Vertrauen in die eigene Seelenkraft muss erst wachsen.

Der geistigen Führung kann der Mensch absolut vertrauen, aber ist dieses Vertrauen auch gegenüber der eigenen Ich-Persönlichkeit gerechtfertigt? Ist der Mensch wirklich bereit, dem gerade begonnenen Pfad treu zu bleiben, oder schwenkt er wieder ab, weil der Weg denn doch zu mühsam scheint? Wie sieht es aus mit dem Satan im höheren Selbst? Das Märchen wird darauf im weiteren Verlauf seine Antworten finden.

Im „Garten des Königs” sieht es verheißungsvoll aus. Der Mensch beginnt, etwas von der Existenz seiner Seele zu ahnen. Damit verlieren seine drei Naturegos bereits ein wenig von ihrer beherrschenden Machtposition; die Persönlichkeit verändert sich. Schon diese ersten Ansätze einer gewissen Einsicht reichen aus, um die Seele zu stärken, und sei es auch noch so bescheiden mit einer einzigen Frucht.
4. Im goldenen Käfig
Der König, dem der Garten gehörte, kam am anderen Morgen herab; da zählte er und sah, dass eine der Birnen fehlte, und fragte den Gärtner, wo sie hingekommen wäre, sie läge nicht unter dem Baum und wäre doch weg. Da antwortete der Gärtner: „Vorige Nacht kam ein Geist herein, der hatte keine Hände und aß eine mit dem Munde ab.” Der König sprach: „Wie ist der Geist über das Wasser herübergekommen? Und wo ist er hingegangen, nachdem er die Birne gegessen hatte?” Der Gärtner antwortete: „Es kam jemand in schneeweißem Kleide vom Himmel, der hat die Schleuse zugemacht und das Wasser gehemmt, damit der Geist durch den Graben gehen konnte. Und weil es ein Engel muss gewesen sein, so habe ich mich gefürchtet, nicht gefragt und nicht gerufen. Als der Geist die Birne gegessen hatte, ist er wieder zurückgegangen.” Der König sprach: „Verhält es sich so, wie du sagst, so will ich diese Nacht bei dir wachen.” Als es dunkel ward, kam der König in den Garten und brachte einen Priester mit, der sollte den Geist anreden. Alle drei setzten sich unter den Baum und gaben acht. Um Mitternacht kam das Mädchen aus dem Gebüsch gekrochen, trat zu dem Baum und aß wieder mit dem Munde eine Birne ab; neben ihr aber stand der Engel im weißen Kleide. Da ging der Priester hervor und sprach: „Bist du von Gott gekommen oder von der Welt? Bist du ein Geist oder ein Mensch?” Sie antwortete: „Ich bin kein Geist, sondern ein armer Mensch, von allen verlassen, nur von Gott nicht.” Der König sprach: „Wenn du von aller Welt verlassen bist, so will ich dich nicht verlassen.” Er nahm sie mit in sein königliches Schloss, und weil sie so schön und fromm war, liebte er sie von Herzen, ließ ihr silberne Hände machen und nahm sie zu seiner Gemahlin.

Anfänglich war das Ich in der Persönlichkeit des Müllers verkörpert; inzwischen hat es sich zum „König” gewandelt. Während der Müller nur einen einzigen, unbeachteten Apfelbaum besitzt, den er auch noch verschachert, verfügt der König über einen großen Garten mit vielen Bäumen voller Früchte, die sogar gezählt und bewacht werden. Das Bewusstsein durchlebt in seinem Bemühen um Erkenntnis verschiedene Stufen, woran sich die Übereinstimmung oder auch die Abweichung in seinem Verhältnis zur göttlichen Harmonie zeigt.

Der König repräsentiert einen Menschen, dem die Ordnung dieser Welt als Lebensprinzip wichtig ist. Seine Erträge (Früchte) sind sowohl zahlreich als auch gezählt; d.h. seine Verdienste sind registriert und finden ordnungsgemäß Beachtung. Er ist der in vieler Hinsicht gebildete und kultivierte Mensch, der sorgsam auf das Erworbene bedacht ist. Das gut gefüllte Bankkonto (Garten) befindet sich in der Obhut von Fachleuten (Gärtner), und für die Sache mit Gott ist ein Priester zuständig. Im König erkennt der Einzelne seine besten Eigenschaften wieder: alles, was an ihm im weltlichen Sinne edel, hilfreich und gut genannt werden kann. Ein solcher Mensch tritt ein für Gerechtigkeit und Frieden; er ist erfolgreich, fleißig, vernünftig und sozial eingestellt. Er schätzt sich selbst hoch ein und schaut in zufriedenem Stolz auf die Exklusivität seiner eigenen Bedeutung, seines Wissens und seiner Möglichkeiten.

In diesem Sinne leben heute schon viele „Könige”. Sie können die Früchte ihrer Arbeit zählen. Es sind intelligente Menschen, die ihre drei Egos gut zu kontrollieren und zu beherrschen vermögen. Und manchmal sind sie dann auch Präsident, Chef, Manager oder Befehlshaber, weil sie so gut herrschen und befehlen können. Das Ich in Verbindung mit dem geschulten Verstand, mit Ehrgeiz und dem Willen zur Macht, ist ein erfolgreicher Welt-Beherrscher.

Der König kommt in seinen Garten; hier wachsen Früchte, Erkenntnisfrüchte, an denen sich die Seele in aller Bescheidenheit stärken kann. Auf diese Erkenntnisebene begibt sich das Verstandes-Ich „herab”. Der König bemerkt sofort das Fehlen der einen Birne. Etwas stimmt nicht in seinem Garten; d.h. die gewohnte Lebensordnung des Menschen gerät durch die Regungen der Seele durcheinander. Die merkwürdigen Vorgänge im Garten beunruhigen den König. Er will genauestens informiert werden über das, was da in der Nacht, bei Mondschein, vor sich geht. Das sezierende Verstandesego will alles genau wissen. Skeptisch und ungläubig der neuen Seelenerfahrung gegenüber, muss der Intellekt alles hinterfragen. Er will die Kontrolle behalten, will sich absichern und vergewissern, ehe er sich auf so seltsame Erscheinungen wie eine eventuelle „Seele” oder „Engel” überhaupt einzulassen bereit ist. Alle Klugheit, alle Logik seines Verstandes helfen dem Menschen nicht, wenn es um die aufkeimende neue Seele geht. Er kann seine eigenen Wahrnehmungen nicht deuten; die Bilder sind noch zu un-„deutlich”, zu mondhaft. Darum wendet er sich an einen Fachmann, von dem er sich befriedigende Erklärungen erhofft. So lässt der König den Priester fragen, ob die verdächtige Erscheinung im Garten ein Geist oder ein Mensch sei.

Was geht vor in dem „inneren Garten”, dem Unterbewusstsein des Menschen?
Was stört seine gewohnte Ordnung im Kopf?
Was beunruhigt sein Herz?

Der suchende und fragende Mensch auf dem Wege der Selbsterkenntnis bekommt Antwort. Die zarte Stimme seiner Seele selbst antwortet ihm. Er vermag nun die Wesensart der neuen Seele schon so weit zu erfassen, dass er sogar einen göttlichen Ursprung nicht ausschließt. Dieses Neue im Leben eines Menschen erfüllt ihn mit Beunruhigung, aber auch mit Freude, obwohl er sich über dessen Bedeutung und Tragweite anfänglich noch nicht klar ist.

Der König nimmt die von der Welt Verlassene mit sich auf sein königliches Schloss. Wenn auch zunächst noch undeutlich – bei Mondschein, und „heimlich”, d.h. inwendig, wird sich der Mensch seiner Seele mit den Gefühlskräften des Herzens bewusst. Und wenn er ein verständiges Herz hat, dann erbarmt er sich ihrer und erlaubt ihr die Stärkung. Er nimmt die von den Menschen „Verlassene” mit sich auf sein „Schloss”, d.h. er schenkt ihr Liebe und Aufmerksamkeit. Er gibt ihr einen Platz in seinem Leben. Er erkennt sie an als seine andere Hälfte und tut alles Menschenmögliche zu ihrem Wohle; jedenfalls alles, was nach seinem dialektischen Verständnis gut für sie ist. Sogar „silberne Hände” lässt er für sie anfertigen.

Aber ist das, was er ihr zuteil werden lässt, auch zugleich das, was sie braucht? Hat er überhaupt eine Ahnung davon, wie es wirklich um seine Seele bestellt ist? Ist nicht seine „Liebe” noch von sehr irdischer und persönlicher Art? Schimmert nicht durch all sein Tun zugleich auch sein Ego hindurch? Ist seiner Seele tatsächlich mit „silbernen Ersatzhänden” gedient? Sitzt sie nun nicht doch in einem – wenn auch goldenen – Käfig gefangen, ohne die Möglichkeit zur Fortsetzung des Weges, der doch allein Heilung ihrer ungöttlichen Verstümmelungen bringen könnte? Statt mit lebendigen Händen, die ihr wahre Handlungs-Freiheit schenken könnten, lebt sie mit künstlichen, technischen Händen ohne Gefühl, ohne Leben; sie dienen nur der Aufrechterhaltung des schönen Scheins. Das Unechte und Tote ersetzt das Ursprüngliche, Lebendige.
Leben wir nicht alle mit solchen künstlichen, silbernen Händen? Bieten Wissenschaft, Technik und Kunst uns heute nicht alle nur erdenklichen Möglichkeiten an Komfort und Unterhaltung, die angeblich unser Leben lebenswerter machen sollen? Mit Denkvermögen und Intelligenz hat sich der Mensch eine luxuriöse, schillernde Glitzerwelt geschaffen, mit deren Errungenschaften es ihm rein äußerlich besser geht als je zuvor. Aber wie sieht es inwendig aus? Überdecken nicht all diese phantastischen Angebote oft nur einen Mangel an innerem, lebendigem Sein in wahrer Freiheit? Deckt nicht die äußere Vielfalt oft nur innere Armut zu?

Wir leben in einer Haben-Gesellschaft, in der das Sein im lebendig machenden Geiste kaum eine Rolle spielt. Statt auf der Suche nach der Wahrheit zu sein, sind wir süchtig nach immer neuen Reizen. Jeder weiß, was er hat, aber nicht, wer er ist. Mit Hilfe der Technik können wir uns zwar ins All erheben; im Kino in virtuelle Welten fliegen, aber eine Erhebung in geistige Dimensionen wird als abwegig belächelt. Die Wissenschaft übt sich darin, Menschen als „Ersatzteillager” zu klonen, aber den Menschen geistig in sich selber neu zu erschaffen, daran wird kein Gedanke verschwendet. Es mag hart klingen, aber viele Errungenschaften unserer Zivilisation sind nichts als „silberne Hände”, die zwar schön aussehen, den Mangel an geistigem Heil-Sein aber nur notdürftig verdecken; beheben können sie ihn nicht. Sie sind Steine, die statt Brot dem unwissenden Menschen gereicht werden, um seine Ursehnsucht nach Wahrheit, Freiheit und Ewigkeit ersatzweise zu befriedigen, damit er den Betrug an seiner Seele nicht bemerkt.

Auch wenn der Mensch auf dieser Stufe noch nicht viel von seiner Seele weiß, so beginnt dennoch die neue Seelenkraft in ihm zu wirken. Das Himmlische und das Irdische sind zusammen in einem Wesen.

In unserer modernen Zeit ist der Mensch in seiner Seelenentwicklung sehr gut voran gekommen. Endlich hat die Seele einen Platz im Bewusstsein (Schloss) gefunden. Viel wird von ihr und über sie gesprochen. Der Mensch hat sie „zu sich” genommen und respektiert sie als seine „weibliche Seite”, allerdings in völliger Verkennung ihrer wahren Art und Aufgabe. Alles Erdenkliche wird für die Seele getan im festen Glauben, es tue ihr gut; mal öfter bei guter Musik entspannen, etwas Hübsches kaufen, meditieren oder die Schönheit der Welt im sonnigen Süden genießen, wo die Seele dann mal so richtig baumeln darf. Doch was hier baumelt, was umsorgt und verhätschelt wird, das ist die Naturseele mit ihrem natürlichen Anspruch ans Dasein. Alles dient nur ihrem Wohlfühlaspekt. Deshalb können auch alle Streicheleinheiten, Beautyfarmen und alle Traumreisen der Welt den Menschen nicht wirklich befriedigen. Depressionen nehmen zu; die wahre Seele bleibt unverstanden und leidet. Etablierte religiöse Institutionen sammeln zwar für „Brot für die Welt”, halten jedoch das wahre Brot für die hungernde Seele nicht bereit; sie geht leer aus. Der Einzelne sucht nach Auswegen aus seinem Dilemma. Er flieht in die Sucht, in die Arbeit, in die Krankheit, in die Ferne oder in spirituelle Zirkel. Seelenfachleute verschreiben „Psychopharmaka”, schöne Prothesen, die als „silberne Hände” den Makel des Unheilseins kaschieren, damit die Seele so gesund aussieht, wie die Welt es erwartet. Die Seele schweigt dann wenigstens, und das Ich kann sich wichtigeren Aufgaben zuwenden. Ihre Verletzung wird überdeckt, aber nicht geheilt.
5. Zweifel und Zerrissenheit
Nach einem Jahr musste der König über Feld ziehen, da befahl er die junge Königin seiner Mutter und sprach: „Wenn sie ins Kindbett kommt, so haltet und verpflegt sie wohl und schreibt mir’s gleich in einem Briefe.” Nun gebar sie einen schönen Sohn. Da schrieb es die alte Mutter eilig und meldete ihm die frohe Nachricht. Der Bote aber ruhte unterwegs an einem Bache, und da er vom langen Weg ermüdet war, schlief er ein. Da kam der Teufel, welcher der frommen Königin immer zu schaden trachtete, und vertauschte den Brief mit einem anderen, darin stand, dass die Königin einen Wechselbalg zur Welt gebracht hätte. Als der König den Brief las, erschrak er und betrübte sich sehr, doch schrieb er zur Antwort, sie sollten die Königin wohl halten und pflegen bis zu seiner Ankunft. Der Bote ging mit dem Brief zurück, ruhte an der nämlichen Stelle und schlief wieder ein. Da kam der Teufel abermals und legte ihm einen anderen Brief in die Tasche, darin stand, sie sollten die Königin mit ihrem Kinde töten. Die alte Mutter erschrak heftig, als sie den Brief erhielt, konnte es aber nicht glauben und schrieb dem König noch einmal, aber sie bekam keine Antwort, weil der Teufel dem Boten jedes Mal einen falschen Brief unterschob – und in dem letzten Briefe stand noch, sie sollten zum Wahrzeichen Zunge und Augen der Königin aufheben.

Auf dem Schloss scheint zunächst alles in schönster Ordnung zu sein. Der König liebt seine junge Frau aufrichtig, und ihr Wohlergehen liegt ihm am Herzen. Dieses Bild beschreibt die Situation eines Menschen, dem es körperlich und seelisch gut geht. Er hat den Weg der Seelenbefreiung eingeschlagen und begonnen, sich auf seine geistige Aufgabe zu besinnen. Er ist zufrieden und mit sich und der Welt im Einklang.

Beinahe könnte das Märchen an dieser Stelle enden, aber der Leser spürt, dass noch etwas fehlt. Die Königin kann nicht wirklich glücklich sein mit ihren silbernen Händen. Die Idylle auf dem Schloss ist trügerisch und kann nicht von Dauer sein.

Wenn ein Mensch einen Lebenszustand erreicht hat, der im weltlichen Sinne nichts mehr zu wünschen übrig lässt, dann drohen Sattheit und Stagnation., Er hat zwar ein verantwortliches Ich entwickelt, das sich zur geistigen Welt hin orientiert, aber dennoch: Zufriedenheit und Lebensgenuss halten ihn in der Normalität des alltäglichen Lebens gefangen. Der Weg, das hohe Ziel der Heilung und Erlösung der Seele, droht in Vergessenheit zu geraten. Die Prothesen der kranken Seele werden zur Gewohnheit. Eine solche Entwicklung in Richtung Stillstand liegt jedoch nicht im Sinne des spirituellen Auftrages des Menschen und seiner Seele. Deshalb findet das Märchen nun seine Fortsetzung mit einem Ereignis, das alles verändern wird: Der König muss „über Feld” ziehen. Nach einem Jahr des Friedens und des Glücks verlässt er seine Frau, der er doch versprochen hatte, sie nie zu verlassen. Er übergibt sie der Obhut seiner Mutter.

Inwiefern dieser Schachzug der Märchenerzählung sich nun für die Königin als hilfreich erweisen wird, lässt sich im Augenblick noch nicht erkennen, aber genau wie im richtigen Leben geht das Schicksal auch im Märchen verschlungene Pfade, um den begriffsstutzigen Menschen dennoch auf seinen Weg und an sein Ziel zu bringen. Der König spiegelt hier das Verhalten eines Menschen wider, der den Seelenweg begeistert begonnen hat. Es ist ihm durchaus ernst mit der Absicht, seiner innersten Bestimmung gerecht zu werden, aber früher oder später verliert er doch das Interesse, und – obwohl sich schon erste „Früchte” andeuten (die Königin ist schwanger), fehlt ihm noch die wirkliche Einsicht in die Bedingungen des Weges. Und so fehlt ihm auch die Beständigkeit, diesen Weg der befreienden Selbsterkenntnis beharrlich fortzusetzen. Der Hang zum alten Leben gewinnt wieder die Oberhand. Trotz aller guten Vorsätze erliegt er aufs Neue dem Reiz des Weltlichen. Auf dem „Felde” der Ehre strebt er nach Ruhm und Anerkennung. In der Auseinandersetzung mit der irdischen Daseinsrealität stellt er sich mit seiner vollen Lebenskraft den Herausforderungen. Für Themen außerhalb seiner Vorstellungswelt verblasst das Interesse. Auch hofft er immer noch, in der Welt das zu finden, wonach eine tiefe Ursehnsucht ihn verlangen lässt: das Gute, Schöne und Wahre. Aber die Welt des Vergänglichen hält nur vorübergehende und relative Dinge bereit. Das absolut Gute, Schöne und Wahre liegt außerhalb aller irdischen Bestrebungen. So steht der Mensch immer wieder mit leeren Händen da, weil er das Vergängliche nicht festhalten kann.

Der König ist von dieser Erkenntnis noch weit entfernt; er fühlt sich als Herrscher und Beherrscher seines Schicksals, aber leidvolle Erfahrungen werden ihn eines Besseren belehren.

Ohne Rücksicht auf sein Versprechen zieht der König ins Feld.
Durch diese widersprüchliche Verhaltensweise des Königs werden die zwei gegensätzlichen Seiten des dialektischen Herzens deutlich. Wir wissen, dass das menschliche Herz Liebe und Hass kennt, Sympathie und Antipathie, Freude und Leid, Hoffnung und Verzweiflung; es kann weich sein und hart. Es will lieben und geliebt werden. „Wer mich nicht liebt, den liebe ich auch nicht,” ist seine Devise. So widersprüchlich „denkt” das Herz, denn es ist von dieser Welt. Es ist glücklich, wenn es geliebt, gewürdigt und beachtet wird, und wenn seine guten Taten ihr gebührendes Echo finden. Es wacht eifersüchtig über sein Eigentum, und es kann zu Stein erstarren, wenn seine Erwartungen enttäuscht werden. Das alles macht unser Herz-Ego aus. Aber diese Launenhaftigkeit eines Herzens, das heute liebt und morgen nicht, schafft unendliches Leiden und namenloses Weh. Auch der König wird diese Erfahrungen machen, wie wir noch sehen werden.

Solange König und Königin zusammen mit der Mutter auf dem Schloss leben, kennt die junge Königin nur die liebevolle Seite des königlichen Herzens. Aber nun zieht er fort und lässt Frau und Mutter zurück.

Das Märchen bedient sich zweier Figuren, um diese Spaltung des dialektischen Herzens darzustellen: die eine Hälfte wird durch die Mutter verkörpert; sie ist die liebende, verstehende und hilfsbereite Seite, die voller Mitgefühl für das Unschuldige eintritt und aus Mitleid zu jedem Opfer bereit ist, ohne Rücksicht auf sich selbst. Der König im Felde personifiziert die andere Hälfte, die misstrauische, gekränkte Seite des Herzens, die sich täuschen lässt und mit tödlichem Hass zu reagieren bereit ist. Die Mutter des Königs, als die mitfühlende Seite des Herzens, fühlt zwar intensiv, denkt aber nicht berechnend, wie das Verstandesbewusstsein es tut. Noch ehe der Verstand des Menschen sich seiner Seele bewusst wird, hat sich die liebende Seite des Herzens schon längst für die Seele geöffnet. Dieser Teil des Herzens bleibt ihr verbunden auch dann, wenn die andere Seite, sowie auch das Denken und Handeln, noch Eigeninteressen verfolgen, also egozentriert bleiben. Der Mensch „liebt” dann seine Seele nur mit halbem Herzen. Deshalb kann er sie weder wirklich verstehen noch Wesentliches für sie tun. Die andere Hälfte ist zusammen mit Denken und Handeln „über Feld” gezogen, also weit fort, wohin die Seele nicht folgen kann. Sie bleibt zu Hause bei der „Mutter”.

Doch wer ist sich schon im täglichen Existenzkampf, der mit Verstand und Tatkraft bewältigt sein will, dieser inneren Zerrissenheit bewusst? Der Mensch nimmt seine Seele nicht mit in diese kämpferischen Auseinandersetzungen, weshalb es denn auf diesen „Schlachtfeldern” auch so seelenlos zugeht.

Während der König im Felde weilt, bringt die Königin einen Sohn zur Welt.
So wie Maria, die reine Seele, das Geistprinzip empfangen und den Sohn, das Licht der Welt, gebären kann, so vermag die geläuterte Seele des Menschen das Geistige in sich aufzunehmen und zu offenbaren. Die Geburt des Sohnes deutet hin auf die erste Verbindung der Seele mit dem befreienden Licht, dem Licht der Wahrheit, das in ihr zu scheinen beginnt.

Der König ist zu diesem überaus wichtigen Ereignis nicht anwesend, d.h. seinem Bewusstsein sind diese Entwicklungen noch verborgen. Obwohl sich also in der weitgehend gereinigten Seele bereits das Geistige (der Sohn) manifestiert, ist sich die Persönlichkeit dieser Vorgänge und Veränderungen in ihrem Inneren noch nicht bewusst. Sie nimmt deshalb diese Entwicklung zunächst kaum zur Kenntnis; sie ist nie wirklich mit ganzem Herzen dabei (der König ist anderweitig beschäftigt). Diese Halbherzigkeit macht den noch schwankenden Menschen empfänglich für monströse Unwahrheiten (Wechselbalg) und irreführende Gegenargumente. Der verunsicherte Mensch fragt sich: Ist dies wirklich der richtige Weg für mich? Ist das mit der Seele nicht vielleicht doch alles nur Einbildung, ein schöner Wahn? Ihm kommen ernste Zweifel. Sie sind die Folge des Versuches, den Seelenpfad zu gehen, aber gleichzeitig das alte, dialektische Leben in gewohnter Weise fortzusetzen; beides ist jedoch nicht vereinbar. Dieser disharmonische Zustand ist verwirrend für Mensch und Seele. Die Gespaltenheit des Herzens lässt keine klaren „Botschaften” zu.

Das Märchen findet für diese innere Zerrissenheit eindrucksvolle Bilder: alle Botschaften der alten Königin an den König treffen nur entstellt ein. Umgekehrt werden auch die Antworten des Königs vom „Teufel” in ihr Gegenteil verkehrt. Wieder hat der Teufel als „Teil der Kraft, die Böses will und Gutes schafft,” (Faust I) seine Hand im Spiel und lenkt das Schicksal. Geschickt nutzt er die noch herrschende Unbewusstheit, um mit den Mitteln der Lüge und des Betruges hinterhältig gegen die Seele und das aufkeimende Geistprinzip zu intrigieren.

Wenn der Mensch von vielen sich widersprechenden Meinungen und Lehren unterschiedlicher Art schließlich ganz verwirrt ist, dann weiß er am Ende gar nicht mehr, was er glauben und woran er sich halten soll. Seine Zweifel werden stärker. Er verliert das Vertrauen in das Seelenlicht in seinem Inneren; er will es auslöschen (der König will Frau und Kind töten lassen). In ihm tobt der uralte Kampf des niederen Selbstes einerseits und der aus dem Inneren aufsteigenden Sehnsucht nach Erlösung und Vollkommenheit andererseits. Wenn das niedere Selbst in seiner Selbstbehauptung dominant bleibt, dann neigt der Mensch dazu, den Seelenpfad wieder zu verlassen. Seine Glaubensgewissheit schwindet und damit der Kontakt zur inneren Quelle seiner Kraft; die Seele gerät ernsthaft in Gefahr.

Warum will der König, dass Zunge und Augen der Königin aufgehoben werden?
Wenn der Mensch zweifelt an seiner Seele, an seinem Weg und an seinem Ziel, dann wird ihm das mahnende Drängen der Seele mit ihren Wünschen lästig. Er müsste ja eigentlich sein Leben zugunsten seiner Seelenentwicklung ändern. Dazu fehlt ihm aber die Bereitschaft, und so wünscht sich der zwischen Seelen- und Weltinteressen hin- und hergerissene Mensch, seine Seele möge endlich schweigen. Auch sollte sie besser nicht sehen, was er so alles treibt in dieser Welt. Stumm (ohne Zunge) und blind (ohne Augen) soll die Seele nicht merken, wie es tatsächlich um den Menschen bestellt ist. Sie soll das Licht der Wahrheit nicht sehen und die Wahrheit nicht aussprechen, die der Mensch fürchtet, weil er dann allzu deutlich seine Gottesferne erkennen könnte.

Was wäre die Folge, wenn die alte Königin die Befehle des Königs ausführte? Am Ende eines egozentrischen Lebens würde die Persönlichkeit seelenlos sterben. Der Mikrokosmos wäre wieder einmal um eine Hoffnung auf Erlösung vom Rad der Geburt und des Todes ärmer. Das Märchen fände an dieser Stelle sein trauriges, unbefriedigendes Ende. Aber glücklicherweise nimmt es einen anderen Fortgang.
6. Wieder auf dem Wege
Aber die alte Mutter weinte, dass so unschuldiges Blut sollte vergossen werden, ließ in der Nacht eine Hirschkuh holen, schnitt ihr Zunge und Augen aus und hob sie auf. Dann sprach sie zu der Königin: „Ich kann dich nicht töten lassen, wie der König befiehlt, aber länger darfst du hier nicht bleiben: Geh mit deinem Kind in die weite Welt hinaus und komme nie wieder zurück.” Sie band ihr das Kind auf den Rücken, und die arme Frau ging weinend fort. Sie kam in einen großen, wilden Wald, da kniete sie nieder und betete zu Gott, und der Engel des Herrn erschien ihr und führte sie zu einem kleinen Haus, daran war ein Schildchen mit den Worten: „Hier wohnt ein jeder frei.” Aus dem Häuschen kam eine schneeweiße Jungfrau, die sprach: „Willkommen, Frau Königin”, und führte sie hinein. Da band sie ihr den kleinen Knaben von dem Rücken und hielt ihn an ihre Brust, damit er trank, und legte ihn dann in ein schönes, gemachtes Bettchen. Da sprach die arme Frau: „Woher weißt du, dass ich eine Königin war?” Die weiße Jungfrau antwortete: „Ich bin ein Engel, von Gott gesandt, dich und dein Kind zu verpflegen.” Da blieb sie in dem Hause sieben Jahre und war wohl verpflegt, und durch Gottes Gnade wegen ihrer Frömmigkeit wuchsen ihr die abgehauenen Hände wieder.

Zum Glück ist ja noch die alte Königin da, die Mutter. Sie ist bestürzt und traurig über die unbegreiflichen Befehle des Königs, die sie aber mit ihrem mitleidigen Herzen auf ihre eigene Art zu umgehen weiß.

So sind es denn die liebenden Herzenskräfte im Menschen, die, entgegen der Ratio des Verstandes und der niederen Beweggründe seiner Ich-Triebe, die Seele zu retten versuchen. „Geh mit deinem Kind in die weite Welt hinein und komm nie wieder zurück”, sagt die Mutter zur jungen Königin.

Wieder einmal ist die Seele „von allen verlassen, nur von Gott nicht”. Es ist die „normale” Situation der Seele in einer vom Intellekt beherrschten Welt, in der hauptsächlich vergängliche Macht und äußerer Reichtum den Wert eines Menschen bestimmen. Wo der Wille und die blinden Leidenschaften des „Herrschers” aus lauter Verblendung eine Katastrophe heraufbeschwören, da kann nur noch die selbstlose Liebe das Schlimmste verhüten. Das mitfühlende Herz setzt sich intuitiv über die unvernünftige Autorität des kalten Verstandes hinweg, ohne über das damit verbundene Risiko nachzudenken. Das Herz bringt es nicht fertig, die Seele zu töten, aber es muss sich doch dem Herrschaftsanspruch von „oben” fügen.

„Hier nicht bleiben zu dürfen” bedeutet, dass der Mensch seine Seele ganz aus seinem Bewusstsein verdrängen will; er billigt ihr keine Daseinsberechtigung mehr zu. Die Ich-Persönlichkeit stellt sich gegen die Seele und den neugeborenen Geistkeim, das Licht der Hoffnung, und gibt sie dem Verderben preis.

Diese Thematik erinnert an Beispiele aus Religion und Mythologie: das Macht- und Herrschaftsprinzip, der alte König (Pharao, Herodes, König Laios), verfolgt das neugeborene Kind (Moses, Jesus, Ödipus). Kaum ist das Heilige auf der Welt, muss es um sein Leben fürchten und fliehen. Das Licht der Welt, der wahre König, kann vom beherrschenden Ego nicht geduldet werden, denn es möchte selbst König sein und bleiben.

In der Fremde braucht dieses Heilige dann eine Zeit der Stille und Geborgenheit, um zu wachsen, ehe es in der Welt wirksam werden kann. Diese Zeit der Ruhe findet die Königin mit ihrem Kind durch ihr unerschütterliches Glaubensvertrauen. Ganz auf sich allein gestellt, verlassen und verloren in der Wildnis der Welt, ringt die Seele um die Verbindung mit Gott. Nach ihrem Gebet im Walde erscheint ein Engel und führt die Königin in ein kleines Haus, in dem jeder „frei wohnt”. Ein weiterer Engel, eine schneeweiße Jungfrau, hilft ihr, das Kind zu pflegen.

Die schneeweiße Jungfrau, ein Symbol für geistige Welt und Reinheit, erkennt in der armseligen Gestalt sogleich die Königin. Das bedeutet: das geistige Prinzip erkennt stets das, was sich dem Geistigen zuwendet und ihm folgt, mag es, mit irdischen Augen gesehen, auch noch so erbärmlich aussehen. Der Geist nimmt sich nun der suchenden Seele an. Das Haus, in dem jeder „frei wohnt”, kann als das menschliche Herz verstanden werden, denn nur wer „frei” darin wohnt, wohnt überhaupt darin. Wahre Liebe verlangt keinen Eintritt, sie ist bedingungslos. Hier ist die Seele in einem Bereich, wo alle „Berechnung” aufhört. Hier herrschen Friede und selbstlose Liebe. Das werdende neue Geist-Seelenwesen bewohnt nun den Herzraum; die erste Festung des dreifachen Egos ist damit in Besitz genommen.

Sieben Jahre bleibt die Königin in dem kleinen Haus. Die Sieben deutet hier eine Zeit der Entwicklung an. Wir wissen, dass im menschlichen Leben alle sieben Jahre ein neuer Zyklus beginnt, sowohl auf der körperlichen, wie auch auf der psychischen und mentalen Ebene.

Diese Reifezeit verbringt die Königin mit ihrem Kinde in der Pflege und im Schutz des Engels, der „von Gott gesandt” ist. Es sind die geistigen Kräfte, die alles nähren, heilen und entwickeln, was sich ihrer Strahlungskraft öffnet. Jetzt endlich werden auch die Hände der Königin geheilt. Dies deutet auf die Heilung, die Ganz-Werdung des neuen Menschen hin, des wahren, unsterblichen Geist-Seelenmenschen, um den es letztlich geht.

Die Königin ist nun geheilt; aber was ist mit dem eigensinnigen König geschehen? Was hat er getan in den sieben Jahren, die seine Frau abgeschieden in dem kleinen Haus verbrachte? Wie hat die Persönlichkeit den Weg ihrer Seele erlebt?

7. Einsicht und Umkehr
Der König kam endlich aus dem Felde wieder nach Haus, und sein erstes war, dass er seine Frau mit dem Kinde sehen wollte. Da fing die alte Mutter an zu weinen und sprach: „Du böser Mann, was hast du mir geschrieben, dass ich zwei unschuldige Seelen ums Leben bringen sollte!” und zeigte ihm die beiden Briefe, die der Böse verfälscht hatte, und sprach weiter: „Ich habe getan, wie du befohlen hast”, und wies ihm die Wahrzeichen, Zunge und Augen. Da fing der König an, noch viel bitterlicher zu weinen über seine Frau und sein Söhnlein, dass es die alte Mutter erbarmte und sie zu ihm sprach: „Gib dich zufrieden, sie lebt noch. Ich habe eine Hirschkuh heimlich schlachten lassen und von dieser die Wahrzeichen genommen, deiner Frau aber habe ich das Kind auf den Rücken gebunden und sie geheißen, in die weite Welt zu gehen, und sie hat versprechen müssen, nie wieder hierher zu kommen, weil du so zornig über sie wärst.” Da sprach der König: „Ich will gehen, so weit der Himmel blau ist, und nicht essen und trinken, bis ich meine liebe Frau und mein Kind wieder gefunden habe, wenn sie nicht in der Zeit umgekommen oder des Hungers gestorben sind.” Darauf zog der König umher, an die sieben Jahre lang, und suchte sie in allen Steinklippen und Felsenhöhlen, aber er fand sie nicht und dachte, sie wären verschmachtet. Er aß nicht und trank nicht während dieser ganzen Zeit, aber Gott erhielt ihn.

Kaum ist die Königin fort, da kehrt der König heim auf sein Schloss zu seiner Mutter.
Ein Mensch, der nach Hause kommt, der kommt zu sich – zu sich selbst, zur Besinnung. In der Selbstbesinnung erkennt er seine Situation und wird des Verlustes all dessen gewahr, was seinem Leben hätte Sinn geben können. Während er mit dem Lebenskampf um den Erwerb der vergänglichen Dinge des Daseins beschäftigt war, hat er sich des Wertvollsten beraubt, was er hatte: seiner Seele. Ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit und tiefen Traurigkeit erfüllt ihn. Ihm dämmert die Erkenntnis, wie sinnlos und leer sein Leben ist. Die Vergeblichkeit aller ausschließlich diesseits bezogenen Bemühungen wird ihm bewusst.

Ein Mensch am Tiefpunkt seines Lebens, da er schon alles verloren glaubt, kehrt um. Schlagartig werden ihm seine Irrtümer und Versäumnisse, seine Gedankenlosigkeit und das ganze Unverständnis gegenüber seiner Seele bewusst. Er empfindet sich zunehmend als Fremdling in der Welt und spürt seine Entfremdung von Gott. Nun sind Lebensgenuss, Bequemlichkeit und persönlicher Ehrgeiz plötzlich nicht mehr so wichtig. Er besinnt sich auf seinen früher schon einmal begonnenen Seelenweg. Aber wo soll er das Verlorene suchen? An wen sich wenden? Wie kann er die Verbindung zu seiner Seele wieder herstellen, von der er nur hoffen kann, sie noch lebend vorzufinden.

Der Verlust von Frau und Kind schmerzt den König unsäglich, doch seine Mutter kann ihm in seiner Verzweiflung über die eigene Schuld neue Hoffnung geben. Es ist spät, doch vielleicht nicht zu spät. Er will dem Rat seines Herzens folgen und sich auf die Suche begeben.

Wenn ein Mensch zu diesem Entschluss gereift ist, beginnt jetzt die alles entscheidende Phase seines Weges, ja, man kann sagen, dass der Weg der Selbsterkenntnis und Ich-Ersterbung für ihn jetzt erst wirklich beginnt.

Das aber ist das Schwerste, was ein Mensch sich vornehmen kann, denn die alten, starken Natur-Egos lassen sich keineswegs so einfach verdrängen. Ehe sie ihre Positionen zu räumen bereit sind, bedarf es eines langen Prozesses der Einsicht, der Läuterung und der Wandlung. Aber die Sehnsucht des Menschen nach dem Unvergänglichen, diesem Ewigen in sich selbst, der Wahrheit Gottes, treibt ihn an, nach der Einheit mit dem Göttlichen zu verlangen, dessen Unterpfand doch in seinem eigenen Herzen verborgen liegt.

Vor dem König steht das Bild von Frau und Kind. Diesem Bild will er folgen, bis er sie gefunden hat. Ein jeder Mensch auf dem bewussten Wege trägt ein Bild, eine Vision des Zieles in seinem Herzen. Der unerschütterliche Glaube an die Realisierbarkeit der Vision gibt ihm die Kraft, alle Widerstände aus dem eigenen Ego, die seinen Weg behindern wollen, zu überwinden.

Friedrich Rückert formuliert diese Vision mit den Worten:

„Vor jedem steht ein Bild
Des, was er werden soll;
Solang er das nicht ist,
Ist nicht sein Friede voll.”

Im Herzen des einsichtig gewordenen Menschen keimt neue Hoffnung, die ihm Kraft schenkt. Sie strömt aus dem Geistfunken, dessen lebendige Lichtkraft nun im Menschen wirksam wird und ihn befähigt, unter Verzicht auf eigensüchtige Lebensziele, sein Denken, Wollen, Fühlen und Handeln auf die Wiederverbindung mit seiner Seele zu richten.

Weit hat sich der Mensch von seiner wahren Seele entfernt; die beginnende Selbsterkenntnis ist ein erster Schritt auf einem erfahrungsreichen und mühevollen Rückweg. Erst hat der Mensch seine Seele zugunsten seines Ichs geopfert, nun muss er das Ich opfern; erst musste die Seele dem Ich dienen, nun muss das Ich der Seele dienen.

Wie einst Parzival sich auf die Suche nach dem Heiligen Gral begab, so macht sich gleich ihm der König auf, das Heilige zu suchen. Getrieben von der Sehnsucht nach erlösender Ganzheit und unsterblicher Liebe, kennt er jetzt nur noch ein Ziel: Frau und Kind wieder zu finden. Auf der Suche nach der verlorenen Königin betritt er nun einen steinigen und entsagungsvollen Pfad. Unter Verzicht auf Macht und Königswürde will er gehen, so weit der Himmel blau ist und weder essen noch trinken, bis er wieder mit ihnen vereint ist.

Der König sucht seine Lieben in den Steinklippen und Felsenhöhlen.
Auf dem Wege der Selbsterkenntnis wird sich der Mensch seiner inneren Versteinerungen und Verhärtungen bewusst. Es sind die scharfen Klippen seiner Vorurteile, seiner dogmatischen Ansichten und starren Prinzipien. Wenn er sein Inneres durchforscht, so steigt er hinab in die Höhlen des Unbewussten, wo in der Finsternis der Unwissenheit die unberechenbaren Wesen der Triebe und Leidenschaften ihr Schattendasein führen; wo die abscheulichen Kreaturen der niederen Begierden hausen und das lichtscheue Gesindel hässlicher Gedanken lauert.

In diesen unfruchtbaren Gebieten der Eigensucht und Lieblosigkeit reinen Verstandesdenkens und stolzer Unbelehrbarkeit hält sich die Seele allerdings nicht auf, weshalb der König sie dort ja auch nicht findet.

Der Mensch auf dem Wege der Umkehr nimmt nichts mehr zu sich, wovon sonst seine drei Egos genährt wurden: dem Streben nach Liebe, Reichtum, Macht und Ruhm. Diese individuellen Ansprüche schwinden. Die weltgerichteten Interessen nehmen ab. Stattdessen gilt seine ganze Aufmerksamkeit den Seelen- und Geistkräften, die zunehmend sein Leben bestimmen. Geistige „Nahrung” tritt an die Stelle sinnloser und überflüssiger körperlicher Befriedigungen, die doch nur vorübergehender Art sind.

Für den Einzelnen bedeutet die innere Umkehr im geistigen Sinne nicht, Beruf, Familie oder Heimat zu verlassen. Er muss dafür nicht auf heilige Berge klettern und irgendwo in einem Ashram zu Füßen des Meisters meditieren. Er braucht sich weder zu kasteien, noch seine Seele einem Psychotraining zu unterziehen; sie möchte gewiss nicht trainiert werden. Er muss nur eines: dem Ruf seiner Seele folgen. Für sie opfert er auf seinem Wege nach und nach alles, nämlich seine drei mächtigen Natur-Egos. Damit werden die alten Begierden ausgelöscht, und ein neues, ganz anderes Begehren tritt an deren Stelle: das Verlangen nach Heilung und Unsterblichkeit seiner Seele.

Der Mensch dient jetzt nur noch dem neuen Seelenwesen und den wachsenden Jesuskräften in seinem Inneren, denen jeder Mensch nachfolgen soll. „Ohne mich könnt ihr nichts tun”, sagt Jesus zu seinen Jüngern. Ohne dieses „Licht der Welt” bleibt der Mensch unwissend und handlungsunfähig (ohne Hände).

Die Lebensaufgabe für den Menschen besteht darin, den Auftrag der Seele zu verstehen und sein Leben entsprechend einzurichten. Im Evangelium des Johannes (Joh. 3,30) heißt es: „Er muss wachsen, ich aber muss weniger werden.” Die Seele muss wachsen, das „Ich” muss weniger werden, was bedeutet, dass die drei Egos untergehen müssen, damit das neue Seelenwesen deren Platz einnehmen kann.

Sieben Jahre folgt der König den Spuren seiner Frau. Es sind Jahre der Einsicht, des Verzichts und der Einkehr. Ein vom Schmerz der Entfremdung von Gott ergriffener Mensch ist bereit, um seiner Seele willen einen langen Prozess der Wandlung zu durchleben. Die „sieben Jahre” deuten auf die sieben Bedingungen hin, die auf dem Wege der Erneuerung der Seele erfüllt werden müssen. Im zweiten Petrusbrief finden wir eine Beschreibung der Tugenden und Eigenschaften, auf deren Ausprägung es auf diesem siebenfachen Pfade ankommt (2. Petrus 1,5-7).

Im Märchen gehen König und Königin scheinbar getrennte Wege; tatsächlich sind ja aber Persönlichkeit und Seele nicht zu trennen. Jedes geht den Weg auf seine Art, jedoch vollkommen abhängig voneinander. Das Schicksal des Menschen ist gleich dem seiner Seele; die Persönlichkeit geht nur durch andere Erfahrungen als die Seele. Während die Seele schon längst ihrer geistigen Berufung folgt, ringt der Mensch noch mit seinen Ich-Trieben, den drei Natur-Egos. Doch alleine schon der feste Entschluss eines Menschen, der Stimme seines Herzens zu folgen und sich auf den Weg zu begeben, kann genügen, um den Ich-Trieb aus dem Herzen zu vertreiben, damit die Seele den Herzraum einnehmen kann.

Diesen Prozess verdeutlicht das Märchen durch ein paralleles Geschehen: während die Königin sieben Jahre in dem kleinen Haus verbringt, wandert der König auf der Suche nach ihr durch die Welt.

Es mag seltsam anmuten, dass der König noch sieben Jahre nach der Königin suchen muss, obwohl er sie, die Seele, doch schon in seinem Herzen trägt. Die Erklärung ist einfach: Der Mensch weiß anfänglich nichts von seiner Seele im Herzen; sie ist ihm nicht bewusst, weil sein Verstandesego im Haupt, wo es zeitlebens herrscht, sich noch immer selbst behauptet. Erst wenn auch dieses Ego, der Selbstbehauptungstrieb, weicht, kann sich der Mensch seiner Seele bewusst werden. Dann braucht er sie nicht mehr zu suchen.

Der Mensch auf dem Wege der Wandlung muss zuerst das Inferno seiner eigenen Hölle durchwandern, um nach und nach das Ich der Natur vollkommen sterben zu lassen. Alle selbstbehauptenden Ichkräfte müssen „gekreuzigt” werden, ehe mit fortschreitender Selbsterkenntnis das Licht der Wahrheit in ihm zu scheinen beginnt.

Diese fundamentale Wandlung des menschlichen Bewusstseins bedeutet Rettung für die Seele. Immer wieder von den Egokräften missbraucht und behindert, muss sie oft einen schweren Weg gehen. Erst mit der tatsächlichen Umkehr des Menschen wird endlich für die Seele Heilung möglich. Ewige Liebe, göttliche Vollkommenheit und geistiger Reichtum sind nun Ziel menschlichen Strebens, wodurch ein Denken und Handeln ganz anderer Art entsteht. Unter dem Einfluss neuen Denkens und wachsender neuer Einsichten wird die Position des Haupt-Egos immer schwächer, bis Selbstbehauptung und Ichzentralität weichen und Luzifer, der falsche König, von seinem Thron stürzt. Damit ist der Weg frei für die neue Seele, die nun auch den Platz im Haupt-Bewusstsein einnehmen und ihre ursprüngliche Aufgabe wieder erfüllen kann: Göttliche Botschaften zu empfangen.

Durch die zwei unterschiedlichen Wege von König und Königin, die sich ja gleichzeitig im selben Menschen vollziehen, werden diese inneren Prozesse der Reifung und Läuterung anschaulich dargestellt: Wenn der Mensch aus Einsicht umkehrt, kann die Seele Ruhe im Herzen finden. Seine wachsenden Erkenntnisse wirken heilend auf die hoffende, geschundene Seele. Die bewusste Ausrichtung auf seine wahre Lebensaufgabe unterstützt das Verlangen der Seele nach dem Geist. Das Schwinden seiner Egokräfte schafft Raum für das Christusprinzip, den „Sohn”, der sich „schmerzensreich” dem Sterblichen überantwortet hat, damit Mensch und Seele einmal heimfinden.

Sieben Jahre war der König auf der Suche. Sein Verstandes-Ego ist überwunden; er hat Selbsterkenntnis gewonnen und kann nun das Häuschen im Walde finden.

8. Erlösung und Heimkehr
Endlich kam er in einen großen Wald und fand darin das kleine Häuschen; daran das Schildchen mit den Worten: „Hier wohnt jeder frei”. Da kam die weiße Jungfrau heraus, nahm in bei der Hand, führte ihn hinein und sprach: „Seid willkommen, Herr König”, und fragte ihn, wo er herkäme. Er antwortete: „Ich bin bald sieben Jahre herumgezogen und suche meine Frau mit ihrem Kinde, ich kann sie aber nicht finden.” Der Engel bot ihm Essen und Trinken an, er nahm es aber nicht und wollte nur ein wenig ruhen. Da legte er sich schlafen und deckte ein Tuch über sein Gesicht. Darauf ging der Engel in die Kammer, wo die Königin mit ihrem Sohn saß, den sie gewöhnlich Schmerzenreich nannte, und sprach zu ihr:” Geh hinaus mitsamt deinem Kinde, dein Gemahl ist gekommen.” Da ging sie hin, wo er lag, und das Tuch fiel ihm vom Angesicht. Da sprach sie: „Schmerzenreich, heb deinem Vater das Tuch auf und decke ihm sein Gesicht wieder zu.” Das Kind hob es auf und deckte es wieder über sein Gesicht. Das hörte der König im Schlummer und ließ das Tuch noch einmal gerne fallen. Da ward das Knäblein ungeduldig und sagte: „Liebe Mutter, wie kann ich meinem Vater das Gesicht zudecken, ich habe ja keinen Vater auf der Welt? Ich habe das Beten gelernt, unser Vater, der du bist im Himmel; da hast du gesagt, mein Vater wäre im Himmel und wäre der liebe Gott – wie soll ich einen so wilden Mann kennen? Der ist mein Vater nicht.” Wie der König das hörte, richtete er sich auf und fragte, wer sie wäre. Da sagte sie: „Ich bin deine Frau und dies ist dein Sohn Schmerzenreich.” Und er sah ihre lebendigen Hände und sprach: „Meine Frau hatte silberne Hände.” Sie antwortete: „Die natürlichen Hände hat mir der gnädige Gott wieder wachsen lassen”; und der Engel ging in die Kammer, holte die silbernen Hände und zeigte sie ihm. Da sah er erst gewiss, dass es seine liebe Frau und sein liebes Kind war, und küsste sie und war froh und sagte: „Ein schwerer Stein ist von meinem Herzen gefallen.” Da speiste sie der Engel Gottes noch einmal zusammen, und dann gingen sie nach Hause zu seiner alten Mutter. Da war große Freude überall, und der König und die Königin hielten noch einmal Hochzeit, und sie lebten vergnügt bis an ihr seliges Ende.

Nachdem der König das Haus im Walde gefunden hat, führt ihn eine weiße Jungfrau hinein. Sie bietet ihm Essen und Trinken an. Aber der König lehnt die angebotene Speise ab und möchte nur ruhen.

Der Mensch tritt ein in die höhere Dimension einer anderen Wirklichkeit, aber das menschliche Bewusstsein kann zu diesem Zeitpunkt die reinen Geistkräfte in ihrer Wirksamkeit (die Speise) noch nicht annehmen. Sein Bewusstsein scheint verdunkelt, wie im Schlaf, so dass er die volle Wahrheit nicht erfassen kann. Es bedarf noch einer Zeit der Ruhe, bis nach Ablegen des alten Ichs sich der neue Leib, das wahre Selbst, vollständig gebildet hat. Noch ist dieser Prozess nicht ganz abgeschlossen.Für diesen inneren Zustand eines Menschen, der kurz vor der ersehnten Erkenntnis steht, verwendet das Märchen das Bild des liegenden Königs mit dem Tuch vor den Augen. Erschöpft von den Anstrengungen der langen Wanderung vollziehen sich in absoluter Stille die letzten Schritte der totalen inneren Wandlung. Der liegende König symbolisiert das Absterben des alten Ichs. Gleichzeitig erwacht langsam in ihm der neue Mensch, der ganz Andere, zu neuem Bewusstsein.

Selbst jetzt, unmittelbar vor dem Ziel, sieht der Mensch noch immer nicht klar. Ein Tuch, ein Schleier liegt vor seinem inneren Auge der Erkenntnis und hindert ihn, das neue Seelenprinzip in sich bewusst wahrzunehmen.

Vom König wissen wir, dass er seine Selbstbehauptung und den Stolz des Herzens abgelegt hat, womit Herz- und Verstandes-Ego überwunden sind. Aber wie steht es mit dem Selbsterhaltungstrieb und den elementaren Blutstrieben des Bauch-Egos? Dieses Ego ist der „wilde Mann”, den der Sohn nicht kennt und den er als Vater nicht anerkennen kann. Dieses im Halbschlaf des Unterbewusstseins liegende dritte Ego muss aber ebenfalls in seiner ungezähmten Zügellosigkeit erkannt werden und weichen. Erst muss „der wilde Mann” in seiner Unberechenbarkeit vergehen, ehe das Geistprinzip das zu ihm gehörende Geistige erkennen kann. Doch sobald das Licht der Wahrheit im Menschen zu scheinen beginnt, können Vater und Sohn einander erkennen.

So wie das geöffnete, wache Auge das Licht der Sonne wahrnimmt und die gegenständliche Welt erkennt, so empfängt das innere Organ, der zu neuem Leben erwachte Geistfunke, die geistige Lichtstrahlung und leitet sie weiter an das erkennende Bewusstsein, wodurch Gott als die Wahrheit erkannt wird.

Diese Analogie formuliert Goethe in „Zahme Xenien” 3 wie folgt:

„Wär‘ nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt‘ es nie erblicken;
Läg‘ nicht in uns des Gottes eig’ne Kraft,
Wie könnt‘ uns Göttliches entzücken?”

Schließlich fällt die Bedeckung endgültig. Der liegende König richtet sich auf; aus der waagerechten Ebene erhebt er sich in die senkrechte. Beide bilden zusammen ein Kreuz, an dem das letzte Ego symbolisch „gekreuzigt” wird. Der König gibt sich nun ganz der neuen Wahrheit hin. Anmaßung, Stolz und Ichsucht sind echter Bescheidenheit und Demut gewichen. Vom alten Ich-Bewusstsein des Königs ist nichts mehr übrig; er ist ein innerlich vollkommen Verwandelter, dessen altes Ego in dem neuen Seelenbewusstsein aufgegangen ist. Endlich steht der Wiedervereinigung mit Frau und Kind nichts mehr im Wege, oder doch? Der König sieht jetzt seine Lieben vor sich, fragt aber trotzdem, wer sie seien. Die Königin antwortet: „Ich bin deine Frau, und das ist dein Sohn Schmerzenreich.” Der König hat nun die Wahrheit vor Augen, aber er erkennt nicht, was er sieht, sondern zweifelt. „Meine Frau hatte silberne Hände”, wendet er ein. Erst als der Engel die Beweisstücke bringt, die silbernen Hände, wird seine geistige Blindheit endgültig aufgehoben. Nun ist das Glück vollkommen. Von seinem Herzen fällt ein schwerer Stein.

Wenn ein Mensch auf dem Wege der Selbsterkenntnis durch alle Tiefen der Erfahrungen gegangen ist; wenn er sein Ego dabei zu Grabe getragen hat und der alte Mensch untergegangen ist, kommt der Augenblick, da der an seiner Seele geheilte Mensch sich aufrichtet. Der neue Seelenmensch ist jetzt wieder lebendig geworden und kann sich erheben, aufstehen, auferstehen. In einem letzten Akt des Erkennens wird sich nun der Seelen-Wiedergeborene dieser vollkommenen Wandlung in sich selbst bewusst. Aber diese Erfahrung ist zu neu, zu ungewohnt, und so zweifelt er: kann er seinen (neuen) Sinnen trauen? Ist das, was er sieht, tatsächlich das Gesuchte? Kann es wahr sein, dass er am Ziel allen Verlangens angekommen ist?

Noch einmal widersetzt sich die alte Ratio, die Logik des Intellekts, der schlichten, offensichtlichen Wahrheit. Die bis zuletzt ungläubige und zweifelnde Persönlichkeit braucht Beweise, um sicher zu gehen, dass die neuen Erfahrungen keine Sinnestäuschung sind. Aber die geistigen Kräfte, die Engel, vermögen den König zu überzeugen, dass die Attribute einer Welt des schönen Scheins (die silbernen Hände) nicht mehr gebraucht werden, weil die Heilung der Seele wahr geworden ist. Die Last der Unwissenheit und Verblendung fällt wie ein schwerer Stein von seinem Herzen; die Erkenntnis der Wahrheit hat befreiende Wirkung. Da speiste sie der Engel Gottes noch einmal zusammen. Erst jetzt, nach vollbrachter Seelen-Wiedergeburt, ist der König aufnahmefähig für die dargereichte geistige Speise, das Brot der Wahrheit. Er wird damit gestärkt, um auch noch den letzten Schritt zur Vollendung zu tun. Denn noch fehlt der krönende Abschluss seines langen Weges: Die Rückkehr auf das Schloss zu seiner alten Mutter und die erneute Hochzeit mit seiner Königin.

„Da war große Freude überall, und der König und die Königin hielten noch einmal Hochzeit.” Hinter diesen wenigen Worten verbirgt sich die Erfüllung der Sehnsucht des nach der Wahrheit suchenden Menschen; sie enthalten das letzte Geheimnis, um das sich die Mythen und Legenden der Menschheit seit undenklichen Zeiten ranken. Dieses Geheimnis offenbart sich nun demjenigen, der eine vollkommene Umwandlung seines Lebens vollzog und den befreienden Seelenpfad bis zum Ende ging, als eine große Freude in seinem Herzen.

Heimgekehrt nach Hause in das Königreich wird jene Hochzeit gefeiert, die das letzte Ziel des Weges darstellt: Die endgültige Verbindung der wiedergeborenen Seele mit dem Geist Gottes. Damit wird die Wiedererschaffung des unsterblichen Geist-Seelenmenschen und seine Erlösung von der Natur des Todes besiegelt.

Mythologisch wird die Krönung dieses inneren Erlösungsprozesses als „Alchimische Hochzeit”, oder auch als „Das Große Werk” beschrieben. Diese „Auferstehung” von den (geistig) Toten kann sich still und völlig unspektakulär mitten im Leben eines Menschen vollziehen. Wer durch Selbsterkenntnis Gotterkenntnis gewonnen hat, ist gleichzeitig ein von Gott Erkannter. Wenn „Vater” und „Sohn” einander erkennen, ist die Bewusstseinseinheit mit Gott verwirklicht. Durch die bedingungslose Selbstübergabe an den göttlichen Geist konnte das Bild des wahren Menschen wieder erweckt und mit Leben erfüllt werden. Des Menschen „Friede” ist nun „voll”. Das Wunder der neuen Menschwerdung ist abgeschlossen. Höheres und niederes Selbst der alten Natur existieren nicht mehr; sie sind verwandelt, aufgegangen im unsterblichen Menschen, der wieder sein leuchtendes Seelengewand trägt. (Auf alten Heiligenbildern werden Menschen in diesem Zustand der Erleuchtung mit einem Heiligenschein dargestellt.) Das alte Karma des Mikrokosmos ist erloschen; seine Heilung kann gefeiert werden. Das Rad von Geburt und Tod steht still.

Damit hat der Mensch seine Lebensaufgabe erfüllt. Die Suche nach dem heiligen Gral ist beendet; er selbst ist zum „Gralskönig” geworden, der seine – für irdische Augen unsichtbare – Lichtkrone trägt. Der neue Mensch lebt nicht nur vom materiellen ” Brot allein”, den Gaben der Welt, sondern bewusst aus den Kräften des Geistes der Wahrheit, die frei macht. Ein auf diese Art frei gewordener Mensch ist zwar in der Welt, aber nicht mehr von der Welt. Er braucht selbstverständlich nach wie vor seinen biologischen Körper, um in der Welt als wahrer „König” zu wirken. Dazu bedarf er keiner prächtigen Krone oder sonstiger äußerer Würden, sondern er dient unauffällig und selbst-los, um auch anderen, die dazu bereit sind, zu helfen, den Seelenpfad zu gehen. Er ist ein Helfer der Menschheit geworden, was aber nicht im sozialen Sinne verstanden werden darf, sondern nur im rein geistigen Sinn. Das Märchen endet mit den Worten: „…und sie lebten vergnügt bis an ihr seliges Ende.” Dieses selige Ende ist dann gleichbedeutend mit dem Abstreifen des alten Körpers derart, wie man einen ausgedienten Mantel ablegt. Der wahre Mensch, das Kind des Lichtes, kehrt heim in die Freiheit des ursprünglichen Lebenszustandes, in die Einheit mit der allumfassenden Liebe, in das Reich Gottes, und hat Anteil am ewigen Leben.
Schlussbetrachtung
Damit endet das Märchen. Wer bis hierher gefolgt ist, wird gewiss erkannt haben, welch universelle Weisheit sich in diesem einfachen Märchen verbirgt. Es schildert – bis in alle Einzelheiten genau – einen Einweihungsweg, wie er prinzipiell auch in den Heiligen Schriften der Völker beschrieben wird. In eindringlichen, zum Teil grausamen Bildern, führt es dem Leser den Weg zur Erlösung seiner Seele und ihrer Wiederverbindung mit dem Geist vor Augen.

Der Leser mag bisweilen sich selbst wiedererkannt haben im Verlangen des Müllers nach Sicherheit und Wohlstand, oder auch in der Überzeugung des Königs, in seinem wohlgeordneten Leben alles bestens im Griff zu haben. Und er wird die ernüchternde Botschaft des Märchens verstanden haben, die lautet: es gibt kein dauerhaftes Glück in dieser Welt. Alle diesbezüglichen Versuche des Menschen, das Glück festzuhalten, erweisen sich als illusorisch; das Leid holt ihn immer ein.

Der Leser konnte aber ebenfalls erkennen, dass alles Leid nicht als Ausdruck eines willkürlichen Schicksals oder gar als eine Strafe Gottes zu verstehen ist, sondern als Folge des Widerstandes des Ichs gegen die göttliche Kraft.

„Den Willigen führt das Geschick, den Unwilligen schleift es”, sagt ein lateinisches Sprichwort.

Das Märchen will Einsicht wecken in die Unvermeidlichkeit des Leides als Folge menschlicher Unwissenheit. Solange der Mensch die göttlichen Absichten nicht versteht, sucht er sein Heil in der Welt des Vergänglichen. Doch nicht Optimierung irdischen Wohlergehens ist Sinn und Zweck des Daseins, so lehrt das Märchen, sondern die Wiedergeburt der wahren Seele. In der Zufriedenheit bürgerlicher Existenz droht Stagnation, denn ohne Orientierung auf das Göttliche fehlt dem Menschen das wahre Lebensziel; er bleibt dem dialektischen Leben mit allen bitteren Konsequenzen verhaftet.

Erst die klare Einsicht in seinen Daseinszustand und in seine wahre Lebensaufgabe bewegt einen Menschen zur inneren Umkehr. Demut und Selbsterkenntnis öffnen ihn für die Wirkung geistiger Kräfte, die nur eines beabsichtigen: ihn auf seinem Seelenpfad voranzubringen. Dafür ist jedes Mittel recht, und so wird alles Leid der Welt – und sogar der Inbegriff des Bösen, der Teufel mit seinen diabolischen Einmischungen – zum Werkzeug, zum Diener der einen göttlichen Absicht: die Heimkehr der Seele in das ursprüngliche Himmelreich, das inwendig in uns ist.

1 Kommentar
  • Roswitha LawinBeantworten

    Danke für die wunderbare Auslegung des Märchens
    DAS MÄDCHEN OHNE HÄNDE.
    Das Buch WEISHEIT DER MÄRCHEN im Kreuz Verlag mit obigem Tietel ist mir abhanden gekommen nach dem ich heute in meinem Regal suchte, vermutlich ausgeliehen
    Ihre Auslegung, die ich im Internet nicht vermutete, hat mich überrascht und nährt mich. - Danke -

    DANKE für die Bereitstellung im Netz, für diesen Zugang
    Ein reicher Tag für mich
    Danke für diesen Segen

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