Aufrüttelnde Texte

Giordano Bruno: Über die Liebe

Gott Amor öffnet mir die diamantne Pfort‘
Und lehrt mich, die erhab’ne Wahrheit zu verstehen.
Zugang zu meinem Gott ist’s Aug‘; im Sehen
Entsteht, lebt, wächst Er, schreitet ewig fort.

Er offenbart das Wesen aller Orte;
Im treuen Abbild kann die Ferne ich erspüren.
Er zielt mit jugendlicher Kraft: nun wird’s gescheh’n.
Er trifft ins Herz und bricht dann alle Pforten auf.

O du einfält’ges Volk, abgestumpft und leeren Sinnes,
hör auf mein Wort! Denn geeignet ist’s und recht.
Wenn du’s vermagst, tu ab der Augen dunkle Binde!

Ihn nennst du blind, da deine Augen ganz verdunkelt sind;
Du nennst Ihn flüchtig, da du wankelmütig bist;
Da du unmündig bist, hältst du Ihn für ein Kind.

Ursach‘ und Grund und alle Ewigkeiten,
Woraus Bewegung, Leben, Sein entspringen,
Was jemals Himmel, Erd‘ und Höll‘ an Dingen
Umfasst in aller Länge, Tiefe, Breite:

Mit Sinn, Verstand und Geist schau ich die Weiten,
Die keiner Tat, des Rechnens nicht, noch Maß bedürfen;
Die Masse, Kraft und auch die Zahl kann ich durchdringen,
Was unten, oben ist, sowie die Mitte, leiten.

Nicht blinder Wahn, die Heimsuchung der Zeit, das Los,
Nicht wahre Wut, des Hasses gift’ges Flüstern,
Nicht Bosheit, rohe Art, brutales Tun sind jemals wohl imstand‘,

Den Tag für mich in Dunkel zu verkehren,
Und zu verschleiern meinen reinen, klaren Blick,
Noch je die Strahlen meiner Sonne mir zu nehmen.

Aus: Gedichte, Giordano Bruno von Nola an die Prinzipien des Universums. Friedenau-Berlin 1901, A. Lasson

Aus dem Niederländischen übersetzt von Ursula Klee.
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