Mythologie

Jesus und die Samariterin nach Meister Eckehart

Unser Herr saß einmal an einem Brunnen, denn er war müde.
Da kam ein Weib, es war eine Samariterin der Heiden.
Es brachte einen Krug und ein Seil mit und wollte Wasser schöpfen.

Spricht unser Herr zu ihm: Weib, gib mir zu trinken!
Es aber antwortete und sprach:
Warum heischest du, von mir zu trinken?
Du bist doch von den Juden einer und ich bin eine Samariterin.
Unser Bund und eurer Bund haben keine Gemeinschaft miteinander.
Da antwortete unser Herr und sprach:
Wüsstest du, wer von dir zu trinken heischt
und erkenntest die Gnade Gottes, vielleicht heischest du von mir zu trinken
und ich gäbe dir von dem lebendigen Wasser.
Wer trinkt von dem Wasser, welches ich gebe, den dürstet nimmer mehr.
Und entspringen soll von ihm ein Brunnen des ewigen Lebens.
Das Weib war betroffen von den Worten unseres Herrn.
Es trat neugierig näher zum Brunnen und sprach:
Herr, gib mir zu trinken von diesem Wasser,
auf dass mich nimmer dürste!
Da erwiderte unser Herr:
Geh und bringe deinen Mann.
Ich habe keinen Mann! versetzte es.
Da sprach unser Herr:
Weib, du sprichst wahr: Gehabt aber hast du fünf Männer,
und den du nun hast, der ist nicht dein Mann.
Da ließ es Seil und Krug fallen und rief aus:
Herr wer bist du?
Da steht geschrieben:
Wenn der Messias kommt, den man heißt Christus,
der wird uns alle Dinge lehren
und uns die Wahrheit kundtun!
Weib, erwiderte unser Herr, ich bin es – der mit dir spricht.
Und dieses Wort erfüllte das Herz des Weibes.
Herr, fragte es, unsere Eltern haben unter den Blumen gebetet
auf diesem Berg und eure Eltern aus der Judenheit,
die haben im Tempel gebetet:
Welche von beiden beten Gott am richtigsten an,
und welches ist die rechte Stätte? Weise mich das!
Da sprach unser Herr:
Weib, die Zeit wird kommen und sie ist jetzt da,
da die wahren Anbeter nicht mehr bloß auf dem Berg
oder im Tempel beten werden, sondern im Geist
und in der Wahrheit beten sie den Vater an.
Denn Gott ist ein Geist und wer ihn anbeten will,
der muss ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.
Solche Anbeter sucht der Vater.
Das Weib aber wurde dadurch so von Gott erfüllt,
dass es überfließend und überquellend ward von der göttlichen Fülle
und hub an zu predigen und zu rufen mit lauter Stimme und wollte alles,
was es nur mit Augen sah, zu Gott bringen
und Gott so erfüllen, wie es selber erfüllt war.
Seht, so geschah es, als sie ihren Mann herzugeholt hatte.
Nie gibt sich Gott der Seele offenkundig, ganz und rückhaltlos,
wenn sie nicht den Mann in der Seele herzu bringt: ihren freien Willen.
Weib, so sagte unser Herr, du sprichst wahr,
fünf Männer hast du gehabt, die sind tot!
Welches waren die fünf Männer? Die fünf Sinne!
Mit denen hatte sie gesündigt
und darum waren sie tot.
Und den du nun hast, der ist nicht dein!
Das war ihr freier Wille, der gehörte ihr nicht,
denn er war gebunden in Todsünden und sie hatte keine Macht über ihn:
Wessen man nicht mächtig ist, das gehört einem nicht.

Abb.: Gemälde Meister Eckehart (vermutlich)
Ausschnitt Gemälde von Siemiratzki 1886
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