Gnosis

Intermediarius: Der innere Mensch

Es wäre ausgeschlossen, dass der irdische Mensch den Irrtum begehen könnte, sich selber mit seinem physischen Körper gleichzusetzen und die niederen Instinkte seiner Hüllennatur mit seiner wahren geistigen Seele zu verwechseln, wenn die Bedeutung der schon auf der griechischen Tempelpforte angebrachten Worte: „Erkenne dich selbst” auch nur einigermaßen vom Menschen bedacht oder verstanden würden.

Wenn der Mensch sich einmal ernsthaft in sein eigenes Wesen vertieft, so wird es ihm klar, dass er eigentlich nur dasjenige wirklich ist, was er sein inneres Bewusstseinszentrum nennen kann. In jenem inneren Zentrum ist der Mensch er selbst und erlebt er sich als ein individuelles Wesen im Zustande des Seins. Insoweit der Mensch die unmittelbar mit jenem Zentrum verbundenen Kräfte des Denkens, Wollens und Fühlens mit seinem Bewusstsein ergreift und beherrscht, gehören jene drei Kräfte zu seinem Wesen. Insoweit dieselben aber nicht dem inneren Bewusstsein gehorchen, sondern im dunklen Gebiete des Unbewussten wirksam sind, folgen jene Kräfte nicht dem Menschen, sondern wirken nach Naturgesetzen des Kosmos und gehören deshalb nicht zum wahren individuellen Wesen des Menschen. Alles, was das innere Bewusstsein sich zu eigen macht, durchleuchtet und beherrscht, ist Eigentum des Menschen selber und gehört in Wahrheit zu ihm. Was aber wohl scheinbar zum Menschen gehört und dennoch nicht von seinem inneren Bewusstsein durchdrungen ist, hat nur eine mittelbare Beziehung zu ihm selber, deshalb auch nur eine vorübergehende.

Nun ist der physische Körper aber keineswegs vom inneren Bewusstsein des Menschen durchdrungen oder beherrscht, denn, wäre dies der Fall, so würden die Funktionen jenes Körpers sämtlich bewusst vom Menschen reguliert und herbeigeführt werden. Der physische Körper aber lebt als Organismus nach den Gesetzen der Natur und entsteht, besteht und vergeht. Der Mensch, muss wohl zur Selbsterkenntnis kommen, wenn er das innere Bewusstsein als das Zentrum des Erdenmenschen erlebt und sich infolgedessen sagen muss: „Nur jener Funke des individuellen Bewusstseins unterscheidet mich von meiner Umwelt auf Erden und von der im ganzen Kosmos waltenden Natur, welcher meine drei Hüllen entnommen sind.

Mit dem niedrigsten Teil meiner Seele bin ich in jenen Hüllen und belebe dieselben, sodass eine Beziehung und eine Wechselwirkung besteht zwischen jener Natur meiner Hüllen und meinem inneren Bewusstsein. Von mir selbst ist es abhängig, inwieweit ich mein Bewusstseinsleben in die Natur jener Hüllen hineinversetzen will und welche Beziehung ich zu diesen erhalte: ob ich der bewusste Herr bleibe, oder ob ich mich von jenen kosmischen Naturkräften abhängig mache. Tue ich letzteres, so lebe ich eher das Leben eines Tieres als das eines Menschen, denn gerade das unterscheidet den Menschen vom Tiere, dass er ein inneres, bewusstes Zentrum hat, auf das er seine Sinnesempfindungen, sowie sein Denken, Wollen und Fühlen bezieht.”

Johanna van der Meulen schrieb unter der Bezeichnung Intermediarius eine Gesamtschau der 
Trinität, der himmlischen Welten und der kosmischen Entwicklung. Sie knüpft mit ihren Schriften 
an die Theosophie, die Anthroposophie und die Rosenkreuzerströmungen Anfang des 20. Jh. an.
Foto: Hermann Achenbach
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