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27. Juni 2007 von -

Impuls für ein Christentum der Zukunft?

Einleitung zum Symposium: Grenzüberschreitungen / Das Thomas-Evangelium

Das Thomasevangelium gehört zu den bedeutsamsten der 52 Texte, die 1945 bei Nag Hammadi in Oberägypten entdeckt wurden. Gilles Quispel, der renommierte Gnosis-Forscher, erklärte dem Finder in einem Gespräch 1987: „Ihr Fund wird die Gedankenwelt von Millionen Menschen verändern.“ Der Kulturhistoriker Jacob Slavenburg, der eine Vielzahl von Werken über das Urchristentum und die Gnosis verfasst hat, stellt fest, dass nach dem Fund von Nag Hammadi die Kulturgeschichte des Westens neu geschrieben werden muss. Gnostisch strebende Menschen wurden in den letzten 1700 Jahren als Ketzer gebranntmarkt. Ein Teil der Texte von Nag Hammadi und darunter vor allem das Thomasevangelium zeigt nun, wie eng gnostisches Denken mit den Sichtweisen der frühen Christen verbunden ist. Damit wird auf das, was Christsein einmal war und vielleicht wieder werden kann, ein neues Licht geworfen.

Die ersten Anhänger Jesu waren Juden. Während des Aufstandes gegen die Römer (66-70 n.Chr.), der zur Zerstörung Jerusalems und des Tempels führte, zogen viele von ihnen über den Jordan in die Gebiete, die wir heute als Jordanien, Libanon und Syrien kennen und bis in den Südosten der heutigen Türkei. Sie nahmen, wie Jacob Slavenburg in seinem Buch „Der Urknall des Christentums“ (Birnbach 2007) darstellt, ihren Glauben und ihre eigenen Evangelien mit und verschwanden gleichsam von der Bildfläche. Als sie etwa 100 Jahre später wieder entdeckt wurden, hatte die Christenheit mit ihren Zentren in Rom, Südfrankreich und Nordafrika einen Weg eingeschlagen, der eine ganze Reihe frühchristlicher Auffassungen, darunter solche der jüdischen Christen, zur Ketzerei erklärte. Eine Vielzahl von Schriften – auch die des jüdischen und alexandrinischen Christentums – wurden vernichtet.

Das Thomasevangelium entstammt dem Strom des ursprünglichen jüdisch-christlichen Denkens. Darin sind sich die Religionswissenschaftler weitgehend einig. Zugleich spiegeln viele der Worte Jesu, der sog. Logien, aus denen das Evangelium besteht, gnostische und hermetische Anschauungen wider. Und schließlich beinhaltet die Schrift einen erheblichen Einfluss einer frühchristlichen Strömung aus Alexandrien, die asketisch geprägt war, aber auch platonisches Denken und Mysterienweisheit mit dem Christentum vereint hatte. So wird auch an Hand des Thomasevangeliums deutlich, dass das frühe Christentum sich viel universeller darstellte, als es der heutigen christlichen Dogmatik entspricht. Infolge der gnostischen und hermetischen Einflüsse enthält es die Merkmale eines Einweihungsweges. Jesus verkündigt im Thomasevangelium, dass der Mensch durch Selbsterkenntnis zu Gott gelangen kann. Es geht nicht allein um den Glauben, sondern vor allem um das Erlangen einer geistigen Sicht auf den Weg, der zum Reich Gottes führt. Jesus will bei seinen Jüngern ein geistiges Bewusstsein entflammen. „Das Reich des Vaters ist schon über die Erde ausgebreitet, aber die Menschen sehen es nicht“ (Logion 113). Die Jünger indes sollen es schauen. Der gnostische Hintergrund klingt schon am Anfang des Evangeliums an: „Dies sind die geheimen Worte, die Jesus, der Lebendige, sprach …“ (Logion 1). Die Jünger sind aufgefordert, ihren göttlichen Kern zu suchen und mit ihm zu verschmelzen. Daraus entsteht eine Seelenverfassung, in der „das Männliche und das Weibliche zu einer Einheit“ werden (Logion 22). Das entspricht der frühchristlichen alexandrinischen Strömung. Der Jünger kehrt seelisch in die paradiesische Sphäre zurück, in den Zustand, in dem Eva noch „in Adam“ war. In der hermetischen Tradition stehend, sagt Jesus: „Ich sage meine Geheimnisse allen, die meiner Geheimnisse würdig sind“ (Logion 62).

Die Vorträge dieses Symposiums, gehalten von Kennern urchristlicher und gnostischer Schriften, wollen den Zugang zu einem universelleren Christentum ermöglichen. Könnte der Weg der geistigen Erkenntnis die Pforte zu einem Christentum der Zukunft sein?

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