Gnosis

Intermediarius: Das Herz als Weisheitszentrum

Da die gesamte Menschheit, wenn auch noch unbewusst, den Weg betritt, der sonst zur Einweihung führte, so muss der Hierophant anerkannt und beachtet werden, der jede Einweihung immer geführt und geleitet hat.

Heute ist Christus der große Hierophant, der die Unwissenden zum Geisteslichte bringt, denn Er allein kann diese Menschheit führen, sie von ihren Schwächen, Sünden und seelischen Krankheiten heilen und sie zur Auferweckung im Geiste leiten. Die geistige Begegnung mit diesem Hohenpriester und Hierophanten findet im Innern des Herzens, im Zentrum des physischen, organischen Lebens und des Lebens der feineren Hüllen des Menschen statt. Im Herzen verbindet sich der zentrale Ausgangspunkt des physischen Lebens mit dem der elementalischen und der siderischen Hülle. Das Herz vertritt auch das Centrum des inneren Bewusstseinslebens und ist die Stätte, wo das Opfer auf dem Altar des Allerheiligsten in dem Tempel des menschlichen Leibes gebracht wird. Der geistige Keim ist durch das Opfer des Herzblutes Christi der Menschheit ins Herz gelegt worden, um aus dem Acker des inneren Bewusstseinslebens die Nahrung zu erhalten und dort aufzublühen. Das Herz ist ein verschlossenes Gefäß der Gnade und der Heiligkeit, und wenn dasselbe sich öffnet, so strömen die innere Gnade und das geistige Leben nach außen und vereinigen sich wiederum mit dem göttlichen Geiste. Nicht nur der ganze Kosmos ist im Herzen enthalten, sondern auch der ganze Himmel liegt in ihm beschlossen; im geistigen Keim liegt das wahre Wesen des Menschen, sein himmlisches Urbild, verborgen.

Schon in vorchristlichen Zeiten wussten die weisen Brahmanen des alten Indien, die in die Vedantaweisheit eingeweiht waren, dass in dem Herzen jener Keim des großen Atma verborgen lag, durch den die Einigung des Djiwatmas, des menschlichen Ichwesens, mit dem großen Atma, aus dem es hervorgegangen war, stattfinden konnte. Wenn das Herz des Menschen rein geworden ist und in sich selbst aufgeht, so geht es in die große All-Einheit des Atma ein, — so wurde damals gelehrt.

Über die individuelle geistige Beziehung des menschlichen Wesens zu Christus konnte damals nicht gelehrt werden, als die Person Christi noch nicht auf Erden bekannt war, da sich das göttliche Lichtwesen, durch welches alles Geschaffene entstanden war, zwar innerhalb der Regionen des Kosmos, aber noch nicht auf Erden offenbart hatte.

Die weisen Brahmanen betrachteten das Denken auch wie eine Tätigkeit des Herzens, weil damals die Spaltung zwischen dem Herzen und dem Gehirn noch nicht so stark auftrat. Das Denken geschah durch eine Kraft, die unmittelbar aus dem inneren Erleben des Herzens hervorquoll und sich nach oben zum Gehirn wandte. Deshalb war dieses Denken eine lebendige, schaffende Kraft, die aus dem inneren Bewusstseinszentrum des Menschen aufsteigen konnte und dann vermittelst der Gehirntätigkeit reguliert und differenziert wurde. Das Denken war eine Tätigkeit, wodurch der aus dem Herzen hervorsprudelnde Strom der lebendigen Weisheit vermittelst des Gehirns geregelt und geordnet wurde, auf dass diese Weisheit in der Form der konkreten Gedanken der Außenwelt überliefert und für sie aufbewahrt werden konnte. Die überlieferten Gedanken sollten wiederum das Gehirn anderer berühren, dann aber bis zum Herzen der Betreffenden dringen, und so den umgekehrten Weg zurücklegen, um das innere Bewusstseinsleben anderer zu stärken.

Die große Spaltung zwischen dem Herzen und der Gehirntätigkeit bereitete sich erst in Ägypten vor, wo nach einer jahrhunderte langen Blütezeit die Weisheitsquelle der wahren Mysterien versiegen musste, weil sich das Volk den niederen Kulten der benachbarten Völkerschaften hingab und sie den wahren Weisheitsmysterien vorzog.

Die griechische Kultur und ihre Mysterien sind auf das gegründet, was eine Nachwirkung aus jenen Zeiten ist, wo noch die Weisheitsquelle aus dem Herzen der ägyptischen Mysterien floss und die Kraft des Denkens beleben konnte. Doch ist es hauptsächlich das vom Gehirn erfasste Schattenbild des mächtigen Stromes der lebendigen Weisheit, das die Mysterien und die Kultur des alten Hellas hervorbrachte. Der Strom selber floss nicht unmittelbar in jene Kultur ein, denn das Herz der mächtigen Mysterien Ägyptens wurde vom letzten, wahren Hohenpriester der alten Weisheit, Moses, hinausgetragen. Dieses innere Zentrum der Mysterien, in dem das große Zeichen, als das Symbol des allerheiligsten Namens Gottes eingeschrieben war, bildete die Anknüpfung zwischen Gott und der Menschheit, bis die Zeit kam, wo Christus, der Sohn Gottes, selber auf Erden erschien, um Seinen göttlichen Geist mit der Menschheit zu verbinden. Im alten Ägypten klang noch die Gewalt des göttlichen Wortes, vermittelst der Mysterienweisheit, mit der nach außen hin gerichteten Kultur zusammen, deshalb ist diese ägyptische Kultur so monumental, so gewaltig, so tief und feinsinnig. Hier sind keine Unbestimmtheiten, denn alles Denken geht aus dem inneren, zentralen Erleben hervor, und alles Schaffen ist aus dem Leben der Seele selbst entstanden. Die Wissenschaft ist kristallisierte Weisheit, die Kunst ist kristallisierte Schönheit. Jede materielle Form ist der Ausdruck eines weisheitsvollen Gedankens der Harmonie und des Ebenmaßes, die sich zweckmäßig verkörpert haben. Sogar die einfachsten Gegenstände, die für den alltäglichen Gebrauch angefertigt wurden, trugen ein ähnliches Gepräge. Die Tragik des alten Hellas besteht darin, dass nur das Schattenbild der lebendigen Weisheit aus den ägyptischen Mysterienstätten die Basis der Mysterien und der Kultur Griechenlands bildete. Der eigentliche Lebensstrom fehlte; wohl konnte jenes Schattenbild veredelt und verfeinert werden und klug und schön ausgearbeitet sein, doch niemals hatte es jenes innere Leben, das nur unmittelbar vom Herzen ausströmt und nicht aus dem Gehirn entstehen kann. Das ist der Unterschied zwischen der Mysterienweisheit und der Kultur Ägyptens und der des Hellas, dass die erstere mit dem inneren Lebensstrom, der aus dem göttlichen Zentrum hervorging, durchdrungen war, während die letztere nur von dem schon Vorhandenen zehrte, das zwar bearbeitet und umgeformt wurde, doch nur den schwachen Abglanz des inneren Lebens aufweisen konnte. Deshalb macht auch das Allerbeste, was die Mysterien und die Kultur Griechenlands hervorbrachten, immer den Eindruck eines sehr vollkommenen Abbildes der Weisheit, der Schönheit und des inneren Lebens, jedoch nicht den des Wesens jener drei Prinzipien selber, im Vergleich mit dem, was einmal in Ägypten war.

Johanna van der Meulen schrieb unter der Bezeichnung Intermediarius eine Gesamtschau der 
Trinität, der himmlischen Welten und der kosmischen Entwicklung. Sie knüpft mit ihren 
Schriften an die Theosophie, die Anthroposophie und die Rosenkreuzerströmungen Anfang des 20. Jh. an.
Foto: Hermann Achenbach
Kommentare

Ihr Kommentar