Alchemie

Henry Wadsworth Longfellow: Hermes Trismegistos

In dem Land der Pharaonen,
lächelnden Gesichts,
hoheitsvoll die Sphinxen thronen,
den Blick gerichtet auf das Nichts.
Machtvolle Pyramiden ragen
im Wüstensand in blaue Höhn.
Mag ich wohl die Sphinxen fragen,
ob sie das Ur-Geheimnis sehn?

Halbgötter, Könige, ihr Großen,
Ägyptens lang vergangne Macht!
Auf Steinen seh ich eure bloßen
Namen angebracht.
Helios und Hephaistos,
Götter der alten Art,
Hermes Trismegistos,
der ihr Geheimnis wahrt.

Des Hermes tausend Werke,
Schätze des Lichts, wo seid ihr nun?
Priestergeschlechtern gabt ihr Stärke,
doch jetzt – vergessen müsst ihr ruhn.
Wie Wüstensand, vom Wind erhoben
und in den Fluss geweht,
scheint eure Geisteskraft zerstoben,
verklungen euer Dankgebet.

Wie könnte ich ihn je verstehen,
den Göttergleichen, ohne Form?
In Meditation seh ich ihn gehen,
enthoben jeder Norm.
Nicht fassbar ist er meinem Denken,
er lebt in einem fernen Raum.
Das Ideal will er mir schenken,
doch mir erscheint es nur als Traum.

War er einer, war er viele,
Nam’ und Ruhm in eins geflossen,
wie ein Strom, in den zum Ziele
viele Flüsse sich ergossen?
Größre Kraft in sich verspürend
wogten ihre Fluten auf,
meerwärts süßes Wasser führend
aus unzähl’ger Quellen Lauf.

Am Nil entlang seh ich ihn schreiten,
innehaltend hier und dort,
für die Götter zubereiten
das eigne Herz, den heil’gen Ort.
Glaubend, fühlend ihre Sphären
– höchster Freude Lobgedicht –
konnten Götter ihm gewähren
aufzusteigen in ihr Licht.

In dem Ort mit hundert Toren,
Theben, der geschäft’gen Stadt,
geht der Geweihte selbstverloren,
der den heiligen Atem hat.
Mitten im Geschrei der Menge,
dem Getümmel und Gewühl,
hört er himmlische Gesänge,
verspürt olympisches Gefühl.

Wer könnte seine großen Träume
Trugbilder nennen, wenn er nicht
des Denkens unerforschte Räume
durchschritten hat im reinen Licht?
Nur der kann sich dazu versteigen,
in dem der Eigendünkel brennt,
eindeutig Grenzen aufzuzeigen,
durch die der Mensch von Gott getrennt.

Trismegistos! In den Weiten
drei mal groß dein Name klingt.
Durch das Auf und Ab der Zeiten
rufend an mein Ohr er dringt.
Mögen Schriften eines Lebens
in den Wirren schnell vergeh’n,
glücklich die, die nicht vergebens,
ihr Leben prägten in die Höh’n.

Priester Ägyptens, deinen Namen
fand ich in einem hehren Feld;
seine erhabnen Kräfte kamen,
aus tiefem Grund in meine Welt.
Was war es, das mich so berührte,
aus dunkler Vorzeit mich umfing,
des heiligen Atem ich verspürte,
gleich einem Windhauch – der verging?

Gedicht von Henry Wadsworth Longfellow
übertragen ins Deutsche: Dr. Gunter Friedrich
Abb. : wikipedia
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