Literatur

Heinrich Heine: aus: Die Nordsee

Der Geist hat seine ewigen Rechte

Der Geist hat seine ewigen Rechte, er lässt sich nicht ein-
dämmen durch Satzungen und nicht einlullen durch Glok-
kengeläute; er zerbrach seinen Kerker und zerriss das eiser-
ne Gängelband, woran ihn die Mutterkirche leitete, und er
jagte im Befreiungstaumel über die ganze Erde, erstieg die
höchsten Gipfel der Berge, jauchzte vor Übermut, gedachte
wieder uralter Zweifel, grübelte über die Wunder des Tages,
und zählte die Stern der Nacht. Wir kennen noch nicht
die Zahl der Sterne, die Wunder des Tages haben wir noch
nicht enträtselt, die alten Zweifel sind mächtig geworden
in unserer Seele – ist jetzt mehr Glück darin als ehemals?
Wir wissen, dass diese Frage, wenn sie den großen Haufen
betrifft, nicht leicht bejaht werden kann; aber wir wis-
sen auch, dass ein Glück, das wir der Lüge verdanken, kein
wahres Glück ist, und dass wir, in den einzelnen zerrisse-
nen Momenten eines gottgleicheren Zustandes, einer höhe-
ren Geisteswürde, mehr Glück empfinden können, als in
den lang hin vegetierten Jahren eines dumpfen Köhlerglau-
bens.

Abb.: Heinrich Heine Quelle wikipedia
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