Alchemie

Johann Wolfgang von Goethe: Aus Faust I

FAUST:
Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen,
so sei es gleich um mich getan!
Kannst du mich schmeichelnd je belügen,
dass ich mir selbst gefallen mag,
kannst du mich mit Genuss betrügen –
das sei für mich der letzte Tag!
Die Wette biet ich!
MEPHISTOPHELES: Topp!

FAUST: Und Schlag auf Schlag!
Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! Du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
dann will ich gern zugrunde gehen!
Dann mag die Totenglocke schallen,
dann bist du deines Dienstes frei,
die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen,
es sei die Zeit für mich vorbei!
MEPHISTOPHELES: Bedenk es wohl! wir werdens nicht vergessen.
FAUST: Dazu hast du ein volles Recht;
ich habe mich nicht freventlich vermessen.
Wie ich beharre, bin ich Knecht,
Ob dein, was frag ich, oder wessen.

MEPHISTOPHELES: Ich werde heute gleich, beim Doktorschmaus,
als Diener meine Pflicht erfüllen.
Nur eins! – Um Lebens oder Sterbens willen
bitt ich mir ein paar Zeilen aus.
FAUST: Auch was Geschriebnes forderst du Pedant?
Hast du noch keinen Mann, nicht Manneswort gekannt?
Ists nicht genug, dass mein gesprochnes Wort
auf ewig soll mit meinen Tagen schalten?
Rast nicht die Welt in allen Strömen fort,
und mich soll ein Versprechen halten?
Doch dieser Wahn ist uns ins Herz gelegt,
wer mag sich gern davon befreien?
Beglückt, wer Treue rein im Busen trägt,
kein Opfer wird ihn je gereuen!
Allein ein Pergament, beschrieben und beprägt,
ist ein Gespenst, vor dem sich alle scheuen.
Das Wort erstirbt schon in der Feder,
die Herrschaft führen Wachs und Leder. –

Was willst du böser Geist von mir?
Erz, Marmor, Pergament, Papier?
Soll ich mit Griffel, Meißel, Feder schreiben?
Ich gebe jede Wahl dir frei.
MEPHISTOPHELES: Wie magst du deine Rednerei
nur gleich so hitzig übertreiben?
Ist doch ein jedes Blättchen gut.
Du unterzeichnest dich mit einem Tröpfchen Blut.
FAUST: Wenn dies dir völlig Gnüge tut,
so mag es bei der Fratze bleiben.
MEPHISTOPHELES: Blut ist ein ganz besondrer Saft.
FAUST: Nur keine Furcht, dass ich dies Bündnis breche!
Das Streben meiner ganzen Kraft
ist grade das, was ich verspreche.
Ich habe mich zu hoch gebläht,
in deinen Rang gehör ich nur.
Der große Geist hat mich verschmäht,
vor mir verschließt sich die Natur.
Des Denkens Faden ist zerrissen,
mir ekelt lange vor allem Wissen.

Lass in den Tiefen der Sinnlichkeit
uns glühende Leidenschaften stillen!
In undurchdrungnen Zauberhüllen
sei jedes Wunder gleich bereit!
Stürzen wir uns in das Rauschen der Zeit,
ins Rollen der Begebenheit!
Da mag denn Schmerz und Genuss,
gelingen und Verdruss,
mit einander wechseln, wie es kann:
Nur rastlos betätigt sich der Mann.

MEPHISTOPHELES: Euch ist kein Maß und Ziel gesetzt.
Beliebts Euch, überall zu naschen,
im Fliehen etwas zu erhaschen,
bekomm euch wohl, was Euch ergetzt.
Nur greift mir zu und seid nicht blöde!
FAUST: Du hörest ja: von Freud ist nicht die Rede.
Dem Taumel weih ich mich, dem schmerzlichsten Genuss,
Verliebtem Hass, erquickendem Verdruss.
Mein Busen, der vom Wissensdrang geheilt ist,
soll keinen Schmerzen künftig sich verschließen,
und was der ganzen Menschheit zugeteilt ist,
will ich in meinem innern Selbst genießen,
mit meinem Geist das Höchst‘ und Tiefste greifen,
ihr Wohl und Weh auf meinen Busen häufen,
und so mein eigen Selbst zu ihrem Selbst erweitern
und, wie sie selbst, am End auch ich zerscheitern!

MEPHISTOPHELES: O glaube mir, der manche tausend Jahre
an dieser harten Speise kaut,
dass von der Wiege bis zur Bahre
kein Mensch den alten Sauerteig verdaut!
Glaub unsereinem: dieses Ganze
ist nur für einen Gott gemacht!
Er findet sich in einem ewgen Glanze,
uns hat er in die Finsternis gebracht,
und euch taugt einzig Tag und Nacht.
Faust: Allein ich will!
Mephistopheles: Das lässt sich hören!
Doch nur vor Einem ist mir bang:
Die Zeit ist kurz, die Kunst ist lang.
Ich dächt, Ihr ließet Euch belehren.
Assoziiert Euch mit einem Poeten,
lasst den Herrn in Gedanken schweifen
und alle edlen Qualitäten
auf Euren Ehrenscheitel häufen
des Löwen Mut,
des Hirsches Schnelligkeit,
des Italieners feurig Blut,
des Nordens Daurbarkeit.
Lasst ihn euch das Geheimnis finden,
Großmut und Arglist zu verbinden
und Euch mit warmen Jugendtrieben
nach einem Plane zu verlieben.
Möchte selbst solch einen Herren kennen:
Würd ihn Herrn Mikrokosmus nennen.

FAUST: Was bin ich denn, wenn es nicht möglich ist,
der Menschheit Krone zu erringen,
nach der sich alle Sinne dringen?
MEPHISTOPHELES: Du bist am Ende – was du bist.
setz dir Perücken auf von Millionen Locken,
setz deinen Fuß auf ellenhohe Socken,
du bleibst doch immer, was du bist.

FAUST: Ich fühls, vergebens hab ich alle Schätze
des Menschengeists auf mich herbeigerafft,
und wenn ich mich am Ende niedersetze,
quillt innerlich doch keine neue Kraft;
ich bin nicht um ein Haarbreit höher,
bin dem Unendlichen nicht näher.
MEPHISTOPHELES: Mein guter Herr, Ihr seht die Sachen,
wie man die Sachen eben sieht;
wir müssen das gescheiter machen,
eh uns des Lebens Freude flieht.
Was Henker! Freilich Händ und Füße
und Kopf und H–, die sind dein;
doch alles, was ich frisch genieße,
Ist das drum weniger mein?

Wenn ich sechs Hengste zahlen kann,
sind ihre Kräfte nicht die meine?
Ich renne zu und bin ein rechter Mann,
als hätt ich vierundzwanzig Beine.
Drum frisch! Lass alles Sinnen sein,
und grad mit in die Welt hinein!
Ich sag es dir: ein Kerl, der spekuliert,
ist wie ein Tier, auf dürrer Heide
Von einem bösen Geist im Kreis herumgeführt,
und rings umher liegt schöne grüne Weide.

Foto Hermann Achenbach
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