Aufrüttelnde Texte

Johann Wolfgang von Goethe: Deutsche Jahres- und Tageszeiten

Nun im östlichen Bereiche
ahn ich Mondenglanz und -glut,
schlanker Weiden Haargezweige
scherzen auf der nächsten Flut.
Durch bewegter Schatten Spiele
zittert Lunas Zauberschein,
und durchs Auge schleicht die Kühle
sänftigend ins Herz hinein.

Nun weiß man erst, was Rosenknospe sei,
jetzt, da die Rosenzeit vorbei;
ein Spätling noch am Stocke glänzt
und ganz allein die Blumenwelt ergänzt.

Als Allerschönste bist du anerkannt,
bist Königin des Blumenreichs genannt;
unwidersprechlich allgemeines Zeugnis,
Streitsucht verbannend, wundersam Ereignis!
Du bist es also, bist kein bloßer Schein,
in dir trifft Schaun und Glauben überein;
doch Forschung strebt und ringt, ermüdend nie,
nach dem Gesetz, dem Grund, Warum und Wie.

Mich ängstigt das Verfängliche
im widrigen Geschwätz,
wnichts verharret, alles flieht,
wo schon verschwunden, was man sieht;
und mich umfängt das bängliche,
das graugestrickte Netz.” –
Getrost! Das Unvergängliche,
es ist das ewige Gesetz,
wonach die Ros und Lilie blüht.

„Hingesunken alten Träumen
buhlst mit Rosen, sprichst mit Bäumen
statt der Mädchen, statt der Weisen!
Können das nicht löblich preisen.
Kommen deshalb die Gesellen,
sich zur Seite dir zu stellen,
finden, dir und uns zu dienen,
Pinsel, Farbe, Wein im Grünen.

Die stille Freude wollt ihr stören?
Lasst mich bei meinem Becher Wein;
mit andern kann man sich belehren,
begeistert wird man nur allein.

Nun denn! Eh wir von hinnen eilen,
hast noch was Kluges mitzuteilen?”
Sehnsucht ins Ferne, Künftige zu beschwichtigen,
beschäftige dich hier und heut im Tüchtigen.

Fotos:
Guido Achenbach -Mond
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