Religion Spiritualität

Michail Jurjewitsch Lermontow: Gebet

Allmächtiger, wolle mir vergeben
Und üb nicht deines Zornes Kraft,
Weil ich dies dunkle Erdenleben
Geliebt mit Gier und Leidenschaft

Weil selten nur dem Wort des Lebens
Die Seele oberflächlich lauscht;
Weil im Gedränge eitlen Strebens
Mein Geist verbrandet und verrauscht;
Weil der Begeisterung starke Welle
Dem Herzen keine Ruhe lässt;
Weil mir der Triebe wilde Quelle
Des Auges Klarheit trübt und nässt;
Weil mir zu eng der Erde Grenzen,
Und doch zu dir mein Weg nicht weist,
Und dus nicht bist, den oft das Glänzen
In frevlen Versen üppig preist.
So lösch denn aus dies Wunderfeuer,
Den Holzstoß, der mich ganz verzehrt,
Mein Herz sei Stein, mein Blick in neuer
Entsagung dir nur zugekehrt.
Erlösung sei durch deine Gnade
Von Dichterqual und Durst geschenkt:
Dann wend ich mich zum schmalen Pfade
Des Heiles, der zu dir mich lenkt.

Abb.: Michail Jurjewitsch Lermontow, Quelle Wikipedia
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