Poesie Lyrik

Gawriil Romanowitsch Derschawin: Ode an Gott

Du, weiter als die weitsten Weiten,
Du Pulsschlag, wo sich Staub bewegt,
Du Ewger überm Strom der Zeiten,
Ohn Antlitz sichtbar dargelegt:

Du Seele aller Lebenskeime,
Du ohne Ursach, ohne Räume,
Vor welchem jedes Wissen Spott;
Du, der mit sich die Allheit füllet,
Sie gründe, schützt und aus ihr quillet,
Dem wir den Namen gaben: Gott.

Ob auszumessen auch die Meere,
Das Licht zu zählen Strahl an Strahl,
Dem Geiste Macht gegeben wäre:
Du, Ewger, hast nicht Maß noch Zahl.
Der Seraph selbst, der, lichtgeboren,
Für deine Nähe ward erkoren,
Er bebt vor deinem Flug zurück;
Kaum darf die Denkkraft zu dir streben,
Sie muss in deinem Glanz verschweben,
Wie im Äon der Augenblick.

Du riefst des Chaos graue Zeiten
Vom Grund der Ewigkeit herauf,
Doch als den Grund der Ewigkeiten
Tatst du das eigne Selbst einst auf,
Dich selbst dir selbst entgegenstellend,
Mit deiner Glorie dich erhellend,
Du Licht, aus dem des Lichtes Schein!
Mit einem Wort die Welten streuend,
Setzt du dich fort, die Welten neuend;
Du warst, du bist und du wirst sein!

Ein Nichts bin ich, doch angestrahlet
Von deinem Lichte, groß und mild;
In meinem Selbst dein Selbst sich malet,
Wie in dem Tau der Sonne Bild.
Doch fühl ich Leben mich durchdringen
Und flieg mit ewigjungen Schwingen
Dem Ziele aller Größe zu.
Es ahnt mein Geist entzückt den deinen,
Kann Schluss mit höhrem Schluss vereinen:
Ich bin und also bist auch du.

Du gabst mir Leben, Allbeleber,
Mich, ewge Weisheit, schuf dein Wort.
0, Quell des Seins, des Guten Geber,
Seel meiner Seele, du mein Hort.
Gesetzt ward mir zum hohen Lose,
Dass aus des Todes dunklem Schoße
Hervor ich ginge, todbefreit;
Dass ich des Staubes Hülle trüge
Und ich vom Tode aufwärts stiege
Zu deines Ichs Unsterblichkeit.

Du, nicht zu nennen, nicht zu künden,
Ich weiß, mein Selbst ist zu gering,
Als dass in seines Wesens Gründen
Es nur dein Schattenbild empfing.
Dass deiner Feier Klang ertöne,
Bleibt für der Erde schwache Söhne
Kein andres Richtmaß des Gesangs,
Als, ahnend kaum die fernen Höhen,
Im ewgen Abstand zu vergehen
Und Tränen weinen stillen Danks.

Abb.: Gawriil Romanowitsch Derschawin 1743 -1816 (größter russischer Poet vor Puschkin)
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