Philosophie

Friedrich Nietzsche: Streifzüge eines Unzeitgemäßen

Wo Glaube not tut. — Nichts ist seltner unter Moralisten und Heiligen
all Rechtschaffenheit

Wo Glaube not tut. — Nichts ist seltner unter Moralisten und Heiligen
all Rechtschaffenheit; vielleicht sagen sie das Gegenteil, vielleicht glauben
sie es selbst. Wenn nämlich ein Glaube nützlicher, wirkungsvoller, über-
zeugender ist, als die bewusste Heuchelei, so wird, aus Instinkt, die Heu-
chelei alsbald zur Unschuld: erster Satz zum Verständnis großer Heiliger.
Auch bei den Philosophen, einer ändern Art von Heiligen, bringt es das
ganze Handwerk mit sich, dass sie nur gewisse Wahrheiten zulassen:
nämlich solche, auf die hin ihr Handwerk die öffentliche Sanktion hat –
Kantisch geredet, Wahrheiten der praktischen Vernunft. Sie wissen, was
sie beweisen müssen, darin sind sie praktisch – sie erkennen sich unterein-
ander daran, dass sie über die „Wahrheiten” übereinstimmen. – „Du
sollst nicht lügen” – auf deutsch: hüten Sie sich mein Herr Philosoph,
die Wahrheit zu sagen…

Abb.: Gemäldeausschnitt von Gustav Klimt
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