Philosophie

Friedrich Nietzsche: Dergleichen ist nie gedichtet

Dergleichen ist nie gedichtet, nie gefühlt, nie gelitten worden

Dergleichen ist nie gedichtet, nie gefühlt, nie gelitten worden: so leidet
ein Gott, ein Dionysos. Die Antwort auf einen solchen Dithyrambus der
Sonnen-Vereinsamung im Lichte wäre Ariadne … Wer weiß außer mir,
was Ariadne ist!… Von allen solchen Rätseln hatte niemand bisher die
Lösung, ich zweifle, dass je jemand hier auch nur Rätsel sah – Zarathustra
bestimmt einmal, mit Strenge, seine Aufgabe – es ist auch die meine -,
dass man sich über den Sinn nicht vergreifen kann: er ist jasagend bis zur
Rechtfertigung, bis zur Erlösung auch alles Vergangenen.

Ich wandle unter Menschen als unter Bruchstücken der Zukunft: jener
Zukunft, die ich schaue.

Und das ist all mein Dichten und Trachten, dass ich in eins dichte und
zusammentrage, was Bruchstück ist und Rätsel und grauser Zufall.

Und wie ertrüge ich es, Mensch zu sein, wenn der Mensch nicht auch
Dichter und Rätselrater und Erlöser des Zufalls wäre?

Die Vergangnen zu erlösen und alles „Es war” umzuschaffen in ein
„So wollte ich es!” – das hieße mir erst Erlösung.

An einer andren Stelle bestimmt er so streng als möglich, was für ihn
allein „der Mensch” sein kann – kein Gegenstand der Liebe oder gar des
Mitleidens – auch über den großen Ekel am Menschen ist Zarathustra
Herr geworden: der Mensch ist ihm eine Unform, ein Stoff, ein hässlicher
Stein, der des Bildners bedarf.

Nicht-mehr-wollen und Nicht-mehr-schätzen und Nicht-mehr-schaf-
fen: o dass diese große Müdigkeit mir stets ferne bleibe!

Auch im Erkennen fühle ich nur meines Willens Zeuge- und Werde-
lust; und wenn Unschuld in meiner Erkenntnis ist, so geschieht dies,
weil Wille zur Zeugung in ihr ist.

Hinweg von Gott und Göttern lockte mich dieser Wille: was wäre
denn zu schaffen, wenn Götter — da wären?

Aber zum Menschen treibt er mich stets von neuem, mein inbrünsti-
ger Schaffens-Wille; so treibts den Hammer hin zum Steine.

Ach, ihr Menschen, im Steine schläft mir ein Bild, das Bild der Bil-
Der! Ach, dass es im härtesten, hässlichsten Steine schlafen muss!

Nun wütet mein Hammer grausam gegen sein Gefängnis. Vom Steine
stäuben Stücke: was schiert mich das!

Vollenden will ich’s, denn ein Schatten kam zu mir — aller Dinge Still-
stes und Leichtestes kam einst zu mir!

Des Übermenschen Schönheit kam zu mir als Schatten: was gehen
mich noch — die Götter an!…

Abb.: Raffael Zarathustra und Ptolemäus
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