Literatur

Tolstoi: Erziehung

Zwei Regeln möchte ich für die Erziehung nennen

Zwei Regeln möchte ich für die Erziehung nen-
nen: Man muss selbst nicht: nur ein gutes Leben
führen, sondern an sich arbeiten, sich ständig ver-
vollkommnen, und man darf vor den Kindern
nichts aus dem eigenen Leben verbergen. Es ist bes-
ser, die Kinder wissen von den Schwächen ihrer El-
tern, als dass sie spüren, ihre Eltern führen ein Le-
ben, das sie vor ihnen verbergen, und eines, das sie
ihnen zeigen. Alle Schwierigkeiten bei der Erzie-
hung ergeben sich daraus, dass die Eltern sich nicht
bemühen, ihre eigenen Fehler abzulegen, ja sie
nicht einmal als Fehler anerkennen, sie zu rechtfer-
tigen suchen, und diese Fehler daher bei ihren Kin-
dern nicht sehen wollen. Hierin liegt die ganze
Schwierigkeit und der ganze Kampf mit den Kin-
dern. Kinder sind, was Sittlichkeit anlangt, weit
scharfsinniger als Erwachsene und sehen – häufig
ohne dies zu erkennen zu geben oder sich dessen
auch nur bewusst zu werden — nicht nur die Män-
gel der Eltern, sondern auch den schlimmsten aller
Mängel – die Heuchelei der Eltern, und sie verlie-
ren die Achtung vor ihnen und das Interesse für alle
ihre Belehrungen. Heuchelei der Eltern bei der Er-
ziehung der Kinder ist eine höchst alltägliche Er-
scheinung, und Kinder sind feinfühlig, bemerken
sie sofort, werden abgestoßen und leiden sittlichen
Schaden. Wahrheit ist die erste, die wichtigste Vor-
aussetzung für Wirksamkeit geistiger Erziehung.
Und damit man sich nicht davor fürchten muss,
den Kindern die ganze Wahrheit des eigenen Lebens zu
zeigen, muss man dafür sorgen, dass das eigene Leben
gut oder zumindest weniger schlecht ist.
Daher ist die Erziehung anderer eingeschlossen in
unsere Selbsterziehung, und etwas anderes ist nicht
erforderlich.

Foto. Christel Achenbach
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