Poesie Lyrik

Milton John: Erblindet

Heil dir, du erstgebornes Kind des Himmels,
Du heilig Licht, ja darf ich ungestraft
Dich ewig gleich dem ewigen Strahle nennen?

Denn Gott ist Licht, et wohnt allein im Licht,
Unnahbar seit der Ewigkeit in dir,
Dem klaren Ausfluss unerschaffnen Wesens.
Ich fühle dein
Lebendges Feuer, aber du besuchst
Nicht dieses Auge mehr, es rollt umsonst,
Den Strahl zu suchen, der dies All durchdringt,
Doch findet es nicht mehr das Tageslicht,
Ein schwerer Tropfen hat den Kreis bewölkt,
Vielleicht ein trüber Schleier ihn umzogen. –
Die Jahreszeiten kehren jedes Jahr,
Mir aber kehrt der Tag nicht, noch der süße
Anblick des Morgens und des Abends wieder;
Die Schönheit nicht der holden Frühlingsblumen,
Der Sommerrosen und der Herden nicht
Noch auch das göttliche Gesicht der Menschen.
Dafür umziehn mich Wolken ewger Nacht,
Ganz abgetrennt vom Umgang froher Leute,
Und statt des Buches herrlicher Erkenntnis
Ward mir ein weißes Blatt nur vorgelegt.
Die Werke der Natur sind tot für mich,
Der Weisheit Pforten gänzlich mir geschlossen.
Drum scheine heller du, o himmlisch Licht,
Im Innern mir, durchflamme jede Kraft
Des Geistes, pflanze dahinein die Augen
Und reinige sie von jedem Nebelflor,
Dass solche Ding ich singen kann und schauen,
Die unsichtbar dem sterblichen Gesicht.

Gemäldeausschnitt: Elli Vincon
Kommentare

Ihr Kommentar