Aufrüttelnde Texte

Jakob Böhme: Der Weg zu Christo

Vom übersinnlichen Leben

Der Weg zu Christo

1. Der Jünger sprach zum Meister: Wie mag ich kommen zu dem übersinnlichen Leben, dass ich Gott sehe und höre reden? Der Meister sprach: Wann du dich magst einen Augenblick in das schwingen, da keine Creatur wohnet, so hörest du was Gott redet.

2. Der Jünger sprach: Ist das nahe oder ferne? Der Meister sprach: Es ist in dir; und so du magst eine Stunde schweigen von allem deinem Wollen und Sinne, so wirst du unaussprechliche Worte Gottes hören.

3. Der Jünger sprach: Wie mag ich hören, so ich von Sinnen und Wollen stille stehe? Der Meister sprach: Wann du von Sinnen und Wollen deiner Selbheit stille stehest, so wird in dir das ewige Hören, Sehen und Sprechen offenbar, und höret und siehet Gott durch dich: Dein eigen Hören, Wollen und Sehen verbindet dich, dass du Gott nicht siehest noch hörest.

4. Der Jünger sprach: Womit soll ich Gott hören und sehen, so er über Natur und Creatur ist? Der Meister sprach: Wenn du stille schweigest, so bist du das, was Gott vor Natur und Creatur war, daraus er deine Natur und Creatur schaffete: So hörest und siehest du es mit deme, damit Gott in dir sahe und hörete, ehe dein eigen Wollen, Sehen und Hören anfing.

5. Der Jünger sprach: Was hältst du mich dann auf, dass ich nicht dahin kommen mag? Der Meister sprach: Dein eigen Wollen, Hören und Sehen und dass du wieder das strebest, daraus du kommen bist: Mit deinem eigenem Wollen brichst du dich von Gottes Wollen ab, und mit deinem eigenen Sehen siehest du nur in dein Wollen; Und dein Wollen verstopfet dir das Gehör mit Eigen-Sinnlichkeit irdischer, natürlicher Dinge, und führet dich in einen Grund ein, und überschattet dich mit deme das du willst, auf dass du nicht magst zu dem über-natürlichen, übersinnlichen kommen.

53. Der Jünger sprach: Wie wird das Urtheil gefället? Der Meister sprach: Da
siehe an die Worte Christi, der wird sprechen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist vom Anbegin der Welt; Dann ich bin hungerig gewesen, und ihr habet mich gespeiset; Ich bin durstig gewesen, und ihr habet mich geträncket; Ich bin ein Gast gewesen, und ihr habet mich beherberget; Ich bin nackt gewesen, und ihr habet mich bekleidet; Ich bin kranck und gefangen gewesen, und ihr habet mich besuchet, und seyd zu mir kommen. Und sie werden Ihm antworten: Wann haben wir dich hungerig, durstig, einen Gast, nackend, kranck, und gefangen gesehen, und haben dir also gedienet? Und der König wird antworten, und zu ihnen sagen: Was ihr gethan habet einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habet ihr Mir gethan.

57. … Dann also hat das Ewige eine Empfindlichkeit und Schiedlichkeit angenommen und sich wieder durch den Tod mit der Empfindlichkeit in grosser Freudenreich ausgeführet, auf dass ein ewiges Spiel in der unendlichen Einheit sei, und eine ewige Ursache zur Freudenreich; so muß nun die Peinlichkeit ein Grund und Ursache seyn zu solcher Bewegniß.
Und in diesem lieget das Mysterium der verborgenen Weisheit Gottes.
Wer da bittet, der empfähet: Wer da suchet, der findet: Und wer da anklopfet, dem wird aufgethan. Die Gnade unsers Herrn Jesu Christi, und die Liebe Gottes, und die Gemeinschaft des H. Geistes, sey mit uns allen, Amen.

Abb.: Gemälde von Jakob Böhme
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