Aufrüttelnde Texte

Friedrich Schiller: Der Menschheit Würde

Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben,

Bewahret sie!

Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben!

Der Dichtung heilige Magie

Dient einem weisen Weltenplane,

Still lenke sie zum Ozeane

Der großen Harmonie!

Von ihrer Zeit verstoßen flüchte

Die ernste Wahrheit zum Gedichte

Und finde Schutz in der Camönenchor.

In ihres Glanzes höchster Fülle,

Furchtbarer in des Reizes Hülle,

Erstehe sie in dem Gesange

Und räche sich mit Siegesklange

An des Verfolgers feigem Ohr.

Der freisten Mutter freie Söhne

Schwingt euch mit festem Angesicht

Zum Strahlensitz der höchsten Schöne,

Um andere Kronen buhlet nicht.

Die Schwester, die euch hier verschwunden,

Holt ihr im Schoß der Mutter ein;

Was schöne Seelen schön empfunden,

Muss trefflich und vollkommen sein.

Erhebet euch mit kühnem Flügel

Hoch über euren Zeitenlauf;

Fern dämm’re schon in eurem Spiegel

Das kommende Jahrhundert auf.

Auf tausendfach verschlung’nen Wegen

Der reichen Mannigfaltigkeit

Kommt dann umarmend euch entgegen

Am Thron der hohen Einigkeit.

Wie sich in sieben milden Strahlen

Der weiße Schimmer lieblich bricht,

Wie sieben Regenbogenstrahlen

Zerrinnen in das weiße Licht,

So spielt in tausendfacher Klarheit

Bezaubernd um den trunk’nen Blick,

So fließt in Einen Bund der Wahrheit

In einen großen Strom des Lichts zurück!

Foto: Christel Achenbach
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