Gnosis

Buddha und Christus – Eine Betrachtung, entstanden im Lectorium Rosicrucianum

Zwei große Weltenlehrer beschäftigen die nach Wahrheit suchenden Menschen ganz besonders: Gautama Buddha im Osten und Jesus Christus im Westen.

Beide strahlen in besonders hellem Licht und ziehen die Aufmerksamkeit der Wahrheitssucher auf sich.

Denn Gautama Buddha sagt: „Ich bin geboren und in diese Welt gekommen
als König der Wahrheit zur Erlösung der Welt”.
(Tcher Rol Pa, Histoire du Buddha Sakya Mouni, 1868)
Und Jesus Christus sagt: „Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen,
dass ich für die Wahrheit zeuge.” (Johannes 18,37)
Beide zeigen durch ihr Leben, dass sie nicht nur sprechen, sondern auch sind, was sie sagen.

Doch oft hat es den Anschein, als ob die Anhänger des einen und des anderen
sich gegenseitig als Konkurrenten betrachten: Buddhisten missionieren im christlichen Westen, Christen im buddhistischen Osten.

Wenn Jesus Christus von der Wahrheit zeugt und Gautama Buddha der zur Wahrheit Erwachte ist, sollte es eigentlich unmöglich sein, dass ihre Anhänger untereinander konkurrieren.

Es kann nur eine Wahrheit geben!

Und wenn wirklich beide aus der Wahrheit sind und von ihr zeugen, müssten beide von allen Wahrheitssuchern als Weisheitslehrer und Vorbild anerkannt werden.

Wir können in beiden Weltenlehrern wirkliche Diener der einen, ewig-jungen Wahrheit erkennen, die nicht trennt, sondern verbindet.
Jesus lehrt, dass es ein Reich dieser Welt, der Vergänglichkeit gibt, wo »die Toten ihre Toten begraben«, und dass es ein „Reich nicht von dieser Welt” gibt, wo der Mensch eins mit Gott, eins mit dem lebendigen Geist ist.

Dieses „Reich, nicht von dieser Welt” ist nicht erst nach dem Tod zugänglich, sondern im Hier und Jetzt erfahrbar. Das heißt, der Mensch Jesus lebt bewusst aus dem Geist, der nicht von dieser Welt ist, und zwar in der Gegenwart.
Ebenso spricht Buddha von einem Reich, in dem Vergänglichkeit und alles Leiden »nichts« ist: Er nennt dieses Lebensfeld »Nirvana«.

Dieses Nirvana ist nicht das feinstoffliche Reich der Toten im Jenseits.
An der Pforte zum Nirvana hört die Maya, das ist die Täuschung der vergänglichen Welt, auf, und der Mensch ist wieder eins mit der Wahrheit.
Daher sagt Gautama Buddha: »Wonne, ihr Freunde, ist dieses Nirvana.«
Dieser Zustand ist wie bei Jesus kein nachtodlicher Zustand, sondern er ist im Leben bewusst erfahrbar.

Wie gelangt der Mensch in dieses Reich nicht von dieser Welt, das nicht Täuschung, sondern Nirvana ist?

Jesus beschreibt den Weg dorthin mit den Worten: »Wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird das wahre Leben finden.« Und der Buddha erklärt: »Der Tathagata, der Erwachte, lehrt die vollkommene Übergabe des eigenen Ich.«

Es ist derselbe Weg, den beide zeigen: Preisgabe des egozentrischen, selbstbehauptenden Wesens, des »Lebenshungers«, wie es der Buddha nennt, in der Kraft der Wahrheit. Anstelle des Lebenshungers erhält dann die Wahrheit, das „Nirvana” oder „Reich des Geistes” Gelegenheit, im Menschen Gestalt anzunehmen.

Darum heißt es in der ursprünglichen Lehre Buddhas: „Das Nirvana geht in den Menschen ein”.

Entsprechend lehren die christlichen Schriften, dass sich der Heilige Geist – im Symbol der Taube – auf Jesus herab senkt und seine Seele zur Christusseele wird.

Jesus konkretisiert diesen Weg in seiner Bergpredigt und ruft seine Nachfolger zu einer fundamentalen Lebensumkehr auf. Er fordert vom Wahrheitssucher die konsequente Beseitigung aller Hindernisse, die das Gehen des Pfades blockieren, wie Ehrgeiz, Feindschaft, Habgier, Egozentrik u.s.w.

Dazu heißt es in den christlichen Evangelien:
„Niemand kann zwei Herren dienen. …
Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon”.

„Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles Weitere zufallen”.

Parallel dazu spricht der Buddha von den »vier edlen Wahrheiten« und sagt:
„Erkennt zuerst, dass diese vergängliche Welt Leiden ist!
Erkennt dann, dass die Ursache des Leidens der Lebenshunger ist!
Erkennt drittens, dass das Leiden nur beseitigt wird,
wenn der Lebenshunger beseitigt wird!
Und viertens: Folgt dem achtfachen Pfad, auf dem
der Lebenshunger, das Streben nach Besitz, Ansehen und Macht,
losgelassen und überwunden wird!”

Die Kennzeichen des achtfachen Pfades sind:

Rechtes Anschauen oder Verstehen, also Einsicht.
Rechter Entschluss, also Preisgabe der Verhaftung an das Irdische.
Rechtes Sprechen durch Vermeiden schlechter Rede.
Rechtes Handeln durch Preisgabe falschen Tatlebens.
Rechtes Leben durch Loslassen jeden Streites.
Rechtes Streben in neu ausgerichtetem Wollen.
Rechtes Bedenken durch Ausrichtung auf die Welt der Unvergänglichkeit.
Und an achter Stelle erst: Rechtes Sich-Versenken.

Ebenso hält Jesus seine Schüler, die mit der Reinigung ihres Denkens, Wollens und Tuns beschäftigt sind, zu einer Lebenshaltung der Selbstüberwindung an,
die er nicht nur beschreibt, sondern ihnen als seinen Nachfolgern vorlebt.
Er weist darauf hin, dass das vollkommene und ursprüngliche Lebensfeld
nicht von dieser Welt ist.

An dieser Darstellung der zwei Wege wird die prinzipielle Gemeinsamkeit beider Lehren deutlich; aber ebenso gewisse Unterschiede:

Bei Jesus steht am Beginn des Pfades der so genannte „Glaube” an eine vollkommene, absolut unirdische, höhere Möglichkeit des Seins im Vordergrund.

Erst wenn dieser innerliche Glaube, diese Ur-Erinnerung im Menschen lebendig ist, wenn die Offenheit und das Bewusstsein für die Kräfte des ursprünglichen Geistes weit genug entwickelt sind, und wenn diese Kräfte aus dem Geistfunken
im Menschen wieder wirksam werden, dann erst spricht Jesus von wahrer Erkenntnis und vom Beseitigen der Hindernisse auf dem Pfad.

Buddha hingegen spricht sofort von rechter Einsicht als Voraussetzung des Pfades, woraufhin dann, wie bei Jesus, vom Schüler die Hindernisse beseitigt werden müssen.

Also innerliche Gewissheit, so genannter Glaube als Beginn des Pfades beim einen, und „rechte Einsicht” als Beginn beim anderen.

Warum dieser Unterschied?

Der Buddha wendet sich in einer Zeitperiode an Menschen, in denen das Bewusstsein für die Existenz geistiger Welten noch weitgehend offen ist.
Er braucht keinen großen Wert auf innerliche Glaubensgewissheit zu legen,
sondern kann unmittelbar das Denken ansprechen.

Jesus dagegen hat Menschen vor sich, die wesentlich tiefer ins stoffliche Dasein eingetaucht sind, und deren Bewusstsein durch Sinneswahrnehmungen
und ein zunehmend materielles Denken bestimmt wird.

Der abendländische Mensch muss aus dieser Verhärtung im Denken herausgelöst und wieder zum Fürwahrhalten und zur Offenheit einer höheren Realität des Geistes geführt werden. „Glaube” im gnostisch-christlichen Sinn
meint nicht das Fürwahrhalten von Dogmen, sondern die „innere Einsicht”,
die aus den Impulsen des mikrokosmischen Geistfunkens im menschlichen Herzen entsteht.

Mag nun die Form des Pfades bei Gautama Buddha und Jesus Christus teilweise unterschiedlich sein, so ist beiden Weisheitslehrern gemeinsam,
dass sie leben, was sie lehren.

Sie leben aus erneuernden Kräften des Geistes und überwinden beide die Versuchungen des Satans bzw. Maras, das sind die Verlockungen der vergänglichen Welt, die jeden Wahrheitssucher immer wieder
in Gestalt des Lebenshungers heimsuchen.

Beide, Buddha und Jesus Christus, geben in der Kraft des Geistes
das Streben nach Vergänglichem auf.

Dadurch verlieren sie im Prozess einer innerlichen Veränderung ihr ichzentrales Leben um des Geistes willen, und gewinnen so das wahre Leben.

Beide, Jesus und Siddharta Gautama, werden mit den Kräften des Geistes »getauft«.

Der Gautama erfährt die Erleuchtung durch den Geist unter dem Bodhi-Baum.
Auf Jesus senkt sich der Geist bei der Taufe im Jordan in Gestalt einer Taube herab.

Beide arbeiten fortan auch für Andere, und zwar aus und mit den Kräften des universellen Geistes. Indem sie ihre Lehre konkret vorleben, machen sie erlösende Kräfte frei und öffnen dadurch den „Weg der Überwindung” gleichzeitig für Andere.

Sie lehren, verändern und heilen dadurch ihr eigenes Wesen.

Sie transfigurieren ihre feinstofflichen Körper, bis diese zu durchscheinenden Werkzeugen des Geistes geworden sind. Das heißt: Ihr Gedankenkörper ist jetzt
vom lebendigen, göttlichen Geist durchstrahlt; ihr Empfindungskörper ist vom göttlichen Licht erfüllt, und ihr Lebenskörper – ihre Willensaktivität – ist eins mit dem göttlichen Willen.

Dass sich bei Jesus die feinstofflichen Körper bis zu diesem Zustand erneuert haben, wird in der „Verklärung auf dem Berg” geschildert, und vom Buddha wird erzählt, dass er „von innen geleuchtet” habe.

Bis hierher sind beide Wege, der Weg von Jesus zu Christus und
der Weg von Gautama zu Buddha nahezu identisch.

Während der Buddha jedoch nach seiner Erleuchtung durchs Land zieht
und bis ans Ende seines Lebens die Menschen von ihren Irrtümern und Leidenschaften, d.h. von ihren Krankheiten und Dämonen heilt,
führt der Weg von Jesus Christus über dieselbe Wirksamkeit noch hinaus:

Es ist der im Christentum bis in unsere Zeit in seiner ganzen Tiefe kaum verstandene, weiterführende Weg nach Gethsemane und Golgatha.

Die Kreuzigung des Jesus auf Golgatha – der Hauptschädelstätte –
und der darauf folgende Auferstehungsprozess ist ein symbolisch verschlüsseltes Sinnbild dafür, dass die Geistkräfte bei Jesus Christus
nun auch den grobstofflichen Körper transfigurieren.

Darin liegt der Unterschied zum Weg des Buddha.

In Jesus verwandelte der Geist nicht nur die feinstofflichen Seelenaspekte,
sondern schließlich auch den grobstofflichen Körper. Es erstand nicht nur ein unvergänglicher Gedanken-, Empfindungs- und Lebenskörper auf,
sondern auch ein neuer materieller Leib, ein „geistiger Leib”, wie die Bibel ihn nennt.

In der ursprünglichen Lehre Buddhas wurde die Transfiguration lediglich
für die drei feinstofflichen Körper gelehrt.

Der Auftrag des Buddha im ausgehenden Widderzeitalter war es,
das Denken, Fühlen und Wollen zu transfigurieren und dieselben Prozesse anderen Menschen zu ermöglichen.

Der Auftrag Jesu war es ebenfalls, Denken, Fühlen und Wollen zu transfigurieren, dann aber noch weiterzugehen und auch den Stoffkörper, die Materie, in die Erlösungsprozesse mit einzubeziehen.

Seit Jesus Christus wurde die Menschheit erstmals als Ganzes vor den spirituellen Auftrag gestellt, die gesamte Materie zu erlösen, „einen neuen Himmel und eine neue Erde” zu schaffen, die feinstofflichen Seelenaspekte und
auch den grobstofflichen Trägerkörper des Menschen im Prozess der Transfiguration zu erneuern.

Warum dieser Unterschied im Weg bzw. warum diese Weiterentwicklung der Wege?

Der abendländische Mensch war mit Beginn des Fischezeitalters, zur Zeit von Jesus Christus, dermaßen stark mit den grobstofflichen, also materiellen Lebensaspekten verbunden, dass die bewusst vollzogene Transfiguration des Stoffkörpers möglich – und auch notwendig – wurde.

Daraus ergibt sich ein Unterschied im Wirken der beiden Weltenlehrer.

In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass zur Zeit der Wirksamkeit von Jesus, als in Indien der „Mahayana-Buddhismus” entstand, ab jetzt auch im Buddhismus von einer neuen, transfigurierten Körperlichkeit die Rede ist,und nicht nur von einem transfigurierten Mental-, Astral- und Ätherkörper.

Denn was Jesus Christus zu seiner Zeit erstmals verkündete und als Pfad vorlebte, war für die ganze Menschheit vollbracht worden, und zwar unabhängig von einer Religion.

Dieser Impuls sollte sich auf alle Religionen der Menschheit auswirken, auch auf den Buddhismus, und alle anderen Bekenntnisse.

Wird man sich jetzt noch Gedanken machen, wer der Größere von beiden war?
Beide, Jesus Christus und Gautama Buddha, waren Diener und Abgesandte der Bruderschaft des Lebens. Jeder erfüllte zu seiner Zeit, entsprechend dem Bewusstseinszustand der Menschen, die ihm übertragene Aufgabe.

Für den Wahrheitssucher sind sie beide leuchtende Vorbilder gelebter Wahrheit.
Der Buddha führt die Menschen zur Befreiung von allen Bindungen an die Welt der Vergänglichkeit und ins Feld der neuen Seele, zur Pforte des Nirvana.

Jesus führt die Menschen noch weiter bis zur Auferstehung des Bewusstseins im neuen Geistseelenleib, in der Welt des ursprünglichen, göttlichen Geistes.

Warum jedoch konkurrieren die Anhänger der einen Religion mit denen der anderen? Weil beide Religionen degeneriert sind –
das Christentum vielleicht noch mehr als der Buddhismus,
und weil ihre Anhänger zu sehr die äußerliche Form beider Religionen beleben.

Wenn man als Christ an einen Gott glaubt, der die Menschenseelen nach dem Tod erlöst oder verdammt, so wird man sich freilich im Widerspruch zum Buddhisten befinden, denn der Buddhist verlässt sich nicht auf einen Erlösungsglauben im Jenseits.

Manche Buddhisten meinen – in einem Missverständnis ihrer Religion – sie könnten sich durch „rechte Versenkung” ohne weiteres ins Nirvana hinein meditieren. Manche Christen versuchen, die irdische Welt in ein Paradies zu verwandeln und versuchen, sich durch Gütestreben und Humanismus ins Himmelreich hinein zu verdienen.

Mit derartigen Überzeugungen werden sich die Anhänger beider Gruppen voller Unverständnis gegenüberstehen.

Wenn sich aber beide, Buddhisten und Christen, auf das Grundprinzip des Erlösungspfades besinnen, der im mikrokosmischen Geistfunken beginnt,
dann werden sie erkennen, dass der Andere einen gleichen Weg geht.

Darum sagt die buddhistische Lehre: „Man kann tausend und abertausend Menschen in einer Schlacht besiegen, aber derjenige, der sich selbst besiegt, der erringt den höchsten Sieg”.

Und darum lehrt Jesus:
Wer sich selbst überwindet, der ist tausendmal stärker,
als derjenige, der eine Stadt besiegt.

Beiden Weisheitslehrern geht es um das Loslassen des Vergänglichen sowie aller ichzentralen Vorstellungen in den Kräften der wieder geborenen Ewigkeitsseele.

Diese Selbstüberwindung, dieses bewusste Loslassen ist die wahre Meditation;
es ist gleichzeitig die Voraussetzung, um sich von den Kräften des Geistes tranfigurieren zu lassen.

In dieser Sicht kann ein geistiger erlösender Weg sowohl dem Buddhismus als auch dem Christentum entsprechen. Dem Buddhismus, weil er den Schüler zur Geburt der neuen Seele führt, an die Pforte des höheren Nirvana. Und dem Christentum, weil er von Anfang an auf das große Ziel des Menschen hinweist, das ist die Auferstehung heiliger Geistkräfte im neuen Seelenkörper.

Der Geistesschüler folgt auf seinem Weg den Lehren und dem Leben beider Weltenlehrer.

Er gibt den Lebenshunger preis, erfährt die Wonne des befreiten Seelenzustandes und das Einswerden mit Nirvana.

Dadurch ermöglicht er dem ursprünglichen Heiligen Geist, der aus Gott ist,
sich mit der wiedergeborenen neuen Seele zu verbinden, um die ganze vierfache Persönlichkeit und den Mikrokosmos zu erneuern.

Abb.: Gemäldeauschnitte historischer Werke
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