Poesie Lyrik

Bobatynskij Jevgenij: Auf Goethes Tod

Sie hub ihren Schleier, da schloss der Greis
Die Adleraugen in Frieden:

Hat alles vollbracht, was im irdischen Kreis
Dem edelsten Mühn ist beschieden.
Benetzt nicht mit Tränen die Erdenscholl,
Wo des Genius‘ Schädel vermodern soll!

Erlosch; aber nichts hienieden blieb
Vom sonnigen Gast ungesegnet,
Der allem, was pocht an ein Herz um Lieb,
Teilnehmenden Herzens entgegnet,
Es flog sein Gedanke weit und breit;
Seine Schranke war die Unendlichkeit.

Wie manches nährte die schaffende Glut:
Der Weisheit Schaun, die Gestalten
Der Kunst, und der hoffenden Zeiten Mut,
Und das hohe Vermächtnis der alten.
Gleich luden sein Sinnen, gleich waren ihm wert
Der Königspalast und der ärmste Herd.

Sein Atmen war eins mit dem atmenden All:
Er verstand das Gemurmel der Quellen,
Des Laubes Geflüster, des Schauers Schall
Und hörte die Knospen schwellen.
Er sah in der Bibel der Sterne hell;
Ihm vertraut‘ ihr Sehnen die Meereswell.

Ergründet ward und zutiefst durchschaut
Von ihm des Menschen Wesen.
Und wenn wir aufs Jenseits vergebens getraut,
Und müssen wir gänzlich verwesen,
Sobald die Erscheinung verfliegt in die Luft,
Wird den Schöpfer rechtfertigen diese Gruft.

Und wird uns umsonst vor der Schwelle bang,
Erlöst vom engeren Streben,
Nachdem er den Zeiten in vollem Gesang
Das Zeitliche wiedergegeben,
Entschwebt er als Lichtgeist zum ewigen Licht,
Und das Irdische trübt ihn im Himmel nicht.

Bobatynskij Jevgenij 1800 - 1844
Bild: Goethe wikipedia
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