Philosophie

Arthur Schopenhauer: Über den Tod

Der Tod ist der eigentliche inspirierende Genius oder der Musaget
der Philosophie. Schwerlich sogar würde, auch ohne den Tod, philoso-
phiert werden. Daher wird es ganz in der Ordnung seyn, dass eine
spezielle Betrachtung desselben hier an der Spitze des letzten,
ernstesten und wichtigsten unserer Bücher ihre Stelle erhalte.

Das Tier lebt ohne eigentliche Kenntnis des Todes: daher genießt das tierische Individuum unmittelbar die ganze Unvergänglichkeit der Gattung, indem es sich seiner nur als endlos endlos bewusst ist.

Beim Menschen fand sich, mit der Vernunft, nochwendig die er-
schreckende Gewissheit des Todes ein. Wie aber durchgängig in der
Natur jedem Übel ein Heilmittel, oder wenigstens ein Ersatz bei-
gegeben ist; so verhilft die selbe Reflexion, welche die Erkenntnis
des Todes herbeiführte, auch zu METAPHYSISCHEN Ansichten, die
darüber trösten, und deren das Tier weder bedürftig noch fähig
ist. Hauptsächlich auf diesen Zweck sind alle Religionen und
philosophischen Systeme gerichtet, sind also zunächst das von
der reflektierenden Vernunft aus eigenen Mitteln hervorgebrachte
Gegengift der Gewissheit des Todes. Der Grad jedoch, in welchem
sie diesen Zweck erreichen, ist sehr verschieden, und allerdings
wird EINE Religion oder Philosophie viel mehr, als die andere, den
Menschen befähigen, ruhigen Blickes dem Tod ins Angesicht zu
sehen. Brahmanismus und Buddhismus, die den Menschen leh-
ren, sich als das Urwesen selbst, das Brahm zu betrachten wel-
chem alles Entstehen und Vergehen wesentlich fremd ist, werden
darin viel mehr leisten, als solche, welche ihn aus nichts gemacht
seyn und seine, von einem andern empfangene Existenz wirklich
mit der Geburt anfangen lassen. Dem entsprechend finden wir in
Indien eine Zuversicht und eine Verachtung des Todes, von der
man in Europa keinen Begriff hat. Es ist in der Tat eine bedenk-
liche Sache, dem Menschen in dieser wichtigen Hinsicht schwache
und unhaltbare Begriffe durch frühes Einprägen aufzuzwingen,
und ihn dadurch zur Aufnahme der richtigeren und standhaltenden
auf immer unfähig zu machen. Z.B. ihn lehren, dass er erst kürzlich
aus Nichts geworden, folglich eine Ewigkeit hindurch Nichts
gewesen sei und dennoch für die Zukunft unvergänglich seyn
solle, ist gerade so wie ihn lehren, dass er, obwohl durch und durch
das Werk eines Andern, dennoch für sein Thun und Lassen in alle
Ewigkeit verantwortlich seyn solle. Wenn nämlich dann, bei
gereiftem Geiste und eingetretenem Nachdenken, das Unhaltbare
solcher Lehren sich ihm aufdringt, so hat er nichts Besseres an ihre
Stelle zu setzen, ja ist nicht mehr fähig es zu verstehen und geht
dadurch des Trostes verlustig, den auch ihm die Natur, zum Ersatz
für die Gewissheit des Todes bestimmt hatte.

Abb.: William Blake Der verlorene Sohn
Text: Arthur Schopenhauer (* 22. Februar 1788 in Danzig; † 21. September 1860 in Frankfurt am Main)
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    «Beim Menschen fand sich, mit der Vernunft, nochwendig die er-
    schreckende Gewissheit des Todes ein.» Der französische Philosoph Louis Cattiaux (1904-1953) in der ”Wiedergefundene Botschaft” (Verlag Herder, Basel, 2010, S.378): «Leider! Fast alle Menschen haben sich an den Tod gewöhnt, bis zu dem Punkt, zu glauben, er sei unvermeidlich und unabhelfbar, und viele haben ihn vergessen, wie Tiere, die sich seiner nur im letzten Moment ihres Lebens wieder bewusst werden.»

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