Hermetik

Das Adjektiv hermetisch gilt als Synonym für unzugänglich, verschlossen, unverständlich. Dabei ist Hermetik, bei Lichte betrachtet, das Gegenteil. Sie zeigt den Menschen als integralen Teil des Weltganzen, als Mikrokosmos, und damit auch als Teil der Gottheit.
Das heißt, der Mensch hat prinzipiell Zugang zur #Gnosis, zur eigenständigen und direkten Kenntnis Gottes. Somit ist Hermetik keine Geheimniskrämerei, sondern will eine offene Tür zum inneren Menschen sein.
Ein Mensch, der dies in sich verwirklicht hat, ist Hermes, der Hauptakteur des Corpus Hermeticum. „Wie oben, so unten“, sagt der Text der Tabula Smaragdina. Das göttliche All spiegelt sich im befreiten Menschen; beide sind prinzipiell eins. Die hermetische Literatur breitet in diesem Sinn einen Weg vor dem Leser aus, sie öffnet ein spirituelles Entwicklungsfeld, das einen suchenden Menschen berühren kann.
Das Alter der hermetischen Schriften kann nicht endgültig bestimmt werden, man kann sie jedoch bis ins zweite nachchristliche Jahrhundert zurückverfolgen. Ab 1464 wurde das Corpus Hermeticum von Marsilio Ficinoins Lateinische übersetzt und entwickelte sehr schnell großen Einfluss auf die zu dieser Zeit führenden Philosophen und ihre Weltanschauungen. Der darin enthaltene Gedanke vom Menschen als Mikrokosmos hatte großen Einfluss auf die Renaissance – die Jenseitsausrichtung des Mittelalters wurde durch das Hier und Jetzt eines Weges zum Göttlichen abgelöst. Der Mensch als prinzipiell göttliches Wesen stand nun im Mittelpunkt der Betrachtungen, und mit ihm das Empfinden der Harmonie und Schönheit, die damit zusammenhängen müssen.
Was kann Hermetik heute bedeuten? Sie hat den Menschen, die nach einer höheren Einheit suchen, viel zu sagen. In der Hermetik steckt die Idee des universellen Menschen, der nicht nur bewusst mit Gott, sondern auch mit seinen Mitmenschen eins sein kann. Die Menschheit steckt in den Anfängen einer seelischen Revolution. Wer das Ringen in den weltumspannenden Krisen als Geburtsschmerz eines neuen Menschseins empfindet, kann Kraft aus den hermetischen Zeugnissen ziehen. Sie sprechen davon, dass Pymander (als Geistseele und personifizierte Aspekt der Gottheit) als Möglichkeit in jedem Menschen ruht. Dieser innere Gottmensch – ob bereits verwirklicht oder nicht – kann ein Fundament werden, das allen Stürmen trotzt. Die Stiftung Rosenkreuz stützt sich auf diese Philosophie, die uns durch die (nicht nur) innerliche Revolution unserer Tage leiten kann.