Nachdenkliches

Zwischen Tag und Traum

Mein siebenjähriger Sohn kam nach Hause und sagte: Papa, ich habe ein Rätsel – was ist das: Es hat eine weißes Gewand an, zwei dunkle Löcher da wo der Kopf sitzt und eine Uhr in der Hand? Mein Überlegen dauerte ihm zu lange.
Es ist der Zeitgeist!
Das Zahnlücken-Grinsen meines Sohnes war ansteckend. Wir kicherten und lachten, während er herumtanzte und pantomimisch auf eine imaginäre Uhr schaute.

Am nächsten Tag fahre ich mit der Bahn durch die Stadt und glaube überall für eine Millisekunde ein weißes Gewand erkannt zu haben. Auf den Leuchtreklamen, an den großen Werbeplakaten, neben den Schlagzeilen der Zeitungen tanzt diese kleine Figur und hält mich zum Narren. Und selbst in den Gesichtern der Menschen nehme ich die winzige Gestalt wahr wie eine Art Wasserzeichen. Vor allem wenn diese lautstark ihre Überzeugungen äußern über Politik, über die Wirtschaft und das kräftezehrende Leben. Abends beim Fernsehen ist es nicht anders. Wie ein Störsender huscht der Gnom mit der Uhr durch die Nachrichten. Selbst neue Werte wie Entschleunigung, Achtsamkeit, Meditation, Stille, Nachhaltigkeit sind vor ihm nicht sicher. Auch in diesen Strömungen, gedacht als Gegengewicht gegen Stress, Beschleunigung und Komplexität des Lebens, sehe ich die beiden schwarzen Kugelaugen aufblitzen. An manchen Tagen glaube ich, Teil einer Gespenstergeschichte zu sein. Das kleine schwarz-weiß-Monster ist wie die Mikroorganismen, die sich überall festgesetzt haben, – so gut wie unsichtbar und doch gewaltig in ihren Auswirkungen.

Mir wird immer mehr bewusst, wie sehr wir Menschen von dieser Karikatur manipuliert werden. Woher stammte die Flasche, aus der dieser Geist herausgequollen und in die Zeit eingedrungen war? Und wer hatte sie geöffnet? Wie konnte er das menschliche Bewusstsein in ein Gespinst aus Trugbildern einwickeln?

Dem Zeitgeist begegnet man überall, aber man kann ihn nicht fassen. Die Begegnung mit ihm ist eine Begegnung ohne Berührung, die dennoch Spuren im Bewusstsein hinterlässt.

Auf der intuitiven Suche nach einer Erklärung dämmert mir, dass der Zeitgeist ein menschengemachtes Phantom sein muss. Denn innerlich weiß ich, dass es ein universales Prinzip gibt – den Geist der Ewigkeit. Das Leben selbst wird von seiner Kraft getragen. Das Ewige zeigt dem Menschen den Weg und das Ziel seiner Existenz, wenn er sein Bewusstsein dafür öffnet.

Ich habe die Wahl – und ich wähle bewusst.

Meinen Sohn vor Augen kann ich nach einer Zeit voller Irritationen wieder über das Rätsel des Zeitgeistes lachen.

Foto: Pixabay
Kommentare

Ihr Kommentar