Persönlichkeiten

„Zeichen am Weg”

Zahlreiche Begegnungen mit Menschen ließen mich erkennen, dass in praktisch jedem Individuum eine mehr oder weniger bewusste Suche nach Vollkommenheit, nach etwas Ewigem und Absoluten wirksam ist. Und ebenso zahlreich sind die Bücher und Texte, die von einer solchen Suche und einer unerschütterlichen Sehnsucht Zeugnis geben, einer Sehnsucht, die dem innerlichen Streben vieler Menschen zugrunde liegt.

In einer Veröffentlichung von Tagebucheintragungen, die der zweite Generalsekretär der Vereinten Nationen (UNO) – der Norweger Dag Hammarskjöld (1905 – 1961) – im Laufe seiner aufregenden beruflichen Laufbahn verfasst hatte, stieß ich auf die unverkennbaren Zeugnisse seiner individuellen Wahrheitssuche.

Die feinsinnige Wahrnehmung spiritueller Lebenszusammenhänge und seine Erkenntnisse daraus sind in dem Buch „Dag Hammarskjöld – Zeichen am Weg” (erschienen 1965, München/Zürich) enthalten.

Als gemeinsames Merkmal dokumentieren sie die Signatur eines strebend suchenden Menschen, der mit unerschütterlicher Sicherheit von der Gewissheit durchdrungen ist, dass jedem Menschenschicksal eine höhere Bestimmung zugrunde liegt, sozusagen ein spiritueller Auftrag, durch den wir alle mit dem wahren Sinn des Lebens verbunden sind.

Einmal notierte Dag Hammarskjöld: „Dein persönliches Leben kann keinen beständigen, spezifischen Sinn haben. Einen … Sinn kann es nur gewinnen, wenn es eingeordnet und untergeordnet ist, unter etwas, das unvergänglich „besteht” und selbst einen „Sinn” besitzt.”

Und weiter schrieb er: „Ob „wahres Leben” ist? Prüfe und du wirst es erleben: „Wahres Leben” als Wirklichkeit! Du wirst finden, dass dem „wahren Leben” untergeordnet, dein Leben seinen ganzen Sinn bewahrt, ungeachtet des Rahmens, den du zu seiner Verwirklichung erhieltest. Du wirst finden, dass des ständigen Abschieds, der stündlichen Selbstaufgabe Freiheit deinem Erlebnis der Wirklichkeit jene Reinheit und Schärfe gibt, die – Selbstverwirklichung ist.”

Wie wirkte sich dieser Anspruch im täglichen Leben von Dag Hammarskjöld aus? Als UNO-Generalsekretär strebte er auch in seinem höchsten Amt unermüdlich um wahre Menschwerdung in Demut. Eine Demut, aus der allein er sich berechtigt sah, Entscheidungen zu treffen und Anweisungen zu geben.

Beispielsweise dokumentierte er sein Ringen mit folgenden Worten:

„Die Stellung gibt dir nie das Recht zu befehlen. Sie gibt nur die Schuldigkeit, so zu leben, dass andere deinen Befehl annehmen können, ohne erniedrigt zu werden.”

An anderer Stelle schrieb er: „Es gibt keine Geschichte, als die der Seele; keinen Frieden, als den der Seele.” Und weiter: „Nicht ich, sondern Gott in mir”.

Ist dies nicht der Weg, auf dem wir uns mit dem geistigen Wesen aller Menschen vereinen?

Dag Hammarskjöld erkannte das Leben aller Menschen als den mehr oder weniger bewussten Versuch, dem ihnen noch unbekannten, göttlichen Sein Ausdruck zu geben.

Eine eigenartige, beglückende Wahrheit: Unsere individuelle Selbstverwirklichung gelingt dann, wenn wir uns dem allgemeinen, dem göttlichen Auftrag an die Menschheit unterordnen.

Die Tagebucheintragungen von Dag Hammarskjöld sind für mich ein sichtbares Zeichen eines „hermetischen” Erkenntnis- und Lebensweges.

Kommentare

Ihr Kommentar