Selbsterfahrung

Wunschlos glücklich?

Im Radio hörte ich eine Sendung über eine Reise nach Ägypten. Eine Reisegruppe fuhr von Oase zu Oase und kam mit den Menschen, die dort leben, in Kontakt. Besonders interessierten sich die Teilnehmer offenbar für Nofretete. Immer wieder fragten sie die ägyptischen Frauen, was sie von ihr wussten. Sie war ihnen wohl bekannt, aber sie betonten immer wieder, dass sie einfache Bäuerinnen seien und ein ganz anderes Leben führten.

In dieser Sendung wurde auch von einem Gespräch berichtet, das die Reporterin mit einer Fellachin führte. Sie besuchte sie in ihrer Hütte, in der sie mit ihrer Familie und den Ziegen wohnte. Ihr Mann war zum Zeitpunkt des Gesprächs nicht anwesend, er war mit seiner Zweitfrau bei der Hochzeit ihrer Tochter. Die Frau, mit der die Reporterin das Gespräch führte, schien das nicht zu stören. Sie wurde gefragt: „Wünschen Sie sich etwas?” Offenbar wusste die Ägypterin nicht, was damit gemeint war, denn sie fragte: „Wünschen? Was meinen Sie damit?” Die Reporterin versuchte es noch einmal und fragte: „Möchten Sie etwas in ihrem Leben verändern?” Auch auf diese Frage reagierte die Frau verwirrt. Sie antwortete:

„Wir haben alles, was wir brauchen: die Hütte, Essen und Trinken. Die Kinder sind gesund und wenn sie in die Schule gehen können, sind wir zufrieden. Und dann fügte sie hinzu: „Ich möchte nur das, was Gott mir gibt.”

Ich war auf der Autobahn, als ich dies hörte und ich weiß noch, wie ich davon tief betroffen war. „Ich möchte nur das, was Gott mir gibt”…. Dieser von der Frau so selbstverständlich formulierte Satz machte mir klar, wo ich stehe. Ich fragte mich, ob ich das auch so sagen könnte und merkte, dass ich es nicht kann. Ich möchte es manchmal anders haben, als es ist. Aber ich weiß auch, welchen Preis ich dafür bezahle. Für jeden Wunsch bezahlst du, dachte ich. Nicht erst, wenn du ihn dir erfüllst, sondern schon davor. Du zerstörst das, was ist, das Jetzt, den Augenblick.

Woher, fragte ich mich dann aber auch, kommt eine derartige Einsicht? Wenn mein Ich spricht, dann wird es so nicht denken. Wünsche bestimmen das Leben und alles, was zu ihrer Erfüllung nötig ist, setzt unser Denken, Fühlen und Handeln in Bewegung. Woher also kam diese Einsicht? Woher kamen diese Betroffenheit und Trauer?

Ich glaube, sie kamen daher, dass ich in diesem Moment spürte, dass ich dieses „Nicht mein Wille, sondern Dein Wille geschehe” nicht so selbstverständlich und authentisch sagen kann, wie es die ägyptische Frau offenbar konnte. Das stimmte mich traurig. Und es stimmt mich froh, dass ich darüber traurig sein kann. Denn es zeigt, dass in diesem Moment etwas anderes aus mir spricht. Etwas, das sich von mir wünscht, dass auch ich auf dem gewählten inneren Weg einmal sagen kann: „Ich möchte nur das, was Gott mir gibt.”

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