Alchemie

Wo beginnt der Pfad?

Wenn Menschen einen Pfad gehen können, der von der Unvollkommenheit und Sterblichkeit in die Vollkommenheit und Unsterblichkeit führt, oder besser: wenn sich im Menschen der noch verborgene Ewige entfalten kann, dann muss auch der Weg dahin im Menschen verankert sein. Da dieser Weg das wahre Leben sein muss, müssen seine Kräfte wesenseins mit dem Menschen sein.

Man muss den Beginn des Weges im eigenen Wesen erfahren und ergreifen können.

Daher der Selbstversuch: Was nehme ich davon wahr?

Wenn ich mich so befrage, dann stelle ich fest, dass ich zuerst Vorstellungen von erhabenen Kräften, die mich einfach in die „mir gemäße Vollkommenheit” erheben, überwinden und aus dem Weg räumen muss. Immer wieder. Danach finde ich zunächst das Chaos der alltäglichen Bewegtheiten: Wünsche, Zwänge, Befürchtungen; Begehren und Aufbegehren. Dahinter wird langsam ein Grundmuster sichtbar, das ich kaum noch konkret benennen kann. Ich finde in mir die Überzeugung, dass mein Leben wichtig und sinnvoll ist, wenngleich ich den Sinn von Atemzug zu Atemzug suchen und verwirklichen muss. Ich finde die Hoffnung, etwas Großes tun zu können. Wenn ich als Kind Heldengeschichten gelesen habe, dann war mir klar, dass auch ich solch ein Held bin, der unbewegt inmitten der Gefahren steht und alles zum Guten wendet. Im wirklichen Leben richtet sich diese Hoffnung auf wirkliche Dinge, und diese sind so vielfältig wie die Welt: groß und klein, Selbst- und Weltverbesserung, Liebe, Kunst, Karriere, Menschendienst, die große Heldentat, das Eigenheim und das neue Paar Schuhe. Vom Innersten, Ungreifbaren, wird die Kraft auf das Äußere (an-)gewendet. Und mit Liebe werden die Dinge dann getan. Oder unter Druck; voll Eifersucht; im Streben, den Anderen zuvorzukommen; um sich oder anderen etwas zu beweisen. Und wenn die Dinge getan und die Ziele erreicht sind, sind sie zumeist sehr schnell gleichgültig und ganz offensichtlich nicht das wirklich Gewünschte. Immer wieder.

Alles, was ich aus diesen Ur-Kräften gemacht habe, löst sich auf zu nichts. Doch das Vertrauen, die Hoffnung und die Liebe, sie bleiben bestehen, unberührt und unantastbar. Die Handelnde nur verfehlt das Eigentliche, sie wendet die Kräfte an wie ein Kind, das von der Mutter zum Einkaufen geschickt wird, aber den Besorgungszettel vergisst. So holt das Kind die Dinge, die es selbst gerade am liebsten hat.
Und ich sehe mich in einem großen Raum umhereilen, den ich niemals erfassen kann. Wenn ich dann still stehe, scheint er sich noch zu weiten, und es entsteht in ihm eine andere Bewegung: die Erhebung, die Bewusstwerdung und Befreiung – ganz natürlich, wie ein Aufatmen. Und ich weiß: Der wahre Mensch wird in dieser Bewegung sichtbar.

Was habe ich dann dabei zu tun?

Es wahrzunehmen, zu verstehen und mein Leben danach einzurichten. Und mich der Veränderung anheim zu geben, die entsteht aus: Glaube, Hoffnung und Liebe.

Foto: Hermann Achenbach
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