Gnosis

Winner dies second

Diamond Sotiropoulos gab einem seiner Bilder den Namen „Winner dies second” (Der Sieger stirbt als Zweiter). Zwei wolfsköpfige Satiren kämpfen einen Kampf auf Leben und Tod. Der Kampf ist sinnlos, denn sterben werden beide. Der eine durch die Hand seines Artgenossen, der andere später. Doch der Kampf muss offenbar stattfinden.

Auch im persönlichen Streit gibt es oft keinerlei Erbarmen. Wenn wir die Geschichte der Menschheit rückblickend betrachten, entdecken wir, dass in der Auseinandersetzung zwischen Völkern das Gleiche gilt. Sympathie und Antipathie halten sich im normalen Empfinden in etwa die Waage. Doch es bedarf nur wenig und Antipathie wird aufgerufen und übermächtig. Dann sprechen wir vom BÖSEN. Es gibt eine Unmenge an Literatur über das BÖSE und sehr viel weniger über das GUTE.

Die Geschichtsschreibung orientiert sich meist an den Kriegen. Sie bringen Tod, Zerstörung und großes Leid mit sich und prägen sich tief ins Gedächtnis der Völker ein. Nur wenige Herrschernamen sind bekannt, deren Regierung im Zeichen des Friedens stand. Ist denn der Mensch nicht friedliebend?

Es kann immer wieder erstaunen, in welchem Ausmaß Despoten Anhänger finden. Sie sammeln sich in großer Zahl unter ihren Bannern. Da muss zwangsläufig die Frage aufsteigen: Lieben so viele Menschen das BÖSE, die übermächtige Antipathie?

Schon im Kind sind die Wurzeln für Antipathie, Aggression und Gewalt angelegt. Sie gehen zurück bis zu den Anfängen der Menschheit. Es musste Nahrung herbeigeschafft und das Leben verteidigt werden, gegenüber Tieren und anderen Menschen. Wie hätte man das mit „Sympathie-Gefühlen” bewerkstelligen können? Liegt allein schon in diesem Lebenskampf das BÖSE?

Gehen wir dem Phänomen noch weiter nach. In vielen Religionen kämpfen die „Himmlischen” miteinander. Das „Böse” lehnt sich gegen das „Gute”, Gott, auf. Luzifer wird aus dem Himmel verstoßen und begründet seine Macht auf Erden.

Die Medien in all ihren Formen – warum bringen sie vor allem Killer, Thriller in stetiger Steigerung? Warum werden Unglücksfälle aufgebauscht? Ist es so angenehm, „das Böse” indirekt mit zu erleben, ohne es selbst auszuführen?

Der Mensch ist mit der Fähigkeit ausgestattet, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden und sich für eines hiervon zu entscheiden. Nach welchen Gesichtspunkten tut er dies? Nach denen der Ethik, der Moral oder der Zweckmäßigkeit? Gibt es überhaupt Klarheit in konkreten Situationen oder kommt es nicht häufig auf den Blickwinkel an?

Das innere Ringen hat weitreichende Auswirkungen. Was bedeutet es für mich, in einen Streit einzutreten? Meine Seele wird hierdurch zutiefst beschädigt. Mein Ich wird von Sympathie, Antipathie, von Angst, Begehren und anderen Regungen bewegt. Das sogenannte Gute und das sogenannte Böse – sind sie in unserer Welt wirklich voneinander zu trennen? Die Erfahrung zeigt, dass es nicht der Fall ist. Daraus entsteht eine deutliche Konsequenz: Es ist der Seele aufgegeben, in ihr ursprüngliches Vaterhaus, zum Allein-Guten zurückzukehren.

Es gibt eine kleine Indianererzählung, „Die zwei Wölfe”:

Ein alter Indianer saß mit seinem Enkelsohn am Lagerfeuer. Es war schon dunkel geworden und das Feuer knackte, während die Flammen in den Himmel züngelten. Nach einer Weile des Schweigens sagte der Alte: „Weißt du, wie ich mich manchmal fühle? Es ist, als ob da zwei Wölfe in meinem Herzen miteinander kämpfen. Einer der beiden ist rachsüchtig, aggressiv und grausam. Der andere dagegen ist liebevoll, sanft und mitfühlend.” „Welcher der beiden wird den Kampf um dein Herz gewinnen?”, fragte der Junge. „Der Wolf, den ich füttere”, antwortete der Alte.

Abb.: Satyr, wikimedia
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