Selbsterfahrung

Werdet Vorübergehende

Wenn wir auf unser bisheriges Leben zurückblicken, können wir Meilensteine der Erkenntnis entdecken. Erlebnisse können in unserer Erinnerung aufsteigen, die zu unserer geistigen Reife beitrugen.

Jeder Mensch hat ein ganz spezielles, individuelles Thema, das wie ein roter Faden sein Leben durchzieht. Ein Faden, der ein Ziel hat. Die Bearbeitung des Themas, die Erfüllung des mit ihm verbundenen Auftrags sind das Ziel. Meilensteine der Selbsterkenntnis werden stets in uns eingebrannt. Sie sind vorhanden, sind im Gedächtnis gespeichert, abrufbar. Sie formen uns zu dem, der wir heute sind.

Immer wieder haben wir unaussprechliche Erfahrungen gesammelt. Haben wir nicht nach Antworten auf unsere Fragen gesucht?

Vor langer Zeit – ich war noch sehr jung – sagte ein Bekannter zu mir, ich hätte einen Auftrag als Mensch. Ich wusste nicht, was das für ein Auftrag sein könnte. Aber ich ahnte, dass die Aussage stimmt.

Ein anderes Erlebnis: Vor ca. 25 Jahren fuhr ich in den Bayrischen Wald. Ich ging in der Natur spazieren und spürte eine innere Ruhe in mir, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Ich empfand einzig und allein das Jetzt, alle Gedanken waren verschwunden. Ich bewegte mich ganz leicht und bewusst durch den Wald und genoss das „In mir Ruhen”.

Es ist ein besonderes Geschenk, einen Menschen zu kennen, mit dem wir über solche besonderen Erfahrungen sprechen können. Wenn wir uns darüber austauschen, werden Gespräche erst eine lebendige Wirklichkeit, denn unsere ausgesprochenen Gedanken sind nicht mehr oberflächlich, langweilig, sondern gehen in die Tiefe. Wir setzen uns mit bisher nicht gekannten Themen auseinander, kommen dem Kern allen Daseins oder der einen Wahrheit ein wenig näher.

Was bedeutet diese un-gewöhnliche, aus der Gewohnheit herausreißende Stille? Woher kommt sie? Was ist unser wirklicher Auftrag? Warum sind wir Menschen überhaupt hier auf dieser Erde?

Ich glaube, im tiefsten Wesen machen alle Menschen ähnliche Erfahrungen. Wenn wir immer weiter in uns forschen, entdecken wir, dass wir in uns, in unserem Herzen, eine unaussprechliche Stille erfahren können.

Kommt nicht auch ein Ruf aus diesem Innersten des Herzens? Besteht nicht unser Auftrag darin, dieser Ur-Sehnsucht in uns zu folgen und zu ergründen, wohin sie uns führt? Drängt sie uns nicht wieder zu unserem eigenen Ursprung (althochdeutsch: Urspring = Quelle), zu unserer innereigenen Quelle zurück?

Damit geht die Aussage in der Bibel einher: „Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende”. Das Ziel ist unser Ursprung. Wir können, wenn wir es wieder vermögen, dahin zurückgehen, woher wir ursprünglich gekommen sind.

Unsere Welt ist eine Brücke der Erfahrungen. Sie wird uns nach einer langen Zeit der Reifung, die fast unzählige Leben enthält, zu diesem Ursprünglichen zurück begleiten.

Nach der Überlieferung sagte Jesus in Indien zu seinen Jüngern: „Die Welt ist eine Brücke, geht über sie hinweg, doch lasst euch nicht auf ihr nieder.” Im Evangelium nach Thomas drückt sich Jesus so aus: „Werdet Vorübergehende.” Die Welt ist die Brücke zu unserer wahren Heimat, zu unserem Ursprung, zum Urquell.

Foto: Silke Karwowski
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