28. März 2012 von Angelika Häusler

Wer kann mir sagen, was ich tun soll? Oder: Die entscheidende Frage

Das ganze Leben hindurch gibt es immer jemanden, der uns sagt, was zu tun ist, was richtig und was falsch ist. In der Kindheit sind es die Eltern oder die Lehrer. Später vielleicht die Politiker, der Chef, die Wissenschaftler, die Mode, vielleicht der Papst, oder ein anderer geistiger Führer, oder man sucht Richtlinien in Büchern. Aber kann man so zur Wahrheit finden, durch Anweisungen aus zweiter, meistens aber aus dritter Hand?

Ja, aber wer sagt mir denn, was Wahrheit ist?
Dazu fällt mir der Mythos vom Heiligen Gral ein:
Seit jeher machen sich Wahrheitssucher auf die Suche nach ihm, denn der heilige Gral ist ein Symbol für die Quelle aller Weisheit und Wahrheit.

In Wolfram von Eschenbachs Dichtung muss der Held Parzival, um den Gral zu erringen, dem kranken Gralskönig eine bestimmte, alles entscheidende Frage stellen.
Diese Frage lautet: „Oheim, was wirret Dir?“ … . Aus dem Mittelhochdeutschen übersetzt, lautet die Frage: Oheim, was fehlt dir? Ich möchte sie auch so verstehen: Was ist in deinem Leben in Unordnung geraten? Was ist falsch gelaufen?

Ich wende die Frage auf mich selbst an: Muss vielleicht auch ich, wenn es mir wirklich ernst ist mit der Suche nach Wahrheit, zuerst diese Frage stellen? Denn im Mythos ist es so, dass, nur wer diese Frage stellt, den Gral erringen kann!

Der junge Parzival wollte, als er in die Welt zog, etwas ganz Großes vollbringen. Auf seiner abenteuerlichen Reise befolgte er zuerst die Anweisungen und Anstandsregeln seiner geliebten Mutter Herzeleide, in der festen Überzeugung, dass dies nur gut und richtig sein kann.

Trotz all der Ratschläge und der guten Erziehung, richtete er, nachdem er das mütterliche Heim verlassen hatte, viel Unheil und Leid in der Welt an (ganz real so, wie es der alte Filmtitel ausdrückt: „Leichen pflasterten seinen Weg“), obwohl er sich doch immer streng an die guten Anweisungen gehalten hat und eigentlich immer nur das Gute wollte.

Dann fand er einen neuen Mentor, den lebenserfahrenen Gurnemanz, einen väterlicher Freund und Lehrer, der ihm wohlwollend Lebensweisheiten und gute Ratschläge mit auf den Weg gab, die Parzival dankend befolgte.

Parzival wurde zu einem edlen Ritter. Er strebte ein hohes Ideal an und suchte voller Leidenschaft danach. Sein Weg führte ihn eines Tages zu einer geheimnisvollen Burg, dort begegnete ihm das Wunderbarste und Schönste und Bezauberndste, was er je gesehen hatte: der heilige Gral.

Doch weil Parzival, die Anweisungen seines Mentors befolgend, also aus Höflichkeit, dem kranken Gralskönig die entscheidende Frage („Oheim, was wirret Dir?“) NICHT stellte, konnte der König nicht von seinem Leiden erlöst werden und der Gral wurde für Parzival in diesem Augenblick unerreichbar. Die Schlossbewohner vertrieben Parzival daraufhin mit Spott aus der Gralsburg. Doch die Sehnsucht nach dem Gral brannte wie ein Feuer in ihm, er musste ihn unbedingt wieder finden.

„Anweisungen befolgen, erfordert keine Selbstinitiative. Das tun, was alle tun, ist einfach. Aber es hält in Abhängigkeit gefangen. Wie ein Kind von den Eltern abhängig war, so ist der Erwachsene es von anderen Autoritäten, von Meinungen anderer, von Büchern, der Mode, usw. Also in Wirklichkeit bleiben die meisten Menschen ihr ganzes Leben lang wie abhängige Kinder (Kinder in einer alternden Haut). Der Mensch glaubt, dass es Sicherheit vermittelt, sich an langjährige Erfahrungen, Regeln, Traditionen oder sogenannte Weisheiten anderer zu halten. Doch stimmt das? Solange ich das tue, was andere glauben, dass es richtig oder falsch sei, kann ich dann die Wahrheit finden?“
(nach J. Krishnamurti)

In Parzivals Leben kam der Moment, an dem er nicht mehr weiter wusste. Irgendwann, nach Jahren der Suche, fand er sich einsam und alleine, verzweifelt, von Gott enttäuscht, irgendwo in der Ödnis wieder. Der Gral, nach dem er sich so sehr sehnte, war in unerreichbare Ferne gerückt. Parzival war am Ende seiner Kraft und seiner Möglichkeiten angekommen. Er war gescheitert, alle seine Bemühungen, seine Pläne seine gute Erziehung hatten ihm nichts genützt. Erschöpft ließ er seinem Pferd die Zügel schleifen, so dass es laufen konnte wohin es wollte. Doch sein Pferd war ein Grals-Pferd, das er einst erstritten hatte. Wie zufällig führte es ihn zu einem weisen, heiligen Mann, einem Eremiten, der Parzival endlich wieder einen Hinweis auf den Gral geben konnte.

Parzivals Schicksal wendete sich seit dieser Begegnung wieder zum Guten.
Was war geschehen?

Was bewirkte die alles verändernde Wendung in der Geschichte unseres Helden, die in Wirklichkeit die Geschichte einer Einweihung ist?

Jeder Wahrheits-Sucher, durch alle Jahrhunderte hindurch, kennt die Momente der Verzweiflung, wenn es nicht mehr weiter geht und man mit seinem Latein am Ende ist, obwohl man doch alles versucht hat. Es geht ihm wie Goethes Faust, der ausruft: „Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin und leider auch Theologie durchaus studiert“, und der dann letztendlich feststellt: „Da steh ich nun ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.“

Aber wie ein Wunder folgt auf den Zustand größter Verzweiflung, in dem Augenblick, wenn das Kämpfen aufhört und man sich eingestehen muss: Ich kann es nicht, ein Moment der Stille.

Für einen Augenblick vergaß Parzival all die Anweisungen und Ansprüche, die eigenen Wünsche, Begierden und Ängste, die ihn bis jetzt geleitet hatten. Sein getriebenes Herz war frei geworden wie eine leere Schale, man könnte sagen, es ist selbst zum Gral geworden.

Da übernahm ein anderer die Führung. Aber diesmal nicht mehr jemand von außen, es war sein innerer, geistiger Führer, symbolisch dargestellt durch sein Grals-Pferd, es wusste den Weg zurück.

(Die Rosenkreuzer haben die Ansicht, dass im Herzen jedes Menschen ein göttlicher Plan existiert, der den Weg ins Innerste der Seele weist, in die Gralsburg, wo der Gral, der Quell aller Wahrheit, auf uns wartet.)

Laotse, der chinesische Weise, beschreibt die Eigenschaften des Grals auf seine Weise:

„Tao ist ein leeres Gefäß.
Es ist unerschöpflich.
Unergründlich.
Ununterbrochen wie beharrend
wirkt es ohne Mühe“

Das still gewordene Herz ist wie ein leeres Gefäß, ein Gral, in den unerschöpflich, unergründlich die Kraft des Tao strömt. Das innere Dunkel wird erleuchtet und wie in einem Bewusstseinsblitz öffnet sich die Wahrheit, denn das Innerste kennt den Weg zurück, zu seiner wahren Bestimmung.

Ohne Mühe findet Parzival die Gralsburg wieder und erfüllt von tiefem Verstehen und mitfühlender Liebe stellt er jetzt die entscheidende Frage: „Oheim, was wirret dir?“

… was läuft falsch all die Äonen von Jahren?

Der kranke König, der göttliche Funke, der so lange schon in uns versunken liegt, kann sich endlich entfalten, wird endlich erlöst. Der Kreis schließt sich. Parzival, unser wahres Wesen, nimmt seine eigentliche Aufgabe an und wird zum Gralskönig.

„Alles, was unsern Geist befreit,
ohne uns die Herrschaft
über uns selbst zu geben,
ist verderblich“
Johann Wolfgang von Goethe

altes Fresko Parzival

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