#1151#
11. Oktober 2010 von Sandra Antesevic

Wenn die Blüten erblühen

Wenn die Blüten erblühen
wenn die Welt ruht
seufzt die Seele in Sehnsucht
lange schon sind wir getrennt.

Der Himmel über uns
ist ein Schatten des Umhangs
sieben Stockwerke des
Himmels sind in meiner Brust.

Der Frühling ist in uns
wenn die Tränen vergehen
und die Wüste erblüht
unseren Augen enthüllt sich das Paradies.

Das sind Verse einer bosnischen „Ilahija“ (islamisches religiöses Lied, in dem die Liebe zu Gott zum Ausdruck kommt). In einigen Ilahija wird auf herzergreifende und poetische Art die Sehnsucht der Seele nach der verlorenen Einheit mit dem Geist zum Ausdruck gebracht.

Wenn die Blüten erblühen
wenn die Welt ruht
seufzt die Seele in Sehnsucht
lange schon sind wir getrennt

Im Frühjahr und Sommer, wenn alles um uns herum blüht und duftet, erwachen in Stunden der Ruhe in unseren Herzen die unterschiedlichsten Gefühle, tauchen Erinnerungen auf: an süße und bittere Erfahrungen, an Siege und Niederlagen, und vielleicht erhebt sich eine unerklärliche Nostalgie in uns. Nach „etwas“, das wir noch nicht erfahren haben, nach „etwas“, das ganz außerhalb unseres Erfahrungsbereichs liegt. Und wie ein Karstfluss an die Oberfläche durchbricht, erfüllt uns die Sehnsucht nach einem Zustand, der längst verloren gegangen ist.

Ungeachtet aller Schönheit der Jahreszeit, ungeachtet der Freude und des Wohlbehagens an sonnigen Tagen, sehnt sich die Seele nach „etwas“:

… lange schon sind wir getrennt … es klopft weiterhin in meinen Herzen.

Der Himmel über uns
ist ein Schatten des Umhangs
sieben Stockwerke des Himmels
sind in meiner Brust

Und das Himmelsgewölbe, wie erhaben und endlos es auch erscheinen kann, wie sehr es uns, angesichts unserer winzigen Erscheinung, den Atem zu rauben vermag, ist nur eine der Grenzen unserer abgetrennten Welt. Der Kosmos, den ich kenne, erscheint mir als Gefängnis für die Seele. Die Augen sehen weit hinaus. Doch nur so weit, als mein Bewusstsein reicht. Es ist von Schleiern bedeckt. Wie sehne ich mich nach klarer Sicht! Welch enorme Kraft liegt in mir, in jedem von uns. Doch sie offenbart sich nicht. Sie ist tief innen, geschützt vor uns. Sieben Welten liegen in mir, sieben Unendlichkeiten. Sieben Stockwerke des Himmels sind in meiner Brust.

Der Frühling ist in uns
wenn die Tränen vergehen
und die Wüste erblüht
unseren Augen enthüllt sich das Paradies.

Eines Tages erwacht die Sehnsucht nach jenem Licht und jener Schönheit, die nicht vergehen. Ist die Ewigkeit nicht unsere Bestimmung? Sie ruft uns, sie ist in uns. In Selbstvergessenheit, in der Stille, in der Hingabe an sie öffnet sich das Fenster, durch das die Seele sehen kann. In einem Moment verwandelt sich die Wüste in eine duftende Wiese – den Garten Eden – das Zuhause der Seele.

Gemälde vom Julius Exter

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