Selbsterfahrung

Weltmeister werden

In diesen Tagen geht die Aufmerksamkeit nach Südafrika. Was ist es, das uns an der Weltmeisterschaft so fesselt?

Darauf gibt es viele Antworten. Ich muss gestehen: Ich bin Fußball-Laie. Das mag bedauerlich erscheinen. Ich weiß nur: Man möchte gewinnen. Und wenn „wir” gewinnen, gewinnen wir alle. Wir werden Weltmeister – oder auch nicht. Es hängt davon ab, wie gut unsere Mannschaft ist, ob sie eine „glückliche Hand” hat, besser gesagt: einen glücklichen Fuß, ob der Trainer das richtige Konzept gegen die gegnerische Mannschaft entwickelt hat, wie stark der Gegner ist, ob der Schiedsrichter unparteiisch ist und noch von vielem anderen, auch vom Wetter. Es ist also sehr unsicher, ob ich Weltmeister werde.

Aufmerksam wurde ich auf den Fußball bei der letzten Weltmeisterschaft. Plötzlich sah man überall Deutschlandfahnen, die im Wind flatterten. Eigentlich zeigen wir Deutschen ja nicht mehr Flagge. Aber dies war wohl eine Gelegenheit, nachzuholen, was im Unbewussten schlummerte.

Und jetzt ist wieder Weltmeisterschaft. Erneut flattern unsere Fahnen im Wind.

Warum zeigen wir Flagge – auf Hüten, Shirts, und am Auto?
Gibt es dafür noch einen tieferen Grund?

Was verbindet uns als einzelne mit der Deutschlandfahne? Vielleicht ein Gefühl der Zugehörigkeit, der Zusammengehörigkeit, der Verbundenheit? Wir sind soziale Wesen und von dem Wunsch beseelt, dazu zu gehören. Wir möchten mit jemandem vereint sein. Im Kleinen wie im Großen: mit Familie, Volk, Land, globaler Welt.

Woher kommt der Wunsch, nicht allein da stehen zu wollen, der Wunsch, zu jemandem zu gehören? Da ist der Drang, das eigene Sein und Seinsgefühl zu erweitern, ja zu überwinden. Das Gefühl möchte auch über Partnerschaft und Familie hinauswachsen. Eine Ursehnsucht nach Harmonie kann uns ergreifen, in der alle Gespaltenheit und Vereinzelung aufhört.

Ich kenne die Sehnsucht, von einer Kraft getragen zu werden, die ich vollkommen bejahen kann, in der ich vollkommen aufgehen kann, ohne jeden Vorbehalt.

Eine große tragende Kraft im Universum kann auch mit meiner kleinen Wesenheit Verbindung aufnehmen. Wenn ich mir dieser alles durchdringenden Kraft bewusst werde, erhalte ich Anteil an einem grenzenlosen Reichtum.

Viele haben diesen Schatz gefunden und sind in ihm aufgegangen. Ich stelle mir vor, dass sie Sternen am Abendhimmel gleichen, die mit ihrem Licht auf den göttlichen Funken in unserem Herzen hinweisen, der nicht aus der Welt der Begrenztheit stammt. Er ist der Beginn meines Weges, der Beginn des Allgefühls.

Zurück zur Weltmeisterschaft: Vor einigen Tagen las ich einen Zeitungsbericht mit der Überschrift: „Fast so großartig wie Gott”. Der Reporter schrieb über Diego Maradona, den Trainer der argentinischen Mannschaft. Er wird in Argentinien „el Diez” genannt, die Zehn, oder schlicht „Dios” (Gott). An seinem Geburtstag feiern viele seiner Fans Weihnachten. „Die Atmosphäre im argentinischen Camp”, so heißt es in dem Artikel, „trägt Züge einer Wallfahrt. Fußball ist in Argentinien eine noch ernstere Sache als anderswo und die Nationalelf eine Frage der nationalen Identität. Gefragt, was für ihn ein gutes WM-Abschneiden wäre, sagt Carlos Tevez (der Stürmer und Torjäger der Argentinier): Nur der Sieg. Für Argentinien gibt es kein Viertel- oder Halbfinale. Für den Titel würde ich alle meine Erfolge geben.”

Und er fügt hinzu: „Man muss sich für die Mannschaft opfern. Hier geht es nicht um mich.”

Der Bericht schließt mit den Sätzen: „Als Tevez Maradona mit nur einem Wort beschreiben soll, ziert er sich lange, und obwohl man glauben möchte, dass das für einen Mann seiner Statur und mit diesem Gesicht kaum möglich scheint, wirkt er doch kurz verlegen. Nach einigen Momenten der Stille sagt Carlos Tevez leise, es ist beinahe ein Flüstern: ‚Er ist ein Phänomen.'”

Es geht um alles oder nichts. Es geht um die Weltmeisterschaft. Dafür muss man sich opfern. „Es geht nicht um mich.”

Klingt hier nicht etwas an, das über den Fußball hinaus weist? Ich meine, im Leben eines jeden Menschen geht es darum, Welt-Meister zu werden.. Aber in einem besonderen Sinne. Nichts gegen Fußball. Es ist wohl der großartigste Sport der Welt. Doch: Wird hierbei vielleicht ein Ur-Wissen, eine Menschheitsaufgabe, spielerisch abreagiert?

Wir sind dazu gerufen, Welt-Meister zu werden, Meister über die Welt in uns. „Seid getrost, ich habe die Welt überwunden”, so sprach der, der den befreienden inneren Weg weist. Das Echo seiner Worte, die Spuren seines Weges sind in unserem Unbewussten verankert.

Sie können in uns erwachen und uns dazu drängen, ihnen Gestalt zu verleihen. Wenn wir das versuchen, wenn wir den Worten und dem Weg folgen, führen sie uns in die Fremdlingschaft. Die Welt verlacht uns dann. Der Weg führt gleichsam in die Nacht. Allerdings zu den Sternen.

Gibt es noch mehr Gleichnishaftes in der Beziehung zum Fußball? Im deutschen Wort „Ball” steckt „All”. Das muss in uns hinein, in das „Tor”. Auch im O steckt das All als Symbol. Aber da gibt es den Torwart, der aufpasst. Unser Ich. Es hütet die Schwelle, behauptet sich. Das All im Großen soll sich nicht mit unserem All im Kleinen vereinen.

So geht es um die Frage: Gewinnt das Ich oder gewinnt das Universelle?

„Wer sich selbst überwindet, gewinnt das All”, sagt die Weisheitslehre des Hermes Trismegistos.

Ich wünsche mir: Möge das entscheidende Tor fallen und meine Seele im eigenen System und in der Verbundenheit mit allem Welt-Meister werden.

Abbildung: Fußball WM 1936 (Wikipedia)
Kommentare

Ihr Kommentar