Selbsterfahrung

Weihnachten

Nach einem fordernden Arbeitstag ging ich spazieren. Der spätherbstliche Wind spielte mit den Blättern. Es war bereits dunkel. Ich erreichte eine Kirche und lauschte vor dem Gebäude dem übenden Organisten. Ich kam richtig zur Ruhe, weil ich mich in sein Spiel hinein versetzte und den im Wind schaukelnden leuchtenden Weihnachtsstern in den Gewölben am Eingang beobachtete.

Es stiegen Gedanken in mir auf: Es ist Dezember und die Menschen drängen sich in der Innenstadt und die Autos verstopfen die Straßen. Auf dem Weihnachtsmarkt ist reges Treiben.

Warum sind die Menschen so nervös? Was peitscht sie auf? Warum sind sie so unruhig? Warum sind so viele Menschen auf den Beinen, wie das ganze Jahr über nicht?

Es ist, als ob sie die schönsten Weihnachten feiern wollten.
Es ist, als ob sie Angst hätten, die Wünsche ihrer Angehörigen nicht gut genug erfüllen zu können.

Es ist, als ob sie befürchteten, ein wichtiges Geschenk im Geschäft nicht zu finden.
Es ist, als ob sie mehr Liebe in sich spürten.
Es ist …

Tief im Menschen schlummert ein Gottesfunke. In der dunklen Jahreszeit, während der kürzesten Tage im Jahr ruft dieses Flämmchen im Herzensgrund verstärkt, weil sich das ebenfalls rufende Christus-Licht herabsenkt. Den Menschen ist es nicht mehr bewusst, dass das Licht zu ihnen kommt, wenn sie stille werden, wenn sie sich besinnen, besinnen auf die wirklichen Weihnachten, auf die geweihten Nächte.
Sie suchen das Licht im Außen, im Befriedigen ihrer Sinne und der Sinne ihrer Lieben. Dadurch versperren sie den eigentlichen Zutritt des Lichtes zu ihren Herzen. Gerade an den kurzen Tagen des Jahres kann Jesus im „Stall des Herzens” geboren werden.

Die Menschen betäuben ihre innere Unruhe, die Sehnsucht nach Frieden, im veräußerlichten Weihnachtstrubel. Der Mensch, der an Weihnachten alleine zu Hause feiert, ist traurig, weil er die Einsamkeit und die ungewohnte Stille nicht erträgt. …Oder … er erfährt eine Wärme, ein bisher nie gekanntes Licht.

Er verspürt das Gefühl einer geheimnisvollen Berührung in den Rauhnächten, einen verheißungsvollen Zauber, der auf unerklärliche Weise sein Herz anrührt. Gleich dem strahlenden Blick glücklicher Kinder. Ein inneres Gefühl, wie wenn er verliebt ist, eine unerklärliche Freude.

Als ich ein Kind war, erlebte ich tiefe innere Freude, unermessliches Glück. Ich war dabei, die Materie, die Welt zu erforschen und fühlte mich innerlich reichlich beschenkt, wenn ich ein heiß ersehntes Spielzeug auspackte.

Ein Kind ist noch nicht in der Materie versunken. Es ist dem Christus-Licht noch viel näher als ein Erwachsener und sieht durch die Materie das Licht hindurch leuchten. In der Bhagavad Gita steht geschrieben: „Lerne, dass alle Formen nur Schleier sind, welche die Glorie der Göttlichkeit verbergen.” – Vielleicht spürt ein Kind beim Anblick eines Tannenbaumes mit brennenden Kerzen: Es ist das Lichtkleid des Christkindes.

Es ist eine Vorahnung vom Christus-Menschen, der im Herzen geboren werden kann.

Foto: Hermann Achenbach

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