Selbsterfahrung

Weder Spatz noch Taube!

Lieber die Taube auf dem Dach, als den Spatz in der Hand?
Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach?

Vor ein paar Tagen habe ich in einem Gespräch mit Freunden mit diesem Sprichwort herumgespielt. Dann aber dachte ich, dass diese beiden Versionen doch eigentlich auf etwas sehr Wichtiges verweisen.

Wir alle kennen doch Menschen, die ganz nach dem Prinzip „Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach” leben. Sie entscheiden sich dann vielleicht für einen Beruf, der nicht ihren Vorstellungen entspricht, aber eine sichere Lebensgrundlage verspricht. Und dann kenne ich auch Menschen, die sich für die zweite Version entschieden haben. Das sind zum Beispiel diejenigen, die sich immer wieder in Menschen verlieben, die unerreichbar sind. Entweder ist er oder sie schon vergeben oder aus anderen Gründen unerreichbar. So müssen sie sich nie für die Beziehung entscheiden, erhalten sich aber das Gefühl der Sehnsucht und Verliebtheit – ohne Konsequenzen ziehen zu müssen. „Lieber die Taube auf dem Dach als den Spatz in der Hand” …

Ist es aber, so frage ich mich, überhaupt sinnvoll, eine Entscheidung zwischen „Taube” und „Spatz” zu fällen? Es geht doch darum, wie wir mit den Anforderungen, die das Leben an uns stellt, umgehen.

Gibt es nicht noch einen dritten, ganz anderen Weg?

Wenn die Taube für das Ideal steht, für die Utopie, dann steht sie für das „Nirgendwo”, zu dem kein Weg zu finden ist. Und wenn der Spatz für das Sichtbare, Reale, Erreichbare steht, dann steht er für das Begrenzte, schon Bekannte, Vertraute. Das Beharren auf einer dieser beiden Sichtweisen ist, so denke ich, aus Angst heraus entstanden. Aus Angst vor der Begrenzung, dem Festgefahrenen, dem mich Bindenden, entscheide ich mich für „die Taube auf dem Dach.” Habe ich Angst vor dem Unbekannten, dem Neuen, dem Unsicheren, dann entscheide ich mich für „den Spatz in der Hand.”

Egal, wohin ich schaue, auf die Taube auf dem Dach oder auf den Spatz in der Hand – wenn ich so wahr nehme, nehme ich nicht wirklich wahr. Denn Angst trübt meinen Blick auf die Realität. Mein Vertrauen in mich selbst ist dann durch Angst erschüttert. Ich nehme nicht die Möglichkeiten wahr, die ich habe. Wirkliche Achtsamkeit und Gewahrsein dessen, was ist, was das Leben von mir verlangt und was es ermöglicht, setzt, glaube ich, ganz viel Mut voraus. Woher soll ich diesen Mut nehmen? Es heißt ja auch: „Wage (!) zu wissen” (sapere aude) – habe den Mut, zu wissen, habe den Mut, dich, dein Umfeld, deine Beziehungen und dein Handeln so zu sehen, wie sie sind.

Woher nehme ich diesen Mut?

Ich nehme ihn nicht – ich nehme ihn dankbar an.

Bettina von Arnim ( 1785-1859 ) formulierte es so:
„Selbstvertrauen ist Vertrauen auf Gott: Er wird mich doch nicht stecken lassen.”

Foto: H. Achenbach
Kommentare

Ihr Kommentar