Selbsterfahrung

Was mich meine Magersucht lehrte

Als sich bei mir mit 16 Jahren Symptome von Magersucht einstellten, konnten weder ich noch meine Familie oder die Psychologen diese „Krankheit‘ deuten. Insofern ich meine Beweggründe nennen konnte, war für die anderen schnell „alles klar”, jetzt brauchte ich ja nur noch normal zu essen und dann war das „Problem” behoben. Dieser oberflächliche Umgang mit meinem seelischen Schmerz, der hinter der Magerkeit steckte, zeigte mir, dass man für gewöhnlich nur die Erscheinung der Dinge als real betrachtete und tiefer liegende Ebenen für nicht existent erachtete. So war ich mit meiner Seele, die weinte, also allein, abgetrennt von der Welt, ihren Freuden und Vergnügungen, aber auch abgetrennt von der Einheit, dem Göttlichen.

Dabei war ich doch so gläubig gewesen, hatte hingebungsvoll in der Kirche die Messe gehört und es nicht dulden können, wenn meine Eltern sonntags „schwänzten”. Es war mir klar: Ich würde ins Kloster gehen. Noch bei meiner Konfirmation hatte ich für mich den Namen „Adelheid” gewählt – ja, ich wollte rein sein; mich durch Gottesdienst zu adeln war mein innigster Wunsch.

Dann war alles anders gekommen: Die Holocaust-Filme flimmerten erstmalig Mitte der 60er über die Bildschirme und ich erkannte an der deutschen Kriegsgeschichte, was das Böse ist, litt unter der Verwicklung der Elterngeneration in die Barbarei, versagte ihnen die Gefolgschaft und sprach ihnen und den beteiligten Autoritäten das moralische Recht ab, über mich zu befinden – dazu gehörte auch die Kirche, die sich nicht unbeschadet gehalten hatte. Die helle Empörung schoss in mich ein: Welch ein Verrat an der Gottesidee! Und es war wie ein politisches Erwachen. Mit 16 Jahren trat ich aus der Kirche aus – trotz der Aussicht, in die Hölle zu kommen, so mahnten meine Paten Hände ringend – , und kurz darauf in die SPD, bei den Jusos, ein. Es war klar: Mit der Hingebung war es vorbei, jetzt musste verhindert werden, dass so etwas wieder geschah, und Kampf war angesagt denjenigen, die in meinen Augen das Übel angerichtet hatten und immer noch nicht einsichtig geworden waren.

Doch dann stellte sich langsam, aber sicher eine „Krankheit” ein: die Magersucht. Ich fühlte mich „dick”, in meiner menschlichen Form gefangen, die keine Durchlässigkeit hatte zum Göttlichen, das ich nicht wahrnehmen konnte, ich spürte nur Versunkenheit im Stoff. Nein, so hatte ich nicht gewettet, bevor ich mich auf dieses Leben einließ, das war so nicht abgemacht! Ich kündigte dieses Leben auf mitsamt seiner Oberflächlichkeit des Sinnenrausches, der für junge Leute wohl „Glück” bedeuten sollte; mitsamt dem Streben nach Macht, Geld und Ansehen, das letztlich doch in Herrschsucht, Hartherzigkeit und Gewalt endete.

Nunmehr hielt ich es mit den Existentialisten: Mich ekelte vor allem, auch vor meiner Körperlichkeit … So wog ich noch 38 Kilo und hatte schließlich einen Zusammenbruch – fern ab von zu Hause, in Angers, Frankreich, wo ich in der Zeit zwischen Abi und Studium jobbte. Ich konnte nicht mehr sprechen, hatte entsetzliche Schmerzen, lag im Koma, sah den berühmten Lichtschacht und hörte aufgeregte Worte sprechen, dass ich zu früh gekommen sei, dass ich doch noch eine Aufgabe habe …. Ein dumpfes Erinnern erfolgte, ich versprach, es nicht mehr so weit kommen zu lassen, dann holten mich die Ärzte zurück, päppelten mich durch Infusionen auf, entließen mich erneut, in die Freiheit – oder in die Hölle?

Das Leben ging langsam über in eine Suche nach dem Sinn des Daseins: Da war immer noch die Politik, die mit ihren Gegnern hart verfuhr, das bekam man zu spüren, da war immer noch der starke Drang nach Solidarität mit Benachteiligten, der Kampf gegen die vielen Ungerechtigkeiten der Welt; aber auch der Eintritt in die Anthroposophie und das Studium der Lehren Rudolf Steiners. Es folgten sieben Jahre Arbeit als Waldorflehrerin. Ich meinte, angekommen zu sein, doch dann signalisierte man mir, dass ich hier nicht „richtig” sei und erneut war ich hinaus katapultiert, vor die Tür. Und ich ging, verließ Deutschland, um nie wiederzukehren in dieses „lieblose Vaterland der verhärteten Seelen”, zu denen eine Verbindung aufzunehmen nicht möglich schien.

Eine harte Wirtschaftkrise in Argentinien nahm jedoch die Existenz und ein schönes, liebevoll erbautes Haus und warf mich 5 Jahre später wieder an die Küste des kalten Nordens. Wiederum schien es, dass ich unerwünscht war. Bei der Stellensuche musste ich mich hinten anstellen. Wer ins Ausland geht, wer beim Heimspiel nicht dabei ist, ist Außenseiter. Das brannte in der Seele und ließ die Sehnsucht nach dem wahren Sein hoch aufflammen, das ich hinter all den Schleiern erahnte, das mich stets begleitet und irgend wie zu mir gesprochen hatte.

So begann sich der Handschuh in mir langsam nach innen zu stülpen, um zu überwinden, was trennte, um die „Entelechie” zu entdecken, wie sie Lessing und Aristoteles erklärten, die Wesenheit, die das Ziel in sich trägt. Das war meine Sucht, die mir immer treu geblieben war, deshalb hatte ich „mager” sein wollen, ich hatte nur an der falschen Stelle, im Außen, bei den Menschen, in der Politik, im Ausland, einen Ausweg, einen Durchlass gesucht. Nun war ich endlich mit Kafka an die Grenze gekommen, der bekanntlich die Katze zur Maus sagen lässt: „Du suchst den Ausgang? Du musst bloß die Laufrichtung ändern…” – ja, dieses Mal war ich in die richtige Richtung gelaufen, dorthin, wo kein Ekel war, kein Kampf, kein Gefressenwerden, hinter dem Tunnel sah ich – wenn auch noch dumpf und nicht greifbar – wieder das mir bekannte Licht.

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